WM-Kandidatenturnier: Wie Sindarov die Schwachwelt begeistert

Javokhir Sindarov

Stand: 08.04.2026 • 11:51 Uhr

Nach acht Runden beim Schach-Kandidatenturnier führt der junge Usbeke Javokhir Sindarov mit großem Vorsprung. Seine Leistung bisher ist historisch und unerreicht. Nun fordert ihn der Deutsche Matthias Blübaum.

Gelingt Matthias Blübaum am heutigen Mittwoch (08.04.2026) ausgerechnet gegen Javokhir Sindarov der erste Sieg beim Kandidatenturnier? Was vor dem Turnier wohl kaum jemand für ausgeschlossen gehalten hätte, wäre inzwischen: eine Sensation.

Denn Blübaum spielt zwar ein mindestens solides Turnier, hat in sieben von acht Runden ein Remis geholt, nur eine Partie verloren. Aber Javokhir Sindarov, 20 Jahre alt und aus der Schachnation Usbekistan kommend, spielt eben ein Schach-Kandidatenturnier für die Geschichtsbücher.

Das Kandidatenturnier des Weltschachverbandes FIDE findet vom 29. März bis 15. April in Pegia, Zypern, statt. Der Sieger erhält später im Jahr die Chance, Weltmeister Gukesh Dommaraju im Match um den Titel im klassischen Schach herauszufordern.

Sindarov begeistert auch Magnus Carlsen

Selbst wenn er zuletzt zweimal „nur“ remis gespielt hat, steht Sindarov nach acht Runden bei 6,5 Punkten. Er hat fünf von acht Partien gewonnen, dabei die Nummern zwei und drei der Welt praktisch vom Brett gefegt.

„Seine Leistung bisher ist sehr, sehr besonders“, sagt deshalb auch der Weltranglistenerste Magnus Carlsen anerkennend. Sollte Sindarov das Kandidatenturnier gewinnen und dann womöglich auch Weltmeister werden – vielleicht wäre der junge Usbeke Herausforderung genug für Carlsen, wieder um die klassische Schach-WM mitzuspielen, die er seit Jahren aus Langeweile boykottiert.

Jedenfalls hat Sindarov etwas geschafft, was selbst Carlsen, den viele für den besten Spieler aller Zeiten halten, nicht gelungen ist. „Meine Frau hat mich gefragt, ob ich so eine Leistung auch schon mal geschafft habe“, erzählte Carlsen vor wenigen Tagen: „Da habe ich gesagt: Nein, aber danke für die Frage!“

Sindarov spielt taktisch, aber auch kreativ

Um zu verstehen, wie historisch Sindarovs Leistung ist, hilft ein Blick auf die im Schach magische Elo-Zahl, die Ausdruck der Spielstärke ist. Grob gesagt: Gewinnt ein Spieler, vor allem gegen stärkere Gegner, gewinnt er an Elo – verliert er, sinkt das Rating. Magnus Carlsen hatte es lange als Ziel ausgegeben, eine Elo-Zahl von 2.900 zu erreichen. Der Norweger thront seit vielen Jahren an der Spitze der Weltrangliste.

Sindarov steht nach acht von 14 Runden bei einer Turnierperformance zwischen 3.100 und 3.150. Würde er immer so spielen wie in diesem Turnier, würde er die Weltrangliste also mit einem unfassbaren Vorsprung anführen. Macht er so weiter, könnte er die beste Leistung in der Geschichte des Schachsports bringen, mindestens aber in der Geschichte der Kandidatenturniere.

Das geht nur, weil er die absolute Weltspitze am laufenden Band schlägt. Gegen Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura hatte er großen Zeitvorteil, war offenbar sehr gut vorbereitet. In anderen Partien erspielte er sich im Endspiel mit nur noch wenigen Figuren einen Vorteil, verwertete kleine Chancen doch noch zum Sieg. Er ist mit erst 20 Jahren sehr nervenstark, spielt taktisch, aber auch kreativ.

In der Vorrunde hat Blübaum remis gespielt gegen Sindarov

In den vergangenen Kandidatenturnieren haben 8,5 oder 9 Punkte oft zum Gesamtsieg gereicht. Gewinnt Sindarov noch zwei weitere Partien, könnte er am Ende des Turniers an der zyprischen Küste Kaffee trinken gehen und die letzten Runden sausen lassen. Es erscheint also extrem unwahrscheinlich, dass er seinen Vorsprung von bisher zwei Punkten auf die Verfolger noch einbüßen sollte.

Matthias Blübaum geht ins heutige Duell also als klarer Außenseiter. Aber: Er hat in der Vorrundenpartie gegen Sindarov remis gespielt, das ist bisher nur wenigen Spielern gelungen. Er spielt meist sehr solide, kennt sich in Eröffnungen gut aus, wird selten früh überspielt – und er könnte davon profitieren, dass stärkere Gegner gegen ihn als vermeintlichen Underdog oft auf Sieg spielen und dadurch mehr Risiko gehen.

Derweil hat Vincent Keymer, die deutsche Nummer 1, über Ostern das Grenke Freestyle Open in Karlsruhe gewonnen. Keymer hatte die Qualifikation für das Kandidatenturnier knapp verpasst. Dadurch bleibt offen, wie sich der vermeintlich stärkste deutsche Schachspieler geschlagen hätte. In der Live-Weltrangliste ist Sindarov gerade an Keymer vorbeigezogen, ist nun Fünfter.

„Sehr besonders“ sei Sindarovs Leistung bisher, sagte auch Keymer am Wochenende: „Ich bin gespannt, ob er das so durchziehen kann.“ Bisher sieht es danach aus. Bei der Weltmeisterschaft, die irgendwann Ende 2026 stattfinden soll, wäre Sindarov gegen Titelverteidiger Dommaraju Gukesh aus Indien, der auf Weltranglistenplatz 15 abgerutscht ist, der klare Favorit.