Uns geht es darum, wie wir die Erwartungen und Wünsche von Kunden und Partnern am besten erfüllen können. Durch den Zusammenschluss mit About You haben wir einige Standorte dazubekommen. Es war von Anfang an klar, dass wir eine gemeinsame, zukunftssichere Logistikinfrastruktur schaffen wollen. Deshalb haben wir uns unser gesamtes Logistiknetzwerk gründlich angeschaut. Wir sind überzeugt, dass wir mit dem Umbau schneller und verlässlicher liefern können, und zwar in allen unseren 29 Märkten. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass wir unseren Kunden unsere Logistikdienstleistungen, wie beispielsweise besonders schnelle Lieferungen, zu einem guten Preis anbieten wollen. Außerdem nutzen viele Marken und Händler unsere Logistikinfrastruktur – auch ihnen wollen wir durch die Neugestaltung weiterhin attraktive Konditionen bieten.
Die Kosten spielen also die entscheidende Rolle?
Wir haben natürlich geschaut, wie viel Kapazität wir für unser angestrebtes Wachstum benötigen. Nur mit der richtigen Kostenstruktur können wir mehr in innovative Produkte und unser Wachstum investieren. Wir peilen weiterhin eine mittelfristige, durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von fünf bis zehn Prozent an. Daran richten wir jetzt unsere Kapazitäten aus. Dafür brauchen wir weniger Standorte. Das betrifft neben Erfurt drei weitere kleinere Standorte außerhalb Deutschlands, die von Partnern betrieben werden.
Erfurt ist das älteste Logistikzentrum Zalandos. Es war das Erste, das Sie von Anfang bis Ende komplett selbst entwickelt haben. Zalando ist ein deutsches Unternehmen, warum trifft es ausgerechnet Erfurt?
Wir streben in allen Bereichen stets nach den besten und effizientesten Strukturen. Deshalb richten wir unsere Logistikkapazitäten im gemeinsamen Netzwerk von Zalando und About You bedarfsgerecht aus und stellen uns zukunftssicher auf. Dazu gehört auch die schwierige, aber notwendige Entscheidung, unser Logistikzentrum in Erfurt bis Ende September 2026 zu schließen. Wir haben diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Wir sind allen Kolleginnen und Kollegen in Erfurt für ihren Beitrag außerordentlich dankbar und bedauern zutiefst die Auswirkungen, die diese Entscheidung auf sie haben wird.

Auch ohne Erfurt, wo zudem die Technik nicht mehr auf dem neuesten Stand ist, können wir die Kunden- und Partnerbedürfnisse weiter optimal bedienen. Wir haben genügend Kapazitäten an anderen Standorten. Wir wachsen außerhalb der deutschsprachigen Länder deutlich schneller und haben Standorte in den Niederlanden, Frankreich, Italien und Polen. Aber wir haben mit unseren Standorten in Mönchengladbach, in Gießen und in Lahr im Schwarzwald weiterhin ein starkes Netzwerk in Deutschland. Mit About You haben wir außerdem noch einen Standort in Altenkunstadt hinzubekommen.
Der wird tatsächlich von Hermes betrieben. Auch wir betreiben ja nicht jeden Logistikstandort selbst, sondern arbeiten mit anderen großen Logistikpartnern wie Fiege und DHL zusammen. Altenkunstadt ist ein stärker automatisierter Standort und passt damit gut in unser Netzwerk.
Es erschließt sich auf den ersten Blick nicht wirklich, inwiefern das Schließen eines Standorts die Servicequalität für Kunden und Partner verbessern soll.
Ein wichtiger Faktor ist die Liefergeschwindigkeit. Wir haben historisch den Ansatz verfolgt, dass alle Standorte alle Länder bedienen. In den Anfangstagen hat Erfurt alle Länder bedient, es ging ja auch gar nicht anders. Aber inzwischen haben wir auch nach den Anpassungen noch 14 Standorte in sieben Ländern. Da ergibt es Sinn, auf geographische Nähe zu setzen. Deshalb bewegen wir uns jetzt in die Richtung, dass nur noch zwei oder drei Standorte einen Markt bedienen. Aber nicht nur die Lage des Standorts bestimmt die Liefergeschwindigkeit, sondern auch, wie die Produkte verteilt sind. Kunden bestellen üblicherweise mehrere Produkte gleichzeitig. Natürlich ist nicht jeder Artikel an jedem Standort verfügbar. Manchmal müssen wir dann im Hintergrund erstmal die Artikel zusammenbringen, um dann ein Paket verschicken zu können. Mehrere kleine Pakete sind für Kunden nervig und natürlich auch schlechter für die Umwelt. Je weniger Standorte wir haben, desto weniger oft müssen wir Artikel zwischen den Standorten hin und her schicken. Ein Netzwerk mit weniger Standorten – wenn alles andere gleich bleibt – ist daher immer schneller und effizienter.
Die Gewerkschaft fordert in Erfurt seit geraumer Zeit die Anerkennung der Flächentarifverträge für den Einzel- und Versandhandel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Es gab in den vergangenen Monaten immer wieder Warnstreiks. Das hat Ihre Entscheidung gegen Erfurt nicht beeinflusst?
Nein. Wir haben ein sehr faires und angemessenes Lohnniveau in unserer Logistik, im letzten Jahr haben wir den Einstiegslohn deutlich auf 15 Euro je Stunde erhöht. Ja, es gab Streiks, aber nur von einer kleinen Gruppe der Belegschaft. Davon abgesehen gab es die an anderen Standorten auch, die jetzt nicht betroffen sind.
In Erfurt arbeiten gut 2700 Menschen, das ist ein ziemlich großer Teil der etwa 15.000 Zalando-Mitarbeiter. Was passiert jetzt mit der Belegschaft in Erfurt?
Wir wollen in enger Zusammenarbeit mit der Belegschaft und dem Betriebsrat eine Lösung finden, die für alle Seiten passt. Natürlich haben wir uns Gedanken darüber gemacht, was wir zu einer solchen Lösung beitragen könnten. Wir werden mit dem Betriebsrat darüber sprechen, wie wir die Menschen finanziell unterstützen können. Wir haben uns auf einen signifikanten Beitrag unsererseits eingestellt. Wir werden auch über die Möglichkeit einer Transfergesellschaft sprechen. Unser Hauptziel ist, dass möglichst viele Mitarbeitende einen anderen Job finden. Der Standort wird im Übrigen noch bis Ende September weiterbetrieben. Uns war es wichtig, die Kolleginnen und Kollegen möglichst frühzeitig zu informieren. Wir werden auch das Angebot machen, an einen anderen Standort zu wechseln und beim Umzug zu unterstützen. Unser Standort in Gießen ist etwa noch im Aufbau, wir können also relativ viele Jobs zumindest im Nachbarbundesland anbieten. Zusammen mit der Wirtschaftsförderung und der Arbeitsagentur vor Ort werden wir uns dafür einsetzen, dass es Jobmessen bei uns am Standort gibt.
Das alles wird die Mitarbeiter nur bedingt trösten. Nach dem Vollzug der Übernahme von About You im Juli haben Sie noch gesagt, dass der Zusammenschluss nicht primär Kosteneinsparungen zum Ziel habe. Macht Sie die Entscheidung jetzt doch einen Standort zu schließen nicht unglaubwürdig?
Das sehe ich anders. Wir stehen auch weiterhin dazu, dass Einsparungen bei Personalkosten kein zentraler Grund des Zusammenschlusses mit About You sind. Wir sind zwei Wachstumsunternehmen mit dem Anspruch, unser Wachstum als gemeinsame Gruppe weiter zu beschleunigen und unsere gemeinsamen Pläne zur Wertschöpfung umzusetzen. Wir sehen bereits erste Ergebnisse und erwarten in den kommenden Jahren deutlich mehr. Gleichzeitig haben wir im Zuge des Zusammenschlusses von Anfang an klar gesagt, dass wir in vier Bereichen eine größere Integration anstreben und daraus mittelfristig ein Einsparpotential von 100 Millionen Euro auf den Gewinn vor Zinsen und Steuern ableiten. Wir haben damals gesagt, dass ein Großteil dieser Synergien aus der Logistik kommt. Aus meiner Sicht sind wir daher transparent damit umgegangen, dass es in der Logistik größere Veränderungen geben muss. Wir haben zu keinem Zeitpunkt behauptet, dass es bei Zalando unabhängig von der Akquisition keine Anpassungen geben würde.
Was denn jetzt? Sie wollen Synergien mit About You heben oder die Entscheidung hat mit About You nichts zu tun?
Beides ist richtig, und das ist kein Widerspruch. Wir heben wie versprochen Synergien, und in der Logistik bedeutet das, dass wir unser gemeinsames Netzwerk so gut wie möglich vernetzen und steuern. Die Entscheidung, Erfurt zu schließen, treffen wir aber nicht, weil es About You gibt, sondern weil wir unser Netzwerk insgesamt bedarfsgerecht und zukunftsfähig aufstellen müssen. Zu dieser Schlussfolgerung wären wir auch ohne About You gekommen.
Mehr Kapazitäten füllen soll Ihr noch junges Firmenkundengeschäft Zeos. Zalando bietet dort seine europaweite Logistik, sowie Software zur Marktplatzanbindung und durch die Übernahme von About You auch Software zum Betreiben eines eigenen Onlineshops an. Wie läuft das Geschäft?
Das Firmenkundengeschäft ist aktuell noch am stärksten durch die Logistik getrieben, aber wir wollen das Softwaregeschäft weiter stark ausbauen. Wir haben in der Logistik in den vergangenen zwölf Monaten gute Fortschritte gemacht und etwa den britischen Modehändler Next als neuen großen Kunden gewonnen. Dadurch haben wir gezeigt, dass wir nicht nur kleine und mittlere Partner gut unterstützen können, sondern auch sehr große Unternehmen. Mit Marks & Spencer haben wir vor Kurzem einen weiteren großen Partner dazugewonnen.
Und im Softwaregeschäft?
Dort besteht die wichtigste Aufgabe darin, unsere verschiedenen Lösungen gut miteinander zu verknüpfen. Die Shop-Software Scayle kam über About You ins Unternehmen, die Software zur Marktplatzanbindung über den Zukauf von Tradebyte, kleinere Software-Angebote haben wir selbst entwickelt. Unsere Partner müssen durch eine gute Integration merken, wie groß die Vorteile sind, wenn sie nicht nur einen Teil des Angebots nutzen, sondern die gesamte Software-Suite. Es wird bald immer mehr Kunden geben, die sich für das komplette Betriebssystem aus Logistik und Software entscheiden, auch wenn ich da noch keine Namen nennen kann.
Sie wollen auch weitere Dienstleistungen anbieten. Was können Sie sich künftig noch so vorstellen?
Wir sehen hier großes Potential. Zum Beispiel haben wir angefangen, Partnern anzubieten, sie mit Inhalten zu versorgen – also ihre Produktseiten mit Fotos, Videos und Texten zu befüllen. Das liegt ja nahe, weil die Ware ohnehin bei uns liegt. Wir haben uns zunächst auf die Logistik konzentriert, aktuell kümmern wir uns verstärkt um die Software und in den nächsten zwei, drei Jahren wird der Fokus dann verstärkt auf weitere Dienstleistungen gelegt.
Sie haben die Integration von About You mehrfach angesprochen. Wie zufrieden sind Sie mit den Fortschritten?
Wir sind sehr zufrieden. Vor allem haben wir es gut geschafft, als Team zusammenzuwachsen. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man zuvor Wettbewerber war. Wir haben schon in den ersten Monaten erste Synergiepotentiale gehoben und für 2025 einen einstelligen Millionenbetrag an Synergien realisiert. Das macht uns optimistisch für die weiteren Schritte.
Im Endkundengeschäft war Ihre Ansage im vergangenen Sommer: Mehr Differenzierung statt Integration. Die Plattform von About You sollte noch klarer unterscheidbar von Zalando werden. Sind Sie wirklich schon vorangekommen?
Absolut. Wir sehen jeden Tag, wie unsere Zwei-Marken-Strategie hilft, unseren Kundinnen, Kunden und Marken differenzierte und attraktive Einkaufserlebnisse anzubieten. Zalando stellt stärker die Marken in den Vordergrund und erzählt ihre Geschichten; About You fokussiert sich eher auf einzelne Styles und arbeitet viel mit Celebrities und Influencern.
Die Zalando-App orientiert sich aber auch immer stärker an sozialen Medien und zeigt inzwischen prominent sogenannte „Stories“, ähnlich denen von Instagram an. Da geht es auch oft um bestimmte Styles oder Trends.
Klar, Mode lebt von Styles und Trends. Man darf das nicht zu schwarz-weiß denken. Natürlich hat About You auch Marken im Angebot. Es geht eher darum, worauf die Plattformen jeweils besonders viel Wert legen und wie sie Kunden ansprechen. Wir werden mit Zalando noch stärker in unseren Service investieren, um das Einkaufen für Kunden so komfortabel wie möglich zu machen. About You wird sich wiederum stärker darauf konzentrieren, ein noch stärkeres Sortiment im Einstiegs-Preissegment aufzubauen, um dadurch auch preisbewusstere Kunden anzusprechen. Das ergänzt sich sehr gut.
Die chinesischen Plattformen Shein und Temu gewinnen im Onlinehandel mit ihren günstigen Angeboten weiter rasant Marktanteile. Positionieren Sie About You also eher als Konkurrenz zum chinesischen Wettbewerb und Zalando als Plattform für das höhere Preissegment?
Es geht immer um das Preis-Leistungs-Verhältnis. Entweder bietet man einen eher hochwertigen Service und verlangt entsprechend Geld. Oder man macht ein paar Abstriche in der Leistung, kann dafür aber einen günstigeren Preis anbieten. Perspektivisch wird About You deshalb sicherlich nicht überall die gleichen Premium-Lieferungen anbieten können wie Zalando, dafür aber vielleicht manchmal Preispunkte anbieten, die für Zalando nicht profitabel wären. Aber uns ist sehr wichtig zu betonen, dass wir sicherlich keine Kleider für drei Euro verkaufen werden, die dann nach dem ersten Tragen auseinanderfallen. Es geht also auch für About You nicht um das Billig-Segment von bestimmten Wettbewerbern.
Künstliche Intelligenz hat im vergangenen Jahr auch im Onlinehandel die Schlagzeilen beherrscht. KI-Agenten können inzwischen automatisiert für ihre Nutzer einkaufen. Sie selbst bieten zum Beispiel einen KI-Chatbot, der bei der Produktfindung helfen soll. Wie sehen Sie den Einfluss Künstlicher Intelligenz auf Ihr Geschäft?
Wir sehen KI als riesige Chance. Ich glaube, wir werden eine starke Transformation des Marktes sehen, ähnlich wie zu der Zeit, als Smartphones ihren Siegeszug antraten. Als Zalando gegründet wurde, gab es das iPhone noch nicht mal. Dann hatte plötzlich jeder ein Smartphone. Das hat große Änderungen im Einkaufsverhalten mit sich gebracht, weil man vorher seinen Computer eben nicht in der Tasche hatte und ständig und überall Konsumentscheidungen treffen konnte. Wir haben früh reagiert und deshalb schnell sehr viele App-Nutzer gewonnen. Schon damals gab es die Frage, ob das jetzt der Tod der klassischen Webseite ist und ob jetzt neue Anbieter kommen, die das alles viel besser können. Jetzt stehen wir an einer ähnlichen Schwelle.
Und wie positionieren Sie sich?
Wir haben schon bewiesen, dass wir solche Transformationen gut meistern können. Vor allem haben wir die technologische Kompetenz dafür. Bei Zalando und About You arbeiten an die 3000 Entwickler, Data Scientists und Produktmanager mit Hochdruck an dem Thema KI. Das ist in Europa das größte Tech-Team, das sich mit Mode und Lifestyle beschäftigt. KI wird uns die Werkzeuge liefern, um Kundinnen und Kunden die ultimativ personalisierte Einkaufserfahrung zu bieten. Wir arbeiten seit langem daran, aber bisher war es in einigen Bereichen einfach schwierig und teuer. Durch KI können wir nun die Kundenerfahrung viel stärker personalisieren und beispielsweise vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft unterschiedlichen Nutzern zum selben Produkt, je nach Vorlieben ganz unterschiedlich inszenierte Bilder und Videos zeigen, mit anderen Hintergründen oder Modeltypen. Auch können wir Kunden auf Grundlage ihrer individuellen Körpermaße viel bessere Größenempfehlungen geben. Wir haben in diesem Bereich schon große Fortschritte gemacht – aber mit KI tun sich nochmal ganz andere Möglichkeiten auf.
Besteht nicht die Gefahr, dass sie zum Zulieferer für KI-Angebote degradiert werden, die auf Knopfdruck das ganze Internet nach passenden Produkten durchforsten?
Wir glauben nicht an ein geschlossenes System, sondern an ein offenes Ökosystem und arbeiten bereits an Partnerschaften mit Anbietern von Sprachmodellen und Shopping-Agenten. Das wird dazu führen, dass man mit Zalando ganz neu interagieren kann. Wie das genau aussieht, muss man im Detail besprechen. Aber wir können uns sehr gut vorstellen, dass man auch mit Hilfe eines Shopping-Agenten auf Zalando einkaufen kann. Das ist eine riesige Chance für uns, weil wir dadurch Zugang zu vielen neuen Kundinnen und Kunden bekommen, die noch nicht bei uns einkaufen. Und da wir weiterhin investieren, um auf Zalando ein unterhaltendes und inspirierendes Erlebnis anzubieten, werden Kundinnen und Kunden auch zukünftig direkt bei uns einkaufen. Unser Anspruch ist es, dass sie dort auch in Zukunft das beste Einkaufserlebnis haben.
