Coco Gauff hatte wirklich ihr Bestes gegeben, zumindest nach dieser Klatsche. In der Rod Laver Arena hatte sie noch ihre Gefühle im Griff. Sie gratulierte fair ihrer Gegnerin Elina Switolina, die sie am Dienstag mit 6:1, 6:2 in nur 59 Minuten besiegt hatte, selten hat die 21-jährige Amerikanerin, immerhin zweimalige Grand-Slam-Siegerin, derart klar verloren. Irgendwohin musste der Frust. Als sie in einem der Gänge im Bauch der Arena war, brachen die Emotionen aus ihr heraus. Gauff nahm einen Tennisschläger, ging um eine Ecke in einen anderen Gang, sie wollte unbemerkt sein. Dann hackte sie mehrmals das Racket auf den Boden.
Die Tenniswelt weiß das alles, weil Coco Gauff gefilmt wurde. Von einer der offiziellen Kameras dieser Australian Open. Jeder Hieb wurde festgehalten, der Öffentlichkeit serviert. Prompt folgten Schlagzeilen wie: „Tennis-Superstar flippt in Katakomben aus!“

:Die Tennisgötter meinen es gut mit Djokovic
Novak Djokovic steht auf skurrile Weise im Halbfinale: Erst entgeht er einer Disqualifikation, dann tritt sein Gegner nicht an, im Viertelfinale gibt sein Kontrahent nach 2:0-Satzführung auf – der Serbe kann es kaum glauben.
Dass sich der Veranstalter der Australian Open, der Verband Tennis Australia, jetzt einer Debatte ausgesetzt sieht, die sicherlich negativer Natur ist, liegt an Gauff, die in der Medienkonferenz die Big-Brother-Strategie des Grand-Slam-Turniers mutig kritisierte. In den vergangenen Jahren hatte Turnierdirektor Craig Tiley immer mehr Kameras installieren lassen, um die Fernsehzuschauer noch näher an die Akteure heranzulassen. Alles wird hier vermarktet. „Ich versuchte, irgendwohin zu gehen, wo sie nichts übertragen, aber offensichtlich haben sie mich gezeigt“, sagte Gauff. „Vielleicht sollte man mal darüber reden, weil ich bei diesem Turnier das Gefühl habe, der einzige private Ort ist der Umkleideraum.“
Tatsächlich ist es so, dass in sehr vielen Ecken der Anlage Kameras lauern. Auch in Bereichen, in denen sich Spieler früher unbeobachtet fühlen konnten. So sieht man etwa das Bild namens „Court Access Walkaway“; dort warten die Spieler nervös, ehe sie zu einem Match müssen. Beim World Feed „Player Gym“ sieht man Profis auf Spinningrädern sitzen. Wer Pech hat, wird gezeigt, wie er in der Nase bohrt. Stolpert. Jemanden küsst, wie Switolina ihren Ehemann Gaël Monfils; die Ukrainerin spielt im Halbfinale gegen die Belarussin Aryna Sabalenka. Die Kamera „Player Arrivals“ zeigt die Ankunftszone, zu sehen dort: wie Spieler in Golfwägelchen sitzen. Gauff indes ist nicht allein. Ihr sprangen am Mittwoch namhafte Profis bei, der Unmut scheint allseits groß zu sein.
„Ich bin überrascht, dass wir keine Kameras haben, während wir duschen“, sagt Novak Djokovic
„Die Frage ist: Sind wir Tennisspieler? Oder sind wir Tiere im Zoo?“, sagte die sechsmalige Grand-Slam-Gewinnerin Iga Swiatek in aller Deutlichkeit, die nach ihrer 5:7, 1:6-Viertelfinalniederlage gegen die Kasachin Elena Rybakina (trifft im Halbfinale auf die Amerikanerin Jessica Pegula) befragt wurde. „Ich denke nicht, dass das so sein sollte“, monierte die Polin weiter, „wir sind gewohnt, auf dem Platz und in der Pressekonferenz beobachtet zu sein. Das ist unser Job. Es ist nicht unser Job, ein Meme zu werden, wenn man die Akkreditierung vergisst.“ Wie erbarmungslos die sozialen Medien sind, zeigte sich in Gauffs Fall. Ihr Schlägerhacken verbreitete sich rasant im Netz. Und dort verschwindet es auch nicht.
Wie Swiatek erklärte, sei das Kameraproblem bei keinem Grand-Slam-Turnier derart ausgeprägt wie bei den Australian Open. „In Wimbledon gibt es Aorangi, dort kommen nur Leute mit Akkreditierung hinein, keine Fans.“ Sie sprach vom Trainingsgelände Aorangi Park. Bei den French Open existiere ebenso ein Rückzugsort, der Übungspark Jean-Bouin. Auch Novak Djokovic, als 24-maliger Grand-Slam-Sieger eine gewichtige Stimme, übte Kritik. „Es ist wirklich traurig, dass man sich nicht einfach irgendwohin zurückziehen und verstecken kann, um seinen Frust und seine Wut auf eine Art rauszulassen, die nicht von einer Kamera eingefangen wird“, sagte der 38-Jährige.
Doch er wusste auch einzuordnen: „Wir leben in einer Gesellschaft und in Zeiten, in denen Inhalte alles sind, daher ist es eine tiefgründigere Diskussion.“ Für ihn steht fest: „Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich der Trend in die entgegengesetzte Richtung wendet, also dass wir die Kameras entfernen.“ Durchaus zynisch ergänzte Djokovic: „Ich bin überrascht, dass wir keine Kameras haben, während wir duschen. Das ist wahrscheinlich der nächste Schritt. Ich bin dagegen. Ich denke, es sollte immer eine Grenze geben, eine Art von Grenze, wo es heißt: Okay, das ist unser Raum.“
