Wenn Mark Ruffalo, Jean Smart und Wunmi Mosaku an Billy Bob Thorntons Stern in das Dolby Theatre abbiegen, atmen die Organisatoren der Oscars auf. Schwieriger wird es, wenn die als streitbar bekannten Schauspieler den roten Teppich in der Nacht zu Montag bis zu Russell Crowes Stern zurücklegen. Schon bei den Vorgängern der Oscars in den vergangenen Wochen hatten sie kein Blatt vor den Mund genommen.
Auf dem roten Teppich der Golden Globes warf Ruffalo Präsident Donald Trump vor, das Völkerrecht zu missachten und mit seiner Einwanderungspolitik jede Moral zu sprengen. „Das ist für Renée Good“, erinnerte der Schauspieler mit dem Pin „Be Good“ an die von Beamten der Einwanderungspolizei (ICE) erschossene Amerikanerin. „Ich liebe Amerika, aber was gerade passiert, hat mit diesem Land nichts mehr zu tun.“
Auch Smart ließ sich nicht durch Feierlaune bremsen. Die Vereinigten Staaten erlebten gerade eine Zeitenwende, spielte die „Hacks“-Darstellerin auf die Proteste gegen Trumps Politik an. Mosaku, als Annie in Ryan Cooglers Horrorfilm „Sinners“ für einen Oscar nominiert, wetterte auf dem roten Teppich der Actor Awards gegen Washington. „Ich will, dass ICE verschwindet. Was die Regierung den Menschen antut, ist grausam“, sagte die gebürtige Nigerianerin.
Die Reporter der Unterhaltungssender sollen weiter nach vorne
Politik auf roten Teppichen und bei Dankesreden hat in Hollywood Tradition. Statements zu Einwanderungspolitik, Trumps Namen in den Epstein-Akten und dem Krieg gegen Iran kommen aber nicht bei allen gut an. Nach Billie Eilishs Seitenhieb gegen ICE und „gestohlenes Land“ bei den Grammys warfen Zuschauer der Sängerin Scheinheiligkeit vor: Mindestens ein Anwesen der Vierundzwanzigjährigen stehe auf Boden des durch Siedler verdrängten Tongva-Stammes.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) als Veranstalter der Oscars versucht seit dem Eklat, den roten Teppich vor dem Dolby Theatre zu entschärfen. Die Reporter der Unterhaltungssender sollen in der Nacht zu Montag auf den ersten Metern platziert werden. Die Nachrichtensender mit weniger unterhaltsamen Fragen zu ICE, Gaza und Iran wurden derweil auf die letzten der fast 300 Meter verbannt – kurz vor dem Eingang zum Dolby Theatre, wo Crowes rosafarbener Stern in Terrazzo gegossen liegt.
Nach einer Serie von Interviews zu Kleidern, Schmuck und Herausforderungen am Set scheint AMPAS auf Ermüdungserscheinungen bei den Stars zu setzen. Wie die Filmakademie weiß, schadet zu viel Politik der Einschaltquote. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Yougov lehnt mehr als jeder zweite amerikanische Zuschauer Belehrungen von Celebritys ab. Nach dem Sinkflug der Quoten in den vergangenen Jahren versucht AMPAS, sich bei den 98. Oscars in Zurückhaltung zu üben.
Der rote Teppich stand wohl schon zur Debatte
Als vor zwei Wochen die ersten amerikanischen und israelischen Bomben auf Teheran niedergingen, überlegte die Academy angeblich, den roten Teppich wie kurz vor dem Ausbruch des Irakkrieges im Jahr 2003 wegzulassen. Neben dem iranischen Regisseur Jafar Panahi, der für den Thriller „Ein einfacher Unfall“ in den Kategorien Internationaler Film und Originaldrehbuch für einen Oscar nominiert wurde, werden auch seine Landsleute Mohammadreza Eyni und Sara Khaki, nominiert für den Dokumentarfilm „Cutting Through Rocks“, im Dolby Theatre erwartet.
Als Highlight für Millionen Zuschauer und Marketingmaschine der Modehäuser blieb der berühmteste „red carpet“ schließlich doch im Programm. Die geplante Dekoration aus japanischen Ahornbäumchen, ein Symbol für Frieden und Gelassenheit, bleibt aber im Keller.
O’Brien trägt gute Laune zur Schau
Auch Conan O’Brien soll helfen, politische Wogen zu glätten. Der Komiker, der die Oscars zum zweiten Mal moderiert, gilt als unterhaltsam und politisch harmlos. Beim Ausrollen des Teppichs vor dem Dolby Theatre witzelte er in Arbeitsoverall und Sonnenbrille am Mittwoch über die Mühen handwerklicher Arbeit. Fragen zu Oscars in Krisenzeiten ließ O’Brien durch die zur Schau getragene gute Laune gar nicht erst aufkommen. Die Moderation der Academy Awards, gab er später zu, sei eine Gratwanderung. „Es ist meine Aufgabe, die sehr, sehr dünne Linie zwischen der Unterhaltung der Zuschauer und dem Anerkennen der Realität zu treffen“, sagte O’Brien.
AMPAS versichert, man habe dem Zweiundsechzigjährigen keinen Maulkorb verpasst. „Wir geben ihm viel kreativen Spielraum, und er enttäuscht uns nie“, sagte AMPAS-Geschäftsführer Bill Kramer. Lynette Howell Taylor, Filmproduzentin und Chefin der Filmakademie, sagte, die Oscars blendeten die Welt vor dem Dolby Theatre nicht aus. Sinn der Preisverleihung sei es aber, Schauspieler und Filmemacher zu feiern. Nach Warnungen der Bundespolizei zu möglichen Drohnenangriffen Irans auf Kalifornien kündigte AMPAS verschärfte Sicherheitsvorkehrungen durch FBI und Los Angeles Police Department an.
Auch dass die iranischen Nominierten Eyni und Khaki ihre amerikanischen Kollegen zur öffentlichen Unterstützung ihres Heimatlandes aufforderten, soll bei der Filmakademie in Beverly Hills für Unruhe sorgen. Wie „Vanity Fair“ berichtete, wurden beim Mittagessen der Oscar-Kandidaten schon Anstecknadeln mit den Umrissen Irans verteilt. Welche Filmschaffenden sich die Pins in der Nacht zu Montag an Robe oder Revers heften, weiß niemand. Dass Ruffalo zu ihnen gehört, scheint so gut wie sicher.
