
Drei eierbechergroße Porzellantässchen hat Hidenori Yoshimatsu auf den kleinen Tisch im vorderen Teil seines Ladens gestellt. Nun gießt er bedächtig heißes Wasser in jeden Becher, dann das Wasser zurück in eine Kanne mit grünem Tee. An der Immermannstraße, im Herzen des japanischen Viertels in Düsseldorf, betreibt Yoshimatsu seit vielen Jahren einen kleinen Teeladen, in dem er Porzellan, aber auch Grüntee und Matcha verkauft.
Gerade ist die neue Ernte eingetroffen: Shincha – der neue Tee aus Japan. In der 88. Nacht nach dem ersten Vollmond im Jahr wird er geerntet, Yoshimatsu importiert ihn direkt aus seiner Heimat Kagoshima, einer Stadt auf Japans südlichster Insel. Dort wird er per Hand gepflückt und kurz mit Wasserdampf behandelt, schließlich per Hand aufgerollt. „Der Tee ist sehr feminin, sehr zart“, sagt Yoshimatsu, während er den Tee sorgfältig auf die kleinen Tassen verteilt – kein Tropfen Wasser soll in der Kanne bleiben. Ein Duft von Maracuja, aber auch von Erbsen und grünem Spargel steigt aus der Tasse auf, der Tee schmeckt weich und leicht süßlich.
„Wann immer man in Japan eingeladen ist, bekommt man zuerst eine Tasse Tee angeboten“, sagt Hidenori Yoshimatsu, der selbst mindestens einen Liter Tee am Tag trinkt. Während bis August vor allem neuer Tee getrunken wird, wechselt man in Japan im Herbst auf den gereiften Tee, der vier Monate lagert und ein ganz anderes, kräftigeres Aroma hat.
„Wann immer man in Japan eingeladen ist, bekommt man zuerst eine Tasse Tee angeboten.“
HIDENORI YOSHIMATSU
Ein weiteres Mal gießt Hidenori Yoshimatsu heißes Wasser in die Teekanne, dieses Mal ein bisschen heißer für den zweiten Aufguss. Der Tee schmeckt jetzt anders – kräftiger und weniger süß. Tee hat in Japan eine besondere Bedeutung – als Alltagsgetränk, aber auch in religiösen Riten.
Bei der klassischen Teezeremonie gibt es Matcha: ein Pulver aus Grüntee, das aus den besten Blättern hergestellt und in Steinmühlen gemahlen wird. Matcha wird traditionell aus großen Bechern getrunken, die ähnlich wie der Matcha selbst sehr wertvoll sein können. Matcha trinkt man in Japan zu feierlichen Anlässen – immer pur, immer sehr bewusst.
Dabei hat Matcha in den vergangenen Jahren weltweit ein ganz anderes Image bekommen: Der gemahlene Grüntee gilt als Superfood – er steckt auch aufgrund seiner prägnanten grünen Farbe in immer mehr Produkten: Matcha-Kuchen, Süßigkeiten und Getränke kann man im japanischen Supermarkt kaufen, vor allem junge Menschen lieben „Matcha Latte“, das Teepulver mit geschäumter Milch.
Den kann man ein paar Meter neben dem Teeladen im „Matcha Café Wakaba“ bestellen, einer Teestube im Düsseldorfer Japan-Viertel. Asuka Ohashi hat hier schon seinen dritten Laden eröffnet. Hinter schlichten Holzmöbeln prangt das große schwarz-weiße Gemälde eines Vogels an der Wand – ein berühmter japanischer Künstler hat es während des laufenden Café-Betriebs gemalt, und Ohashi ist sehr stolz darauf.
„Die japanischen Gäste bestellen lieber einen klassischen Sencha-Tee.“
ASUKA OHASHI
Er möchte hier eine besondere Atmosphäre kreieren: „Kawai“ nennt er sie, das bedeutet übersetzt: nett, freundlich, liebevoll – „eine Stimmung, die man nur als Japaner erzeugen kann“, wie Ohashi behauptet. Die Speisekarte ist auf Englisch und Japanisch gehalten, auch kleine Bilder der Getränke sind darauf zu sehen. Neben Matcha Latte steht auch ein Matcha Cappuccino auf der Karte, der hier aber nur von Europäern getrunken wird. „Die japanischen Gäste bestellen lieber einen klassischen Sencha-Tee“, sagt Ohashi. Dabei setzt sich auch in Japan Matcha-Latte als Trendgetränk bei jungen Menschen immer stärker durch, er ist eher hip als heilig.
Weit weg von jedem Trend ist man dagegen im „Anmo Art/Cha“, einem kleinen Laden ebenfalls im Düsseldorfer Japan-Viertel. 2016 hat Anna Friedel ihn mit einer japanischen Freundin gegründet, inzwischen führt sie ihn allein und veranstaltet hier regelmäßig Teeverkostungen. „Viele Menschen trauen sich hier beim ersten Mal nicht rein“, sagt Friedel. Denn der Raum mit seinen großen Schaufenstern hat nichts mit einem klassischen Teeladen gemein: In den Fenstern steht ausgewähltes edles Porzellan, an den Wänden hängen Kunstwerke, in der Mitte des Raums steht ein großer steinerner Tisch, an dem sie Tee ausschenkt – mit sicheren Handgriffen und großer Ruhe.
Kunst und Tee will sie in ihrem Laden zusammenbringen. Sie hat deshalb die Etiketten der Tees selbst gestaltet: „Mir geht es oft so, dass ein Kunde nach einer Weile wiederkommt und einen bestimmten Tee noch einmal haben will. Die Namen selbst sind oft fremd und kompliziert – wenn er aber sagen kann: ‚Das war eine rosafarbene Tüte mit einem Drachen auf dem Etikett‘, weiß ich sofort, was er meint“, sagt Anna Friedel.
Ihren Tee bezieht sie von Sammlern in Asien, vor allem schwarzen und weißen Tee, aber auch Oolong, den sie gerade aufgegossen hat. Anders als beim grünen Tee verträgt der auch hohe Temperaturen. Friedel hat für die Teezubereitung ihr ganz eigenes Ritual: Erst löffelt sie einige Teeblätter in eine Kanne und gießt sie mit kochendem Wasser auf. Dann schließt sie den Deckel der Kanne und schüttet weiteres heißes Wasser darüber: Das soll dem Tee mehr Hitze geben und ihn aromatischer machen. Die Kanne hat sie dafür auf ein spezielles Stövchen gestellt, das Wasser läuft darunter in eine Schale.
„Tee ist ein Getränk, das uns wärmt, aber auch hilft, uns zu fokussieren.“
ANNA FRIEDEL
„Je heißer der Tee aufgegossen wird, desto mehr Geschmack entwickelt er“, sagt sie. Auch das hat etwas von einer Teezeremonie – ein klarer Ablauf, Hunderte Male eingeübt. „Tee ist ein Getränk, das uns wärmt, aber auch hilft, uns zu fokussieren“, so Friedel – vor allem aber eins, was Menschen zusammenbringt: „Ganz egal, ob du fünf Minuten oder eine Stunde Zeit hast – nutze sie für eine Tasse Tee.“