WM-Play-offs: Brian Riemer ist Dänemarks Retter aus der dritten Reihe


Diesen Superlativ musste Brian Riemer mitnehmen: „Wir spielen gegen die größte Mannschaft Europas!“ Wobei „Größe“ in diesem Fall „Länge“ bedeutet – sechs Startelfkandidaten der Tschechischen Republik messen mehr als 190 Zentimeter. Da kann Dänemark nicht mithalten. „Wir müssen bis zum letzten Ball höllisch aufpassen“, sagt deswegen Riemer, 47 Jahre alt und seit gut 15 Monaten oberster Trainer bei der DBU, der Dansk Boldspil-Union.

Für Riemer wäre das der größte Erfolg seiner Laufbahn. Als er im November 2024 seinen Dienst bei der DBU in Brøndby antrat, galt der fußballverrückte Junggeselle aus Albertslund den wenigsten als erste Wahl für diese heikle Position: Kasper Hjulmand hatte die Dänen nach der EM verlassen, sein Assistent Morten Wieghorst sollte übernehmen, meldete sich aber mit Stresssymptomen arbeitsunfähig. Assistent Nummer zwei, Daniel Agger, fehlten die nötigen Diplome zum Traumjob. Also übernahm Standardtrainer Lars Knudsen die Mannschaft interimsmäßig.

Unter Riemer wehte frischer Wind durchs Nationalstadion

Das klingt so dilettantisch, wie es war; DBU-Direktor Peter Møller verspürte gehörigen Druck, als ihm der Name „Brian Riemer“ einfiel – im kleinen Königreich ein bekannter Mann aus der zweiten Reihe, hatte er doch neun Jahre um die Ecke beim großen FC Kopenhagen gewirkt. Allerdings nicht als Chef im Erwachsenenbereich.

„Wir suchten jemanden, der unsere offensiven Probleme lösen würde“, hat Møller dem dänischen Rundfunk DR gesagt, „Brian hat dann ein gutes Fundament übernommen, aber inzwischen schon einen starken offensiven Abdruck hinterlassen.“

Fußball-Dänemark hat sich immer über starke Trainerfiguren definiert: Sepp Piontek, Morten Olsen, auch Kasper Hjulmand bei der EM 2021 mit Dänemark als einem der Gastgeber. Da war die Wahl Riemers so mutig wie der Fußball, den er spielen lässt – und nach dem 1:0 gegen Portugal im Viertelfinalhinspiel der Nations League waren die Fans vor genau einem Jahr schockverliebt: Plötzlich wehte frischer Wind durch das Nationalstadion „Parken“. „Er lässt uns die Freiheit, die wir brauchen“, sagte Christian Eriksen. Ganz nebenbei hatte Riemer den Altersdurchschnitt im Team von 28 bei der EM-Endrunde auf 25 Jahre gesenkt.

Die Liebe verblühte nach einem halben Jahr. Riemer war drauf und dran, seinen Auftrag mit seiner verjüngten Mannschaft zu erfüllen, als die letzten Gruppenspiele mit der WM-Qualifikation vor der Nase furchtbar schiefgingen – auf ein 2:2 gegen Belarus folgte Mitte November vergangenen Jahres ein 2:4 in der Nachspielzeit bei den Schotten. Ein Remis hätte gereicht.

Angst vor dem Scheitern steckt Dänemark in den Knochen

Vieles lag in Trümmern bei der DBU. Doch der Vertrag mit Riemer war schon verlängert, und aus der Mannschaft kamen versöhnliche Signale. Riemers zugewandte Art der Führung kommt gut an; er hat die Lager „alt“ und „jung“ verbunden. „Wir sitzen abends nicht mehr auf den Zimmern am Handy, sondern machen etwas gemeinsam“, sagt der 20 Jahre alte Victor Froholdt vom FC Porto, „Brian gibt uns Mut und lässt uns unsere Stärken.“

So soll Gustav Isaksen von Lazio Rom seine Dribblings probieren und der erstarkte Mikkel Damsgaard vom FC Brentford freie Räume bespielen. Über namhafte Klubs auf dem gesamten Kontinent verteilt, muss sich diese Gruppe im Grunde vor niemandem verstecken. Doch die Angst vor dem Scheitern steckt aus den Novemberspielen noch in den Knochen.

Brian Riemer versucht, einen neuen Geist zu wecken. Mit mehr Lockerheit, mehr Eigenverantwortung. In Belgien bei der RSC Anderlecht galt er zwischen 2022 und 2024 als Coach, der sich rund um die Uhr mit Fußball beschäftigt. Darüber spricht er auch am liebsten. Inzwischen ist der im Großraum Kopenhagen fußballsozialisierte Single in ein Haus mit Blick auf die Bucht von Køge gezogen und wohnt dort mit seinen beiden Hunden Max und Harvey.

Dass in seinem Leben bislang kein Platz für eine Familie war, hat Riemer jüngst in Interviews bedauert. Noch sei aber Zeit dafür, sagte der Hobbymusiker mit erfrischender Zuversicht – eine Haltung, die er seiner Mannschaft einpflanzen möchte: Wie ein Kandidat dritter Wahl habe er sich keine Sekunde gefühlt. Vielmehr sei mit der DBU-Berufung ein Traum wahr geworden.