
China hat seine Metropolen rasant entwickelt. Die Menschen in den Dörfern aber leben oft in bitterer Armut. Das soll sich nach dem Willen von Präsident Xi Jinping ändern. Als Vorbild hat die KP Deutschland auserkoren, Humangeograf Gerhard Henkel soll helfen.
Der Humangeograf Professor Gerhard Henkel wird aus gutem Grund der deutsche „Dorfpapst“ genannt. In einem mehr als 340 Seiten umfassenden Standardwerk hat er die Entwicklung der deutschen Dörfer von der Agrargesellschaft im 19. Jahrhundert bis in die moderne Gegenwart beschrieben.
Nun ist, 15 Jahre nach der ersten Auflage, „Das Dorf“ sogar in chinesischer Übersetzung erschienen. Aber warum interessiert sich ausgerechnet ein Land wie China für das deutsche Dorf?
In den vergangenen Jahrzehnten hatte Peking vor allem die Urbanisierung vorangetrieben und die Metropolen ausgebaut. Noch 1979 wohnten nur 20 Prozent der Bevölkerung in Städten, knapp 40 Jahre später waren es mit fast 60 Prozent schon dreimal so viel. Diese Entwicklung ging zulasten der ländlichen Regionen. Allein vom Jahr 2000 bis 2010 sank die Zahl der Dörfer von 3,6 auf 2,7 Millionen. Seither gibt es eine immer stärker werdende Gegenbewegung.
Die Kommunistische Partei Chinas beschloss 2017 auf ihrem 19. Parteitag die Umsetzung einer Strategie zur Revitalisierung des ländlichen Raumes. Noch im selben Jahr, so berichtet Henkel, machte sich ein Forscherteam der Tongji-Universität in Shanghai auf den Weg nach Mitteleuropa zu „Feldforschungen“ – und besuchte auch den Dorfforscher Henkel, der im westfälischen Fürstenberg lebt und seinen Gästen aus China die Vorteile und Stärken des Landlebens präsentierte.
Der ländliche Wirtschafts- und Lebensraum, so Henkel, sei für Staat und Gesellschaft in Deutschland genauso wichtig wie die Großstadt. Mehr als 50 Prozent der ökonomischen Wertschöpfung erfolgten auf dem Land. Viele unbekannte Weltmarktführer, sogenannte Hidden Champions, hätten ihren Sitz in einem der 30.000 Dörfer und Kleinstädte. Auf dem Land herrsche relativ hoher Wohlstand, was unter anderem an der hohen Eigenheimquote von über 80 Prozent läge.
Eine Rolle spiele auch das „informelle Wirtschaften“, das ständige Geben und Nehmen im Rahmen von Nachbarschaftshilfe. Das Land versorge die Gesellschaft mit Lebensmitteln und Rohstoffen wie Wasser, Holz und erneuerbaren Energien. Dorfbewohner hätten eine hohe, durch viele Erfahrungen aufgebaute Kompetenz, Verantwortung für das Gemeinwesen zu tragen.
All das, berichtet Henkel, hätten sich die chinesischen Wissenschaftler mit großem Interesse angeschaut. Vor allem interessierte sie auch das große ehrenamtliche Engagement der Dorfbewohner in Vereinen und Genossenschaften. Auf dem Land seien die Menschen insgesamt zufriedener, Kinder und Jugendliche könnten ruhiger und entspannter und generell physisch und psychisch gesünder aufwachsen.
Henkel sagt: „Ich freue mich, dass ein großer Staat wie China sich Hilfe und Vorbilder in einem kleinen Land wie Deutschland holt.“ Es war schließlich ein chinesischer Doktorand am Geographischen Institut der Universität Bonn, der seine Kollegen zu Hause auf Henkels Dorfbuch aufmerksam machte.
Professor Li Zhang vom Fachbereich Stadtplanung der Tongji-Universität entschied, das Werk in China herauszugeben. Bedingt durch Verzögerungen während der Corona-Pandemie dauerte die Übersetzung insgesamt fünf Jahre. Zur Vorstellung der chinesischen Ausgabe reiste Henkel im Herbst 2025 nach Shanghai.
Der Besuch war verbunden mit einer Exkursion in die ländliche Umgebung der 24-Millionen-Metropole, berichtet Henkel. So wird etwa auf der Insel Chongming ein Reis-Forschungsprojekt aufgebaut, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Region damit attraktiver zu machen.
Chinas Präsident Xi Jinping wolle die ländlichen Regionen aber nicht nur ökonomisch stärken und die Selbstversorgung ausbauen, erklärt Henkel, sondern auch die ländliche Identität wieder stärken. Durch die Abwanderung so vieler Menschen in die großen Städte seien Kultur und Traditionen in Vergessenheit geraten. Der Kontrast zwischen Stadt und Land sei extrem groß, zum Teil herrsche bittere Armut.
„Das Dorfbuch soll zur Revitalisierung des ländlichen Raumes in China beitragen und in Schulen und Universitäten sowie in der Kommunalpolitik und Raumordnung eingesetzt werden“, sagt Henkel und sieht darin auch einen Beitrag zur Annäherung zwischen Deutschland und China. Die Tongji-Universität sei immerhin eine deutsche Gründung und feiere im kommenden Jahr ihr 120-jähriges Bestehen.
