Bei fünf Aufführungen der „Passio Domini Nostri J.C. secundum Evangelistam Matthaeus“ am Karfreitag in München kann man sich nicht über mangelnde Auswahl beklagen – und ausverkauft ist nur die Christuskirche. Altphilologe muss man in der „Matthäuspassion“ von Johann Sebastian Bach auch nicht sein, denn der Textdichter mit dem latinisierten Namen Picander hat – ganz im Sinne des Protestantismus – ein deutsches Libretto verfasst. Der Thomaner-Kantor Bach wusste, dass er für den Karfreitag 1727 ein Monumentalwerk unter seinen unzähligen Werken geschaffen hatte, sodass er es selbst „die große Passion“ nannte.
Mehr Gottesdienst oder klassisches Konzert?
Wo also hingehen bei verschiedenen Kirchenaufführungen und Konzertsälen? Der Rechtsstreit um den Aufführungsplatz am Karfreitag nachmittags in der Philharmonie endete mit dem Beschluss der Gasteig GmbH zu rotieren. So ist der Bach-Chor gezwungen, ins Prinzregententheater auszuweichen ohne die „Matthäuspassion“. In der Isarphilharmonie ist das ebenfalls traditionelle Bach-Collegium München. Und im Deutschen Theater gibt es passenderweise „Jesus Christ Superstar“ – auch eine Hommage an Jesus Christus, aber natürlich ein Kontrastprogramm zu Johann Sebastian Bach.
Das Bach Collegium in der Isarphilharmonie
Der alte Bachhase aus Nürnberg, Christian Kabitz, wird – wie man es sich bei Bach vorstellt – vom Cembalo aus dirigieren. Schon 1973 hat er das Bach Collegium München mit Meisterklassenstudenten der Musikhochschule gegründet, und dieser gut ausgebildete Input wurde bis heute weitergeführt. So ist auch in diesem Jahr vor ihm wieder ein sehr professionelles Ensemble. Auch der Chor des Bach Collegiums besteht aus Gesangsstudenten und Profisängern. Einen zusätzlichen Knabenchor setzt er nicht ein, aber die Sopranstimmen des Chors werden das kraftvoll ersetzen. Als Kabitz mit dem Bach-Collegium begann, war die Originalklang-Bewegung für traditionelle Klassikbesucher noch neu. Heute verspricht die Mischung aus modernen Instrumenten und historischer Spielweise ein ausgewogenes Konzept mit vollem Klang für den klassischen Geschmack. (Karfreitag, 14 Uhr, Isarphilharmonie, 60 – 140 Euro, Karten: muenchenticket.de)

© Alexandra Vossding
von Alexandra Vossding
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Collegium Vocale Genti n der Isarphilharmonie
Auch der flämische Belgier Philippe Herreweghe hätte als Purist und radikaler Stilist sicher am liebsten einen Nachmittagstermin gehabt, weil so die zweieinhalbstündige Passion die biblische Todesstunde von drei Uhr einschließt. Herreweghe ist der Hohe Priester des Originalklangs. Er teilt seinen Profichor zum Stereoeffekt wie 1727 auf den Emporen der Thomaskirche. Seine Solisten sind nicht extra besetzt, sondern treten aus dem Spitzenchor für die Arien hervor. Herreweghe versucht musikalisch und atmosphärisch, den Konzertsaal zur Kirche zu machen. Dabei kommt ihm in München die dunkel getäfelte Isarphilharmonie entgegen. (Karfreitag, 19 Uhr, Isarphilharmonie, 70 – 155 Euro, Karten: muenchenticket.de)

© Wouter Maeckelberghe
von Wouter Maeckelberghe
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Die Arcis Vocalisten und das Orchester L’Arpa festante im Herkulessaal
Wem der Knabenchor bei den vorherigen Aufführungen fehlt, hier bekommt er ihn mit den Regensburger Domspatzen. Das Orchester L’Arpa festante spielt auf alten oder nachgebaut historischen Instrumenten. Die Arcis Vocalisten sind ein semi-professioneller Chor auf hohem Niveau. Denn alles wird geleitet von Thomas Gropper, Bariton und Gesangsprofessor an der Hochschule für Musik und Theater. Der Herkulessaal ist akustisch gut, aber man sollte versuchen, eher vorne zu sitzen, weil der Originalklang nicht so weit trägt. Dass es Karten schon ab 50 Euro für dieses Großwerk gibt, ist sehr lobenswert. (Karfreitag, 18 Uhr, Herkulessaal, 50 – 97 Euro, muenchenticket.de)

© Daniel Delang
von Daniel Delang
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Der Münchener Bach-Chor im Exil
Der Motettenchor in der Matthäuskirche
Hier gehört sie eigentlich hin, Bachs „Matthäuspassion“, denn sie ist als Gottesdienst konzipiert, auch wenn man heutzutage keine Predigt mehr in der Mitte hören muss. In der Matthäuskirche am Sendlinger Tor singt der Münchner Motettenchor – ergänzt um den Münchner Knabenchor. Es spielt das Residenzorchester. Wahrscheinlich wird diese Aufführung in ihrer Balance aus evangelischer Kirche und guten Sängerinnen und Sängern der Idee, mit der „Matthäuspassion“ das fundamentale christliche Ereignis würdig zu begehen, am gerechtesten. (Karfreitag, 18 Uhr, St. Matthäuskirche am Sendlinger Tor, 22 – 61 Euro, Karten: muenchenticket)

© Simon Pauly
von Simon Pauly
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Der Münchener Bach-Chor im Prinzregententheater
Mit dem Wechsel des Veranstalters vor ein paar Jahren kam der Streit auf, wem der Platz in der Isarphilharmonie am Karfreitag gehört: dem Veranstalter oder dem Ensemble? In diesem Jahr jedenfalls muss der Münchener Bach-Chor nach Jahrzehnten ausweichen – ins schöne Prinzregententheater. Und man hat sich wegen des kleineren Rahmens auch für die kleinere Passion entschieden: die „Johannespassion“ von Johann Sebastian Bach. Sie ist kürzer, und Christus wird hier – bei allem Leiden – stärker als König und Triumphator gefeiert. Chorleiterin Johanna Soller gibt hier nach nur drei Jahren ihren Abschied beim Bach-Chor. Ihr Schlusspunkt in München verspricht – besonders solistisch – wunderbar zu werden, auch weil das Prinzregententheater für Sollers historisch informierte Klangauffassung mit ihren alten Instrumenten besser geeignet ist als die große Isarphilharmonie. (Karfreitag, 16 Uhr, Prinzregententheater, 72 – 142 Euro, Karten: muenchenticket.de)
„Jesus Christ Superstar“ im Deutschen Theater
Diese Pop-Oper von Andrew Lloyd Webber begeistert zwar nicht seit 300 Jahren, aber immerhin seit 55. Entstanden 1971, ist „Jesus Christ Superstar“ das Produkt der Flower-Power-Zeit. Die Liedtexte von Tim Rice sind mitnichten blasphemisch, sondern nehmen das Leben von Jesus von Nazareth und seine Mission mitreißend ernst. Und weil die Passionsgeschichte am Gründonnerstag einsetzt, gibt es das hier szenisch-konzertant aufgeführte Musical schon zum letzten Abendmahl. (Gründonnerstag, 19.30 Uhr und Karfreitag, 14 Uhr, Deutsches Theater, Schwanthalerstraße 13, 21 – 109 Euro, Karten: deutsches-theater.de)

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