
Eigentlich ist es unfair: Während Sprinter wie Gina Lückenkemper oder Noah Lyles ihren Arbeitstag nach rund zehn Sekunden beenden können, schuften Zehnkämpfer zwei Tage lang für Gold, Silber oder Bronze.
Unter diesen sportlichen Vielarbeitern sind die Deutschen stets vorne dabei. Niklas Kaul wurde 2019 Weltmeister. Das könnte ihm bei der Leichtathletik-WM in Tokio erneut gelingen. Mit Leo Neugebauer, Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Paris, kommt einer seiner schärfsten Konkurrenten aus dem eigenen Lager. Zwei deutsche Medaillen sind also möglich. Über welche andere Disziplin bei dieser Leichtathletik-WM kann man das noch sagen?
Die guten Aussichten haben Tradition: In den Achtziger- und Neunzigerjahren holte Deutschland sieben Medaillen bei sechs Weltmeisterschaften, zwischen 2013 und 2019 noch einmal bei vier Ausgaben fünf Medaillen. Die größere Frage ist also: Warum hat Deutschland so viele gute Mehrkämpfer, während es in vielen Spezialdisziplinen oft nicht zur internationalen Spitze reicht? Allein in vier der zehn Disziplinen des Zehnkampfs holte Deutschland noch nie eine WM-Medaille.
„Mir hat es großen Spaß gemacht, diese Vielfalt zu leben“
Möglicherweise kann der Mann helfen, dessen Namen mit der ersten erfolgreichen deutschen Zehnkampf-Generation verbunden wird. Jürgen Hingsen gewann 1983, beim ersten offiziellen Zehnkampf einer Leichtathletik-WM Silber, sein Kollege Siegfried Wentz Bronze. Hingsen verweist vor allem auf die Tradition, die er selbst mitbegründet hat. „Durch die vielen Erfolge hatten die Jugendlichen immer jemanden, dem sie nacheifern konnten. Viele wollten Zehnkämpfer werden“, sagt er. Vorbilder ziehen junge Sportler in den Mehrkampf, eine Disziplin, von der sie sonst vielleicht nie gehört hätten. Erfolgreiche Vorbilder noch viel mehr. So lässt sich eine direkte Linie von Jürgen Hingsen über Frank Busemann zu Niklas Kaul ziehen.
Ein anderer Schlüssel zum Mehrkampferfolg war damals und ist heute noch immer die vielseitige Ausbildung. In den Siebzigerjahren spezialisierten sich deutsche Athleten erst im jungen Erwachsenenalter auf eine Disziplin. Davor gab es nur den Mehrkampf, viele Athleten blieben auch später dabei.
Ähnlich beschreibt Kai Kazmirek seine Juniorenzeit. Der Sachse war knapp 15 Jahre lang Zehnkämpfer, wurde Deutscher Meister und holte Bronze bei der Leichtathletik-WM 2017 in London. Auch viele seiner Kollegen haben sich erst spät auf eine Disziplin festgelegt. Der Sachse blieb beim Zehnkampf: „Meine Trainer haben mir empfohlen, Hochsprung oder 400-Meter zu machen. Das wollte ich aber nicht. Mir hat es großen Spaß gemacht, diese Vielfalt zu leben“, sagt er.
Deutschland steht für eine breite Leichtathletikausbildung. In den Jugendbereichen U14 bis U16 dominiert der Mehrkampf heute noch. In diesem Alter starten viele Leichtathleten in einem Fünfkampf, den sogenannten Blockwettkampf. Die Disziplinen legen zwar den Fokus auf die Fertigkeiten Wurf, Sprint, Sprung oder Lauf. Am Ende gewinnt aber der beste Allrounder. Vielseitigkeit entscheidet. Dadurch werden im Idealfall Athleten geformt, die einzeln in vielem lediglich gut sind – in der Summe aber überragend.
Dabei muss Kazmirek stets an eine Aussage des früheren
US-Weltrekordlers Ashton Eaton denken: „Du suchst dir nicht selbst den
Zehnkampf aus, der Zehnkampf sucht dich aus.“
Für Kazmirek sind auch die Trainer ein wichtiger Teil des deutschen Erfolgswegs. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen sieht er den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) im Zehnkampf bestens aufgestellt. „Die Vielfalt unseres Sports begeistert auch die Trainer“, sagt er. Der 34-Jährige wurde nach seinem Karriereende im April selbst Jugendtrainer in seinem Heimatverein LG Rhein-Wied.
Hingsen hingegen sagt, dem DLV würden Trainer fehlen – anders als zu seiner aktiven Zeit auch im Zehnkampf. Der Verband gibt selbst zu, mit einem Trainerschwund zu kämpfen. „Zwischen 2025 und 2028 werden viele Trainer in den Ruhestand gehen“, hieß es bereits vor zwei Jahren.
Auf eine weitere Gemeinsamkeit der beiden deutschen Zehnkampfgenerationen können sich Hingsen und Kazmirek aber einigen. Damals wie heute ging der Erfolg nur über hartes, intensives Training. Zu seiner aktiven Zeit trainierten Kazmirek und Hingsen zehn bis zwölfmal die Woche, drei Stunden lang.
