Zum dritten Mal in Folge wird eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Italien stattfinden. Bosnien-Herzegowina besiegte den vierfachen Champion mit 4:1 im Elfmeterschießen (1:1 nach Verlängerung) und krönte einen sagenhaften Abend im eigenen Land.
„Wir haben es nicht verdient, auch wenn wir Leidenschaft gezeigt haben“, sagte Italiens Trainer Gennaro Gattuso, dessen Mannschaft über weite Strecken der Partie in Unterzahl spielte. „Wir sind am Boden zerstört und verletzt, aber ich bin auch stolz auf mein Team.“
Im Juni 2025 hatte Gattuso den Trainerjob bei der „Squadra Azzurra“ von Luciano Spalletti übernommen mit dem ganz großen Auftrag, Italien nach zwei verpassten Endrunden endlich wieder zur WM zu führen. Der ehemalige Mittelfeldspieler gewann von den folgenden sechs Qualikationsspielen fünf, schaffte es so in die Playoffs, wo die erste Hürde gegen Nordirland (2:0) genommen wurde. Über die letzte Hürde Bosnien-Herzegowina fiel er aber und wird vermutlich nicht länger Italien-Coach bleiben.
Kean nutzt Pass-Patzer von Vasilj
Dabei sah es nach der 15. Minute nach einem Happy End aus. St. Paulis Torhüter Nikola Vasilj unterlief ein schlimmer Fehler, bei einem Klärungsversuch spielte er den Ball genau in die Füße von Nicolo Barella, der auf Moise Kean weiterleitete, und der Stürmer schloss aus 18 Metern fantastisch per Direktabnahme genau ins Eck ab zum 1:0. Die WM war für Italien greifbar nah.
Allerdings hatte das Gattuso-Team ab diesem Moment auch große Probleme mit den Bosniern. Italien setzte auf Ballbesitz und gemächlich, die Gastgeber dagegen gingen jeden Angriff an, als wäre es ihr Letzter, sie spielten mit höchster Intensität und spielten sich eine Vielzahl an guten Chancen heraus. Kurz nach dem Rückstand parierte Gianluigi Donnarumma einen Dropkick von Ivan Basic stark (20. Minute), einen Kopfball von Nikola Katic hielt der Torwart von Manchester City auch sicher (24.).
Rote Karte für Bastoni – Wende für Bosnien?
Ganz knapp wurde es nach einem Kopfball von Ermedin Demirovic, der das italienische Tor nach einer Flanke des überragenden Esmir Bajraktarevic nur um Zentimeter verfehlte (38.). Doch wenig später stiegen die bosnischen Hoffnungen, nach einer Notbremse gegen den zweiten starken Flügelspieler Amar Memic sah Alessandro Bastoni die Rote Karte (41.) und Italien musste mehr als eine Halbzeit in Unterzahl überstehen. Beinahe hätte es nicht mal bis zur Pause geklappt, Memic köpfte kurz vor dem Abpfiff noch knapp vorbei (45.+2).
15:2 Torschüsse war die Bilanz nach der ersten Hälfte zugunsten der Bosnier und das Scheibenschießen auf Donnarumma ging unmittelbar nach der Pause weiter. Italien verteidigte nur noch mit allen Spielern, jeder Konterversuch versandete schon im Ansatz, Verschnaufpausen gab es für die „Squadra Azzurra“ zunächst kaum.
Kean vergibt die Chance zum 2:0, Donnarumma hält stark
Nach 55 Minuten fanden die zehn Italiener zurück in ihre Ballbesitzphasen und schlugen nach dem zweiten Defensivfehler der Bosnier beinahe erneut zu. Kean sprintete in einen gegnerischen Pass und lief von der Mittellinie aus allein auf Vasilj zu, sein Abschluss geriet in diesem Fall allerdings zu hoch (59.). Der Stürmer der AC Florenz ärgerte sich, schließlich wusste auch er, dass es wohl nicht mehr allzu viele solcher Gelegenheiten für den vierfachen Weltmeister geben wird.
Für Kean sowieso nicht, denn zehn Minuten später wurde er ausgewechselt. Und auch für Italien nicht, wobei es dem Team mittlerweile deutlich besser gelang, die gegnerischen Angriffe zu verteidigen. Bosnien hatte längst nicht mehr die Fülle an Chancen, defensiv gingen die Gäste nun ganz Gattuso-like deutlich aggressiver zu Werke. In der 72. Minute musste Donnarumma trotzdem seine ganze Klasse zeigen, als er den Flachschuss von Benjamin Tahirovic noch aus der Ecke kratzte.
Tabakovic staubt ab und es geht in die Verlängerung
Abgesehen von dieser Szene wirkte Italien deutlich gefestigter, hatte sogar weitere Gelegenheiten auf den zweiten Treffer, ließ die jedoch aus – und das wurde bestraft. Nach einer der vielen Flanken setzte sich Edin Dzeko mal durch, Donnarumma hielt noch, aber Haris Tabakovic staubte sieben Minuten nach seiner Einwechselung zum 1:1 ab (79.). Das Publikum in Zenica war nun richtig in Fahrt, für die zweite WM-Teilnahme nach 2014 fehlte nur noch ein Tor.
Donnarumma konnte das verhindern, als er einen Kopfball von Demirovic erneut stark abwehrte (87.). Es war in der regulären Halbzeit das letzte Mal, dass der 27 Jahre alte Europameister-Torhüter von 2021 einschreiten musste, er rettete Italien in die Verlängerung. In der blieb es weitgehend ereignislos – bis zur 105. Minute, als Vasilj mit einer Parade gegen Francesco Esposito aus kurzer Distanz an seiner persönlichen Wiedergutmachung arbeitete.
Italien versagen vom Punkt die Nerven
Bis zur 119. Minute passierte dann wieder nichts, dann verpasste Tahirovic aus 18 Metern ganz knapp das Tor zur WM. So ging es ins Elfmeterschießen, und es kam zum Duell zweier absoluter Torhüter-Spezialisten in diesem Metier. Donnarumma hatte in seiner Karriere in sechs von sieben Malen nach diesen Situationen (unter anderem im EM-Finale) gejubelt, Vasilj im Halbfinale mit seinen Paraden für den Sieg nach Elfmeterschießen in Wales gesorgt.
Tahirovic startete erfolgreich, nach ihm jagte Esposito den Ball in den Nachthimmel von Zenica. Bosnien war der WM nun ganz nah. Vor allem nach dem Elfmeter von Tabakovic, der den Ball in den Winkel schlenzte, auch wenn Sandro Tonali nach ihm traf. Kerim Alajbegovic blieb auch cool, dann jubelte Bosnien wieder, weil Bryan Cristante den Ball an die Latte schoss. Nach dem finalen Schuss von Bajraktarevic kannte der Jubel dann keine Grenzen mehr.

