Zugunglück in Spanien: Die Schreckensnacht nahm kein Ende

Die Schreckensnacht nahm kein Ende. Erst das Morgengrauen brachte das Ausmaß des Unglücks zutage. Zwei völlig verdrehte Waggons waren eine vier Meter tiefe Böschung heruntergestürzt, die nur über einen Feldweg erreichbar ist. Bis in die frühen Stunden des Montags kämpften sich die Rettungskräfte zu den eingeklemmten Verletzten und Toten des entgleisten Alvia-Zuges vor.

Oben auf den Gleisen in der Nähe des andalusischen Dorfes Adamuz lagen auf einer Länge von mehreren hundert Metern umgestürzt die roten Waggons des Iryo-Hochgeschwindigkeitszugs aus Málaga, der zuerst entgleist war und den Alvia-Zug von Madrid nach Huelva auf dem Gegengleis mit sich gerissen hatte. Mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern war es ein Aufprall, den ein überlebender Fahrgast mit einem kleinen „Beben“ verglich. Rettungskräfte fanden Leichname teils Hunderte Meter vom Unglücksort entfernt.

Ganz Spanien steht unter Schock. Es ist das schlimmste Zugunglück, seit 2013 bei Santiago de Compostela im Norden Spaniens ein Alvia-Schnellzug in einer Kurve verunglückte. Damals kamen 80 Menschen ums Leben. In Andalusien stiegen die Totenzahlen in den Stunden nach dem Unglück immer weiter an. Erst war am Sonntag von zwei, dann von fünf, am Morgen von 39 Toten die Rede. Doch da hatte der große Kran die Trümmer des Alvia-Zuges noch gar nicht angehoben.

Eine Aufnahme der Guardia Civil zeigt die Trümmer des Alvia-Zuges.
Eine Aufnahme der Guardia Civil zeigt die Trümmer des Alvia-Zuges.EPA

Im „Pensionistenheim“ von Adamuz begann die Identifizierung der Leichname, während es von den Behörden weiter hieß, dass man noch keine endgültige Totenzahl nennen könne. In den Krankenhäusern liegen zudem mehr als 20 Schwerverletzte, mehr als 150 Menschen wurden verwundet. Am Sonntagabend waren 317 Fahrgäste an Bord des Iryo 6189 aus Málaga. In dem langsameren Alvia-Langstreckenzug mit der Nummer 2384 aus der Hauptstadt in die Hafenstadt Huelva am Atlantik gut 187. Zunächst konnte am Montag niemand genau sagen, wie viele Vermisste es noch gab.

Verkehrsminister: „Es ist ein unglaublich seltsamer Unfall“

In einer Pressekonferenz am frühen Montagmorgen erklärte Verkehrsminister Óscar Puente: „Es ist ein unglaublich seltsamer Unfall. Wir wissen nicht, ob es am rollenden Material oder an den Gleisen lag.“ Der Streckenabschnitt sei im vergangenen Frühjahr erneuert worden, der Iryo-Zug sei „praktisch neu“ gewesen, sagte der sozialistische Politiker. Am Montag wurde bekannt, dass er 2022 in Betrieb genommen wurde. Es handelt sich um das Modell Frecciarossa (ETR 1000), das auch in Italien im Einsatz ist. Der Hersteller Hitachi Rail habe den Zug zuletzt am vergangenen Donnerstag überprüft.

Der Präsident des staatlichen Eisenbahnbetreibers Renfe, Álvaro Fernández Heredia, bat im spanischen Rundfunk um Geduld. Es sei noch zu früh, um etwas über die Ursachen sagen zu können. Nach seinen Worten kam es zu der Entgleisung auf gerader Strecke, alle Sicherheitssysteme seien aktiviert gewesen. Die Züge seien langsamer gefahren als eigentlich für den Abschnitt vorgegeben. „Es ist ein Unfall unter ungewöhnlichen Bedingungen“, sagt auch Renfe-Chef Heredia. Fachleute sehen das ähnlich.

Der Vorsitzende des Verbands der Bauingenieure, Antonio Trigueros, vermutete im spanischen Fernsehen „einen Fehler im Fahrwerk“ des Iryo, dessen letzte Wagen zuerst entgleist seien, bevor es zur Kollision mit dem Alvia kam. Es sei „fatal“ gewesen, dass der zweite Zug in einem zeitlichen Abstand von nur 20 Sekunden vorbeifuhr. Das habe dazu geführt, dass das Sicherheitssystem den Zug auf dem anderen Gleis nicht erkennen konnte und es zu dem Aufprall kam. „Wäre mehr Zeit vergangen, hätte das Sicherheitssystem den Alvia gestoppt“, versicherte Antonio Trigueros.

Bürgermeister von Adamuz: Habe Schreckliches gesehen

Die Überlebenden und Verletzten fanden sich plötzlich in der Nacht zum Montag mitten im andalusischen Nirgendwo wieder. Die Herausforderung für die Rettungskräfte war immens. Das nächste Dorf ist Adamuz mit etwas mehr als 4000 Einwohnern und einer Polizeistation. Die ersten Feuerwehren rückten aus Nachbarorten an, lange bevor sich die Notfalleinheit der Armee (UME) in Marsch setzte.

Der Bürgermeister von Adamuz, Rafael Moreno, war kurz nach 20 Uhr als einer der ersten Helfer an der Unglücksstelle. „Es gab einen Körper, der in zwei Hälften geteilt war. Aber es gab kein Licht, es war Nacht. Die Szene ist dantesk“, sagt er spanischen Medien. Er habe Schreckliches gesehen, aber die Solidarität der Menschen aus seinem Dorf sei vorbildlich gewesen. Viele eilten mit Decken und Essen zu Hilfe, boten Überlebenden Schlafplätze und ihre Autos an. Im Gemeindesaal wurde ein Notlazarett eingerichtet, das 170 leicht Verletzte behandelte.

Angehörige setzten sich kurzerhand ins Auto

Verzweifelte Angehörige und Freunde machten sich auf die Suche, nachdem der telefonische Kontakt in die entgleisten Züge abgerissen war. Ein Mann aus Huelva, wohin der Alvia-Zug unterwegs war, hatte sich in sein Auto gesetzt und war drei Stunden nach Adamuz gefahren: Zwanzig Minuten vor dem Aufprall habe er zum letzten Mal mit seiner Frau telefoniert und seitdem nichts mehr gehört, berichtete er dem Sender RTVE. In den Bahnhöfen von Málaga, Madrid und Huelva kümmerten sich Psychologen und Sanitäter um die wartenden Menschen. Viele Passagiere strandeten in der Nacht am Madrider Atocha-Bahnhof, weil der Zugverkehr nach Andalusien eingestellt wurde.

Angehörige der Zuginsassen warten in Huelva auf Informationen.
Angehörige der Zuginsassen warten in Huelva auf Informationen.EPA

In Spanien brachte die Katastrophe das politische Leben zum Stillstand. In Kastillien-León sagte der regionale Regierungschef seinen Auftritt ab, bei dem er Neuwahlen für den 15. März ankündigen wollte. Ministerpräsident Pedro Sánchez verzichtete auf seine Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos und begab sich nach Andalusien. Die spanische Königsfamilie, die in Athen bei der Beisetzung von Irene, der am Donnerstag verstorbenen Schwester von Königin Sofía war, versicherte den Angehörigen der Opfer ihr tiefstes Beileid. Sie wollten am Dienstag nach Adamuz kommen. König Felipe VI. sagte in Athen: „Ich verstehe die Verzweiflung der Familien. Wir sind alle besorgt.“ Er übermittelte den Familien der Verstorbenen sein Beileid.

Die Katastrophe ereignete sich auf der ersten Hochgeschwindigkeitsstrecke, die 1992 in Betrieb genommen worden war. In Spanien ist man stolz auf das nach China zweitgrößte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt. Auf den „Líneas de alta velocidad“ erreichen die Züge zwischen 250 und 310 Kilometer pro Stunde, bald sollen es noch mehr sein. Seit der Liberalisierung des Netzes haben die AVE-Züge der Staatsbahn Renfe Konkurrenz durch die „Roten Pfeile“ des italienisch-spanischen Gemeinschaftsunternehmens Iryo und die doppelstöckigen TGVs von Ouigo (in Kooperation mit der französischen Staatsbahn SNCF) bekommen. Die Bahngesellschaft reagierte darauf mit der Billigmarke Avlo. Für das rund 4000 Kilometer lange Netz bedeutete die neue Konkurrenz einen Stresstest. Nach den fast idyllischen AVE-Zeiten häuften sich zuletzt Verspätungen und Pannen. Es kam zu regelrechten Chaostagen, die an Deutschland erinnerten.

Am Montag ruhte der Zugverkehr von Madrid in den Süden Spaniens, und es war ungewiss, wann er wieder aufgenommen wird. Zu dem Unglück war es kurz vor Córdoba gekommen, bevor sich die Hochgeschwindigkeitsstrecke in Richtung Málaga und Granada sowie nach Sevilla und an die Atlantikküste teilt. Wie lange die Sperrung dieses wichtigen Südkorridors noch andauert, blieb unklar. Wann Klarheit über die Unfallursache besteht, wird noch viel länger dauern. „Mir scheint, dass die Untersuchung sehr komplex sein und mindestens einen Monat dauern wird“, sagte Verkehrsminister Puente.