„Wir arbeiten hier noch immer“, sagt Gabriela Ionascu. „Wir haben Meetings, wir treffen Entscheidungen trotz der widrigen Bedingungen dieses Winters.“ Es ist der vierte zermürbende Kriegswinter in der Ukraine, und für einen Moment sieht es so aus, als könne Ionascu, die Ukraine-Direktorin bei der UN-Organisation Unaids, selbst kaum glauben, dass dieses Büroleben einfach so weitergeht.
Die Ukraine war vor dem Krieg das Land mit der zweithöchsten Pro-Kopf-Rate an HIV-Infektionen. Eine höhere Ansteckungsrate gab es nur in Russland. Und jetzt nach vier Jahren Krieg?
Verlässliche Pro-Kopf-Raten gibt es nicht mehr, allein schon, weil gar nicht klar ist, wie viele Menschen derzeit in der Ukraine leben. Gabriela Ionascu operiert in einem Videocall mit absoluten Zahlen des Kiewer Gesundheitsministeriums. 2022 gab es demnach 150 000 Menschen mit einer bestätigten Diagnose. Ende 2025 führten die offiziellen Statistiken nur noch 130 000 Menschen. Es werden zugleich weniger Neuansteckungen gezählt. Gabriela Ionascu interpretiert dies aber nicht als erfreuliche Trendwende, sondern als Zeichen, dass die Erfassung mittlerweile erhebliche Lücken aufweist. Und dass es ein hohes Risiko für viele unentdeckte Infektionen gibt.
So fließen aus den von Russland besetzten Gebieten gar keine Informationen, aus den schwer umkämpften Regionen entlang der Front keine ausreichenden Daten. Millionen Ukrainer sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Welche Krankheiten sie sich dabei zuzogen oder schon länger mit sich herumtragen, ist nicht immer nachvollziehbar. Die Angriffe auf Gebäude und das Stromnetz beeinträchtigen auch Kliniken, Labore, Datenbanken – all das, was es für eine zuverlässige Statistik braucht.
Die verfügbaren Zahlen zeigen auch, dass heute weniger Infizierte die lebensrettenden antiviralen Medikamente bekommen. 14 500 von ihnen sind aus der Statistik gefallen. Niemand weiß, ob sie noch im Land, ob sie überhaupt noch am Leben sind oder ob sie keine Möglichkeit mehr haben, die Tabletten regelmäßig zu erhalten. Sie würden in dem Fall nicht nur ihr Leben gefährden, sondern könnten das Virus auch an andere weitergeben.
Dabei gibt es noch immer Versorgung für Infizierte und Risikogruppen. Hilfsorganisationen, das Kiewer Gesundheitsministerium, Unaids und der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, sie alle bestätigen, dass Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten verfügbar sind.
„Nach einem HIV-Service erkundigt man sich nicht unbedingt sehr freimütig.“
Das Problem ist eher, dass die Menschen nicht mehr so einfach dorthin gelangen, wo es Hilfe gibt. Binnenflüchtlinge mit HIV oder einem hohen Risiko für die Infektion wissen oft nicht, wo sie an ihren neuen Orten Unterstützung finden. „Nach einem HIV-Service erkundigt man sich nicht unbedingt sehr freimütig“, sagt Gabriela Ionascu. Stigmatisierungen hat auch der Krieg nicht beseitigt.
Auch HIV-positive Menschen in Gefängnissen und beim Militär werden schlecht von Unterstützungsangeboten erreicht, fügt Oleksandr Kolesnyk, Leiter der Hilfsorganisation „100 % Life Dnipro“ hinzu. HIV-positive Männer können, wenn sie keine Symptome haben, mittlerweile auch zum Militär eingezogen werden. Sie dienen allerdings nicht an der Front, sondern in unterstützenden Funktionen. Manche HIV-positive Männer verbergen sich aus Angst vor einer Rekrutierung, sie nehmen dann beispielsweise Arztbesuche nicht mehr wahr, berichtet Kolesnyk.
Er sitzt in der Stadt Dnipro im Osten des Landes in seinem Büro. „Wir haben uns auf den Winter vorbereitet. Wir haben Generatoren“, sagt er in einem Videocall. Seine Organisation bietet soziale, psychologische, juristische und praktische Unterstützung für Menschen mit HIV. „Natürlich macht der Krieg alles schwer. Natürlich sind wir alle etwas deprimiert“, sagt er. Insgesamt aber sei sein Team psychisch robust; die Empathie mit den Betroffenen sei groß. Manche Mitarbeiter seien selbst HIV-positiv, sie wüssten, worum es geht, sagt Kolesnyk – und schickt ein pragmatisches „Wir kommen schon klar“ hinterher.
Hilfsorganisationen wie der von Kolesnyk sei maßgeblich zu verdanken, dass Prävention und Versorgung noch funktionierten, sagt Darren Dorkin vom Globalen Fonds.
Sie können flexibel reagieren, sie können ein Stück weit ausgleichen, wenn wieder eine Klinik, eine Ambulanz zerbombt wurde. 2500 Gesundheitseinrichtungen sind bislang zerstört oder zumindest beschädigt worden, bilanziert die ukrainische Hilfsorganisation Alliance for Public Health. Sie fährt mittlerweile mit mobilen Kliniken in besonders umkämpfte Gebiete. Sie bietet KI-gestützte virtuelle Sozialarbeiter an, die Betroffene beraten. Sie erfasst ebenfalls KI-gestützt Ergebnisse von HIV-Selbsttests.
Das Geld für all das fließt noch immer. Selbst die USA zahlen weiter. Das ist die positive Seite, sagt Eamonn Murphy, Unaids-Regionaldirektor für Osteuropa, der SZ. Die Kehrseite: „Die Programme sind komplett auf Spender angewiesen.“
Dabei war die Ukraine vor dem Krieg auf einem guten Weg. Die Zahl der Betroffenen, die antiretrovirale Therapien erhielten, stieg stetig. Die Ukraine war nach UN-Angaben das einzige Land in Osteuropa und Zentralasien, das staatlich finanzierte Präventionsprogramme für Risikogruppen anbot. Vor dem Krieg hatte die Regierung geplant, künftig 80 Prozent ihrer HIV-Programme selbst zu finanzieren. „Die Ukraine war das Vorzeigemodell in der Region, was die Bewältigung der Erkrankung angeht“, sagt Murphy. „Das hat nun einen herben Rückschlag erlitten.“
Wie es weitergeht, ist kaum abzuschätzen. Nicht alle sind so robust wie die Organisation in Dnipro. Murphy berichtet von starker Belastung der Hilfeleistenden, von hohen Burn-out-Raten. Bislang lässt sich nur sagen: Sie arbeiten immer noch.
