Zehn Jahre Melbourne-Sieg: Als Kerber deutsche Sportgeschichte schrieb – Sport

Angelique Kerber steht neben einem mächtigen Baum, ihre Gesichtsfarbe tendiert Richtung aschfahl. Ihr Blick: schwer übermüdet. Das Lächeln fällt schwer. „Ich weiß nicht, wie viele Kurze ich heute Nacht getrunken habe“, sagt Kerber, mehr stöhnend als sprechend, „ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt. Ich hab’ gar nicht geschlafen.“

Für einen Moment ist zu befürchten, dass sie sich übergeben muss. Sie gluckst. Aber Kerber kriegt die Kurve. Kurz darauf gleitet sie in den Yarra River, der an diesem schönen Sommermorgen nicht sehr appetitlich aussieht.

Es ist der 31. Januar 2016, und so skurril die Szene ist: Für Kerber, 28 Jahre alt, Tennisprofi, erfüllt sich gerade ein Lebenstraum. Für sie kann es jetzt nichts Schöneres geben, als sich in diese braune Brühe zu stürzen. Der Grund ist erfreulichster Natur.

Die Planscherei kommt nur zustande, weil sie tags zuvor die Australian Open gewonnen hat. Und eine Wette im Raum stand, die eingelöst wird. Bei Pokal: ab ins Nass! Sie holt ihn. Als erste Deutsche seit Stefanie Graf, die 1999 letztmals einen Titel bei einem der vier Grand-Slam-Turniere der Welt errang, bei den French Open in Paris. 17 Jahre später in Melbourne besiegt Kerber im Finale die Amerikanerin Serena Williams 6:4, 3:6, 6:4. Danach flötet sie ungläubig: „Mein Traum ist wahr geworden. Dafür habe ich hart gearbeitet. Das waren die besten zwei Wochen meines Lebens.“

Ein Wetteinsatz, den sie gerne einlöst: Angelique Kerber schwimmt nach ihrem Triumph am nächsten Morgen im Yarra River, der durch Melbourne fließt.
Ein Wetteinsatz, den sie gerne einlöst: Angelique Kerber schwimmt nach ihrem Triumph am nächsten Morgen im Yarra River, der durch Melbourne fließt. (Foto: Paul Zimmer/Imago)

In Deutschland löst Kerber etwas aus, das versiegt zu sein schien. Sie erweckt Gefühle zum Leben, die die Nation seit Grafs und Boris Beckers beeindruckenden Leistungen nie mehr ausleben konnte. Eine Welle der Euphorie schwappt durchs Land. Die Öffentlich-Rechtlichen, die sich seit Langem vom Tennis verabschiedet haben, entsenden hektisch einen Berichterstatter nach Melbourne zum Endspiel. Die TV-Quoten bei Eurosport, dem übertragenden Sender, schießen hoch. Nachdem Kerber den Pokal stemmt und strahlt wie nie, erhält sie Glückwünsche von höchster Riege. Bundeskanzlerin Angela Merkel schwärmt, „wie unerschrocken und nervenstark sie sich im Finale gegen die wohl beste Spielerin der Welt durchgesetzt“ habe.

Jene Tage von Melbourne vor zehn Jahren haben aus der exzellenten Tennisspielerin Angelique Kerber, geboren in Bremen, aufgewachsen in Kiel, in Polen sesshaft, eine deutsche Sportgröße gemacht. Sie gewinnt 2016 noch die US Open in New York. Später trifft sie den amerikanischen Präsidenten Barack Obama zum Mittagessen. In dieser Liga ist sie angekommen. Kerbers Metamorphose in jenem Jahr zählt zu den wundersamsten Geschichten, die der deutsche Sport erlebt hat. Und noch unglaublicher wird sie, bedenkt man, dass ein einziger Punkt alles hätte zunichte können.

Wie wohl Kerbers Leben verlaufen wäre, hätte Misaki Doi ihren Matchball genutzt?

Erste Runde der Australian Open, es steht 6:7, 6:6, Tiebreak. Dann: 5:6 aus Kerbers Sicht. Nur ein Fehler, und sie ist raus! Die Unvollendete, so hätten wieder alle festgehalten. Kerber schlägt auf, Return der Japanerin, der Ball fliegt ins Aus. Durchatmen! Kerber siegt 6:3 im dritten Satz. „Ich muss besser spielen“, weiß sie. Noch ahnt keiner, wie viel besser sie spielen wird. Nicht mal sie selbst.

„Ich freue mich für dich“: Die Verliererin Serena Williams gönnt Angelique Kerber den Titel.
„Ich freue mich für dich“: Die Verliererin Serena Williams gönnt Angelique Kerber den Titel. (Foto: Aaron Favila/AP)

Aber sie wird lockerer. Selbstbewusster. Ab der zweiten Runde baut sich mehr und mehr zwischen Kerber und Tennisdeutschland etwas auf. Die Anteilnahme wächst, Runde für Runde. Dabei ist Kerber keine, auf die das Wort Star zutrifft. Sie hat auch nicht das Charisma einer Andrea Petkovic, aber wer hat das schon in der Weltspitze? Sie ist eine Arbeiterin, zweifelt oft an sich, ihr Ehrgeiz dagegen: unübertroffen. Ende 2015 gibt sie der SZ ein Interview, in dem sie etwas wagt. Sie sagt: „Ich bin nicht mehr das kleine schüchterne Mädchen.“ Und: „Ich will bei den großen Turnieren angreifen, da soll es endlich krachen!“ Im Rückblick lesen sich ihre Aussagen noch immer wie eine schicksalhafte, selbsterfüllende Prophezeiung. Olympia-Silber gewinnt sie 2016 auch, dazu der Wimbledonsieg 2018, Nummer eins der Welt war sie. Aschenputtel im Kleid einer Tennisspielerin, so sieht dieses moderne Märchen aus.

Bis zum Viertelfinale hat Kerber keine Mühe, ihre Gegnerinnen Alexandra Dulgheru, Madison Brengle und Annika Beck sind nicht die größten Aufgaben. Kerber ahnt langsam, dass dies vielleicht ihr Turnier werden könnte, „ich war schon mit einem Bein im Flieger“, sagt sie. Ihr Glaube an Größeres ist erwacht, sie sagt: „Ich muss zeigen, dass ich gewinnen will.“ Viktoria Asarenka, zweimalige Siegerin von Melbourne, bekommt diesen Geist zu spüren, Kerber siegt 6:3, 7:5. Auch die Britin Johanna Konta dominiert sie, 7:5, 6:2. Als sie Serena Williams besiegt, sagt die damalige Weltranglistenerste: „Ich freue mich für dich.“ Der Respekt im Tennis ist ihr seitdem gewiss.

Zehn Jahre später ist Angelique Kerber, 38, wieder bei den Australian Open. Sie hat dieser Tage Fotos von sich veröffentlicht, bei Instagram, wie sie im Flieger sitzt, erwartungsfroh. Mutter zweier Kinder ist sie, lebt immer noch in Polen. Beim Deutschen Tennis Bund ist sie sporadisch beratend aktiv, aktuell wird sie als Kapitänin der deutschen Tennisfrauen im Billie Jean King Cup gehandelt. Kerber nimmt auf Einladung am Legends Cup teil, einem Showturnier ehemaliger Profis. „Jetzt wieder hier zu sein, ist etwas ganz Besonderes“, sagt sie nach ihrer Ankunft bei Eurosport. Viele Erinnerungen kämen hoch. Der Matchball von Doi. Das Finale gegen Serena. Ja, Melbourne 2016 habe ihr „Leben auf den Kopf gestellt“, sagt sie. „Danach fing meine Karriere so richtig an.“ Und ihre Augen leuchten wieder, fast wie damals, am 30. Januar 2016.