Wie Schach die Welt eroberte – Stil

Eine Erfinderin des Schachspiels ist nicht bekannt. Man weiß aber, dass Schach im Indien des 6. Jahrhunderts seinen Anfang nahm und vermutlich aus einem anderen Brettspiel namens Chaturanga hervorging, das ebenfalls auf einem Feld mit 64 Feldern gespielt wird. Schach verbreitete sich zunächst in Asien und in der arabischen Welt, im 10. Jahrhundert kam es schließlich nach Europa. Und obwohl die Kirche das Spiel (ebenso wie Würfelspiele) bisweilen verbot, erfreute es sich schnell großer Beliebtheit, mancherorts gehörte es gar zur ritterlichen Ausbildung. Dennoch galt Schach vor allem im Mittelalter primär als Spiel des Adels, die frühen Arenen waren Schlösser, Paläste, Höfe.

Schachspieler im berühmten Café de la Régence in Paris.
Schachspieler im berühmten Café de la Régence in Paris. (Foto: Memento/mauritius images)

Den Weg ins Bürgertum ebnete die Kaffeehauskultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Zum bedeutendsten Zentrum des europäischen Schachspiels wurde das Café de la Régence in Paris, das es bis heute gibt. Dort soll unter anderem der Komponist und beste Schachspieler seiner Zeit, François-André Danican Philidor (1726 – 1795), regelmäßig verkehrt und gespielt haben. Andere Stammgäste waren die Philosophen Voltaire und Rousseau. Dieser Satz jedoch stammt von Philidor: „Die Bauern sind die Seele des Schachspiels.“ Die ersten Schachklubs in Deutschland eröffneten im frühen 19. Jahrhundert.

Mehr als 200 Jahre später ist das Internet zu einem der wichtigsten Orte für das Schachspiel geworden, die gängigen Online-Plattformen vermelden immer neue Rekordnutzerzahlen. Eine positive Entwicklung dabei: Das Netz hat Schach demokratisiert. Talente benötigen nicht länger den Zugang zu teuren Lehrbüchern oder schicken Kaffeehäusern, um besser zu werden. Schön für alle Fans des analogen Spiels sind die Riesen-Schachbretter, wie es sie an öffentlichen Plätzen oder in Freibädern häufig gibt.

Die Literatur

Oftmals beinhalten Schachbücher sogenannte Notationen, mit der sich jeder einzelne Zug einer Partie genau nachvollziehen lässt. Das Endspiel einer berühmten Partie von Garri Kasparow gegen Wesselin Topalow aus dem Jahr 1999 sieht dann beispielsweise so aus: 36. Lh3–f1!! Td8–d2 37. Tb7–d7! Td2xd7 38. Lf1xc4 b5xc4 39. Db2xh8 Td7–d3 40. Dh8–a8 c4–c3 41. Da8–a4+ Kd1–e1 42. f3–f4 f7–f5 43. Kb1–c1 Td3–d2 44. Da4–a7.

Es gibt allerdings auch großartige Bücher über Schach, die sich nicht explizit an ein Fachpublikum richten. Sehr bekannt ist die „Schachnovelle“, die Stefan Zweig 1942 im brasilianischen Exil schrieb. Die Geschichte von Dr. B., einem österreichischen Vermögensverwalter, der von den Nazis gefangen genommen wird und nur mithilfe des Schachs das Eingesperrtsein erträgt, bis er schließlich Schach nicht mehr erträgt, ist Weltliteratur und Schullektüre. Gerade erst, 2021, wurde sie wieder verfilmt.

Oliver Masucci in der Neuverfilmung der "Schachnovelle" aus dem Jahr 2021.
Oliver Masucci in der Neuverfilmung der „Schachnovelle“ aus dem Jahr 2021. (Foto: Julia Terjung)

Ein weiterer Schachroman, der sich intensiv mit der Psyche des Spiels auseinandersetzt, heißt „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“. Der Debütroman von Thomas Glavinic aus dem Jahr 1998 ist inspiriert von der Biografie des österreichischen Schachspielers Carl Schlechter und erzählt von einem kräftezehrenden Kampf zweier ungleicher Kontrahenten am Brett.

Die Figuren

Schachfiguren, wie wir sie heute kennen, entsprechen in aller Regel den Ideen von Nathaniel Cooke. 1849 meldete der britische Designer und Verleger Patent für die „Staunton Chessmen“ an, benannt nach dem damaligen Spitzenspieler Howard Staunton. Innerhalb kürzester Zeit wurden Cookes Figuren zum internationalen Standard, vor allem, weil sie endlich Klarheit brachten. Zuvor war es bei Turnieren immer wieder zu Irritationen gekommen, weil Spieler ihre Figuren verwechselt hatten.

Cooke etablierte daher universelle Merkmale: die Kugel des Bauern, den Pferdekopf des Springers, die Kronen des königlichen Paares. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Sets können dennoch groß sein, sowjetische Könige etwa tragen eine Krone ohne Kreuz, während die Springer des Architekten Daniel Weil keine ausgestanzten Augen haben. Für Sammler und Kenner liegen Welten zwischen Cooke und Weil.

Die Schachfiguren, die zum weltweiten Standard wurden: Die „Staunton Chessmen“.
Die Schachfiguren, die zum weltweiten Standard wurden: Die „Staunton Chessmen“. (Foto: John Jaques and Son Limited)

Ohnehin eine ganz eigene Welt sind die Schachspiele einiger Luxusmarken wie das von Swarovski aus Kristall und Marmor. Wer hingegen nach einem Set sucht, das optisch etwas Besonderes und dennoch auch zum Spielen geeignet ist, dem sei das minimalistische „Berliner Schachspiel“ empfohlen. Handgefertigt aus Palisander und Buchsbaum erinnert das schlichte Design der Figuren an den Bauhaus-Stil der 1920er-Jahre. (ca. 530 Euro, shop.worldchess.com)

Die Verbindung

Als der Herausforderer Bobby Fischer aus den USA und der Titelverteidiger Boris Spasski aus der Sowjetunion 1972 in Reykjavík den Schachweltmeister ausspielten, wurde dieses Match auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zum Kampf der Systeme hochstilisiert. „Amerika wünscht sich, dass Sie da hinfahren und die Russen schlagen!“, soll US-Sicherheitsberater Henry Kissinger zu Bobby Fischer am Telefon gesagt haben. Fischer besiegte Spasski.

Bobby Fischer (links) und Boris Spasski beim WM-Finale in Reykjavík 1972.
Bobby Fischer (links) und Boris Spasski beim WM-Finale in Reykjavík 1972. (Foto: Imago)

Bis heute gilt Schach politischen Akteuren als Projektionsfläche; dass die aufstrebenden Mächte China und Indien zuletzt große Summen ausgerechnet in die Schachförderung gesteckt haben, ist kein Zufall. In Afghanistan hingegen gilt seit einigen Monaten ein Schachverbot – vermutlich, weil auch die Taliban wissen, dass Schach freies Denken fördert. Und Zusammenhalt: Als Bobby Fischer im Januar 2008 vereinsamt starb, gab es einen Menschen, der bis zum Ende freundschaftlichen Kontakt gehalten hatte. Es war Boris Spasski.

Die Emotionen

Keinem gelingt es so gut, die Emotionen der Schachspieler einzufangen wie Stev Bonhage. Dieses Foto von ihm zeigt den französischen Großmeister Alireza Firouzja.
Keinem gelingt es so gut, die Emotionen der Schachspieler einzufangen wie Stev Bonhage. Dieses Foto von ihm zeigt den französischen Großmeister Alireza Firouzja. (Foto: Stephan Rumpf)

Der Fotograf Stev Bonhage sagt, Schachspieler zu fotografieren, das sei wie Angeln, „manchmal sitze ich stundenlang an der falschen Stelle, und es beißt nichts an“. Seine Geduld hat sich ausgezahlt. Die besten Schachfotos hat Bonhage in dem Fotobuch „Capture – An exchange between photography and chess“ gesammelt. Der Schwede, der von der Actionsportfotografie (Boxen, Formel 1, Breakdance) kommt, gilt inzwischen völlig zu Recht als der weltweit beste Schachfotograf. Keinem anderen gelingt es so gut, die Emotionen der Menschen am Brett einzufangen. Der verzweifelte Profi im Kandidatenturnier, das lachende Kind im kenianischen Flüchtlingscamp, die konzentrierten Häftlinge im Gefängnis: Bonhages Buch ist eine vielseitige Liebeserklärung an das Spiel der Könige. (75 Euro, stevbonhage.com)