Wolfsburg – HSV: Wut, Tätlichkeiten, offenes Feuer – die Lage eskaliert

Der VfL Wolfsburg verliert erst gegen den HSV und dann die Nerven. Auch den Fans platzt der Kragen. Als das Stadion fast leer ist, stellt sich der Kapitän den Fragen. Trainer Bauer hingegen bleibt zunächst der Pressekonferenz fern. Er steht vor dem Aus.

Es war die längste Nachspielzeit an diesem Bundesliga-Nachmittag. Als Schiedsrichter Florian Exner nach 98 Minuten das Spiel in Wolfsburg abpfiff, entluden sich auf beiden Seiten die Emotionen. Die Spieler und Fans des HSV lagen sich nach dem 2:1 glückselig in den Armen, auf der anderen Seite herrschte Wut und Entsetzen.

Eine Minute nach dem Ende des Spiels prallten diese Welten im Mittelkreis aufeinander und wurden zu einer explosiven Mischung. Wolfsburgs Kapitän Maximilian Arnold legte sich mit einem Co-Trainer des HSV an, VfL-Abwehrspieler Vinicius Souza ging dem Hamburger Nicolai Remberg an die Gurgel. Die Rudelbildung weitete sich auf Betreuer und Ersatzspieler aus. Exner schaute sich die das Gehabe in Ruhe an und zeigte dann Wolfsburgs Ersatztorwart Marius Müller die Rote Karte.

HSV-Trainer Merlin Polzin sagte nach dem Spiel bei DAZN mit extrem heiserer Stimme, dass er nicht genau mitbekommen habe, warum es zu den Rangeleien zwischen den Mannschaften gekommen ist. Eines wisse er aber: „Da sind Dinge gefallen, die definitiv unter der Gürtellinie sind.“

Nach wenigen Minuten hatte sich die Szenerie beruhig. Allerdings nur auf dem Rasen. Denn Wolfsburgs Fans ließen nach der sechsten Niederlage aus den vergangenen sieben Spielen und dem Absturz auf den vorletzten Tabellenplatz ihren Frust auf der Tribüne raus. Sie verbrannten Schals des eigenen Klubs und schufen so ein stattliches Feuer. Begleitend zündeten sie immer wieder Böller und Pyrotechnik. Dazu rollten sie ein Banner aus. Die Aufschrift: „Chance vertan, Rückhalt verspielt.“

Topmöller und Hecking als potenzielle Nachfolger für Bauer

Dichte schwarze Rauchschwaden zogen durch das Stadion. Ordner marschierten vor dem Wolfsburger Fanblock auf, um einen Platzsturm zu verhindern. Zum Verhalten der Wolfsburger Fans sagte Polzin: „Der deutsche Fußball lebt von der Emotionalität seiner Fanlager, aber schön ist so etwas natürlich nicht.“

Die Wolfsburger Spieler flüchteten in die Kabine. Auch Trainer Daniel Bauer verließ den Rasen und suchte nicht das Gespräch mit den wütenden Anhängern. Auch die übertragenden TV-Sender warteten zunächst vergeblich auf Interviewpartner der gastgebenden Mannschaft.

Kapitän Maximilian Arnold trat schließlich im fast leeren Stadion vor die Kamera. Er sagte: „Das ist Frustration pur. Wir sind sehr enttäuscht, es ist nicht schön, gerade in der Kabine zu sein. Alle, die es mit dem VfL Wolfsburg halten, sind sehr frustriert. Nichtsdestotrotz: Wir haben noch neun Spiele und wollen mit Vollgas in diese Spieler gehen.“

Auf die Frage, ob man die Fans heute verloren habe, antwortete der ehemalige Nationalspieler: „Ich hoffe nicht. Ich verstehe den Frust und die Enttäuschung. Uns geht es nicht anders. Aber wir müssen das gemeinsam so hinbiegen, dass der VfL Wolfsburg nächste Saison wieder in der Bundesliga spielt.“ Während seiner Aussagen wurde Arnold von wütenden Zwischenrufen gestört.

Die Niederlage gegen den HSV dürfte Bauers letztes Spiel als Coach der Wolfsburger gewesen sein. Nach dem desaströsen 0:4 beim VfB Stuttgart am vergangenen Wochenende hatten die Bosse um den ebenfalls umstrittenen Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen dem 43 Jahre alten Trainer überraschend noch einmal das Vertrauen ausgesprochen.

Anders als sonst üblich sollte sich Polzin selbst bei der Pressekonferenz alleine den Fragen der Journalisten stellen – ohne Bauer. Der erschien erst später und sagte: „Morgen früh um 11.00 Uhr ist unser Spielersatztraining. Seht mir nach, es geht nicht um meine Person. Der Frust ist riesengroß.“

Ihr Klub liegt zwei Punkte hinter dem Relegationsrang, hat aber ein Spiel mehr als der 16. Werder Bremen absolviert. Als potenzielle Nachfolger werden bereits der in Frankfurt entlassene Dino Toppmöller und der ehemalige Wolfsburger Trainer Dieter Hecking gehandelt.

step/SUF