Wie ist Kristof Magnussons „Die Reise ans Ende der Geschichte“?

Wie herrlich unzeitgemäß ist allein diese Idee: ein deutscher Dichter mit Erfolg. Nicht gemeint ist der eine oder andere Literaturpreis, nicht gemeint das mühsame Emporkraxeln von zwei- zu dreistelligen Auflagenzahlen. Gemeint ist ein Erfolg, der so umfassend und gewaltig ist, dass er den Gefeierten „mit dem Prestige eines Wunderkind-Künstlers und dem Budget eines Chefarztes“ schon zu langweilen beginnt, und zwar so sehr, dass er sich auf ein waghalsiges Abenteuer einlässt. Er wird Freizeitspion. Das vertreibt seine Lebensmüdigkeit sofort: Das Diabolische zieht ihn in den Bann, „die unmittelbare Gegenwart“, der „Puls der Zeit“. Endlich eine Aufgabe!

Das Cover zu Kristof Magnussons Roman
Das Cover zu Kristof Magnussons RomanKlett-Cotta

Jakob Dreiser ist der Name dieses gut aussehenden, polyglotten und allseits beliebten Jünglings („Mr. Populär“), über dem unausgesetzt die Sonne zu scheinen scheint. Ohne nähere Begründung hat er sich zwei Jahre zuvor in Rom nieder­gelassen, vielleicht weil das selbst einem Poeten für die Massen gut ansteht. Dass es ausgerechnet Rom ist, hat aber wohl auch damit zu tun, dass der Autor Kristof Magnusson ein Jahr als Stipendiat in der Deutschen Akademie Villa Massimo zugebracht hat: Da sind in Rom spielende Geschichten als Ertrag gern gesehen. Dass dieser mutmaßlich sonnigste deutsche Unterhaltungsschriftsteller fröhlich von Genre zu Genre hüpft, vom Finanzkrimi über einen Arztroman und eine Kunstbetriebssatire nun zum Spionagethriller, könnte darauf hindeuten, dass auch hier ein ziemlich erfolgreicher Dichter das Abenteuer sucht.

Die Handlung reist ans Ende der Geschichte

Für Jakob Dreiser jedenfalls war der Weg zum Ruhm eine gut geschmierte Rutschbahn. Im Jahr 1987 hatte er bei einem Schüleraustausch in Leningrad die junge Russin Dwina Safronowa kennengelernt: „Sie waren 17 gewesen. Sie hatte ihn für schwul gehalten, er hatte gedacht, sie wäre eine Lesbe, doch darüber sprachen sie kaum.“ Beide hatten bereits damals vor, „Brühwürfel aus der Wirklichkeit zu machen“. Und zwei Jahre später waren sie in der Tat als Poeten berühmt: „Das Fernsehen stellte fest, wie gut Gedichte sich für ein bisschen Kurzkultur eigneten, wenn zwei punkige Teenager sie vortrugen, als perfektes Symbol für eine neue Generation, die Generation des Friedens!“

Das nämlich ist die zweite originelle Idee Magnussons: Der Roman spielt in den frühen Neunzigerjahren. Die Handlung reist also quasi selbst an das von Francis Fukuyama 1989 ausgerufene „Ende der Geschichte“ nach dem Kollaps des Ostblocks. Das ist gewitzt, denn Spionagethriller aus dem Kalten Krieg oder der Zeit des Mauerfalls gibt es zuhauf. Hier aber handelt es sich um die in alle Richtungen offene, letztlich gescheiterte Phase des historischen Umbruchs, in der auch die kalt erwischten Geheimdienste versuchten, sich auf die neue Situation einzustellen. Der KGB wandelte sich allmählich zum FSB, Geheimnisse wurden mafiös zu Geld gemacht, alte Rechnungen beglichen.

Popkulturelle Liebe zum Oberflächendetail

Rekrutiert wird Dreiser von einem windigen BND-Mitarbeiter namens Germeshausen, dem die allgemeine Friedenseuphorie zuwider ist: „Für die sind wir immer noch der Feind. Und die für uns.“ Dass er sich selbst hatte kaufen lassen, fällt dem verstockten, frustrierten Agenten nun auf die Füße: Er will ein letztes Ding drehen und dann unter­tauchen. Dafür braucht er Dreiser, diesen halb verabscheuten Gewinnertypen, der die Kunst des Gesprächs beherrscht: „Die Leute erzählen Ihnen Dinge. Bei mir merken alle, dass ich das nicht zum Spaß mache.“ Ein lukratives Geschäft hat Germeshausen im Sinn: „Andere Leute kaufen Fellmützen mit Hammer und Sichel aus Militärbeständen oder Leninbüsten. Da kann ich doch auch einen Hubschrauber kaufen. Davon haben die auch zu viele.“ Dann beginnt eine von Täuschungen, Verfolgungen und Wettstreit geprägte, nicht ganz klischeefreie, aber immer wieder unvorhergesehen abbiegende Geheimoperation, in die noch weitere Personen verstrickt sind und die sich von Rom bis Kasachstan und vom Sieben­gebirge bis nach St. Petersburg erstreckt.

Wie von Magnusson gewohnt, ist das alles rasant, atmosphärisch und ziemlich komisch erzählt, mit popkultureller Liebe zum Oberflächendetail und ohne falsche Furcht vor erstaunlichen Zufällen. Alle bleiben hier irgendwann auf der Strecke, auch Jakob: „Er hatte sich in allem und in allen getäuscht und in wenigen Tagen das erlebt, wofür ein Leben sonst Jahre brauchte: Zuversicht, Erfolg, Euphorie, Absturz, Abstellgleis.“ So ging es nicht wenigen nach der Systemwende. Tatsächlich hat man es bei aller virtuosen Leichtigkeit hier mit der düsteren Verdichtung eines Zeitalters zu tun, einer Zwischenzeit, in der Werte und Erwartungen neu geeicht wurden. Von ewigem Frieden keine Spur. Mehr Tiefgang hat der Roman dann freilich nicht. „Die Reise ans Ende der Geschichte“ ist gleichzeitig ein historischer Spionagethriller und dessen Parodie.

Auch die psychologische Durchdringung der Hauptfigur interessiert Magnusson nicht sonderlich, Jakob Dreiser ist kein Anton Reiser. Dass er am Ende des Buchs ein einziges Mal eine moralische Regung zeigt (was verschiedene Folgen hat, für ihn selbst nicht die besten), wird nicht als Ergebnis einer Entwicklung dargestellt, sondern als eine Art schockartiges Erwachen eines um sich selbst kreisenden Traumtänzers. Wenn man will, lässt sich das als poetische Antithese im Spannungsfeld von radikaler Individualität und kollektiver Verantwortung ver­orten, schließlich befindet man sich an dem Punkt, von dem aus auch eine demokratischere Entwicklung in Osteuropa denkbar gewesen wäre.

Aber das muss man gar nicht wollen. Kristof Magnussons tragikomisches Buch mit ­seiner gewitzt amoralischen Handlung und den vielen atmosphärischen Szenen – in der russischen Banja so trittsicher wie in einer Industriellenvilla bei Bonn – ist ­zuallererst ein köstlich befellmütztes ­Lesevergnügen. Endlich ein Abenteuer!

Kristof Magnusson: „Die Reise ans Ende der Geschichte“. Roman.
Klett-Cotta, Stuttgart. 288 S., geb., 25,– €.