Zukunft trifft Vergangenheit: Passt „DSDS“ in die Generation TikTok?

Man muss sich das vielleicht einmal vor Augen führen. Wer heute volljährig ist, hat die erste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ nicht miterlebt; kann nicht erahnen, welcher Hype dieses Land einst erfasste, als Daniel Küblböck über das Ausscheiden von Gracia Baur bitterlich weinte und sich der spätere „Tarzan“ Alexander Klaws im Finale gegen Juliette Schoppmann durchsetzte.


Fast ein Vierteljahrhundert später wirkt „Deutschland sucht den Superstar“ von damals wie aus einer anderen Zeit. Einst Gesprächsthema auf jedem Schulhof, schauen junge Menschen unter 30 heute im Schnitt nicht mal mehr eine halbe Stunde lineares Fernsehen am Tag. Tendenz: Weiter sinkend.

Wie realistisch ist es also, dass sich ebenjene Menschen der Generation TikTok im Jahr 2026 am Samstagabend vor den Fernseher setzen werden, um drei Stunden lang anderen Menschen beim Singen zuzuschauen? Es sind, zugegebenermaßen, ernüchternde Rahmenbedingungen, in denen sich „DSDS“ beweisen muss, wenn RTL seinen Dauerbrenner in die nunmehr 22. Staffel schickt. Und vermutlich hat man selbst in den Chefetagen des Kölner Privatsenders nur noch wenig Hoffnung, einen neuerlichen Hype auszulösen, wenn der inzwischen 72-jährige Jury-Chef Dieter Bohlen in Camp-David-Montur und mit altbekannten Sprüchen („Du singst wie ein Stier, dem man von hinten was in die Gedärme rammt.“) seinen Daumen über die vor ihn tretenden Kandidaten hebt oder senkt.

Dass es nicht etwa RTL war, das in dieser Woche zum Preview-Screening der neuen Folgen lud, sondern die Produktionsfirma UFA Show & Factual, für die die Castingshow über Jahrzehnte einer der wichtigsten Aufträge darstellte, kann man als Ausdruck dieser Hoffnungslosigkeit lesen.


Deutschland sucht den Superstar

© RTL / Stefan Gregorowius
Mit 18 zu „DSDS“: Kandidat Tyrell versucht sein Glück.

Überhaupt scheint in diesem Jahr bei „Deutschland sucht den Superstar“ in diesem Jahr alles ein wenig überschaubarer auszufallen. Die Castings wurden ins Deutzer Sendezentrum verlagert, wo sonst die NFL-Übertragungen anmoderiert werden, und anstelle ferner Länder muss der Europapark als Schauplatz für den Recall herhalten. Immerhin drei Live-Shows leistet man sich am Ende noch, ehe Anfang Mai, nach gerade einmal zehn Folgen, auch schon der neue „Superstar“ feststeht, der – je nach Entwicklung der Quoten – auf absehbare Zeit der vorerst letzte sein könnte.

Einiges spricht dafür, dass diese einst so prägende Castingshow ihren Zenit weit überschritten hat. Gleichwohl kann man der UFA schwer absprechen, sich noch einmal im Rahmen der Möglichkeiten ins Zeug gelegt zu haben. Das gilt insbesondere für die begleitende Reality-Soap, die bei RTL+ für frischen Wind sorgen soll. Die Jury, die neben Bohlen diesmal aus Ballermann-Sängerin Isi Glück und Rapper Bushido besteht, harmoniert zudem augenscheinlich gut; und die Idee, die Castings nicht mehr als wilden Zusammenschnitt zu zeigen, sondern chronologisch nach der Reihenfolge der Auftritte, sorgt für eine stimmige Harmonie, weil die finale Entscheidung darüber, wer das Ticket für den Europapark bekommt, erst am Ende jeder Folge fällt. Dazu kommt, dass langatmige Homestorys und Backstage-Interviews ebenso wegfallen wie die längst aus der Zeit gefallenen Überinszenierungen.


Ein Stück weit fühlt man sich fast an die Anfangstage von „DSDS“ erinnert, als die Castings noch nicht auf Hochglanz getrimmt waren, sondern in stickigen Hotel-Konferenzräumen abgehalten wurden. Der erste Kandidat, der sich vor der Jury beweisen will, um „Superstar“ zu werden, ist 18 Jahre alt. Zu einem späteren Zeitpunkt soll es noch ein Wiedersehen mit Menowin Fröhlich geben. Zukunft trifft auf Vergangenheit. Irgendwie eine treffende Beschreibung für „Deutschland sucht den Superstar“ im Jahr 2026.

„Deutschland sucht den Superstar“, samstags und dienstags um 20:15 Uhr bei RTL