
Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der Süddeutschen Zeitung, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
mir kam meine Oma immer jünger vor als sie eigentlich ist. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie ihre Geburtstage etwas anders gestaltet als die meisten Omas. Sie hat mal in einem Oktoberfestzelt gefeiert (sie mag Bier), in der Allianz Arena (sie mag den FC Bayern) und in einem Wald (ja, warum eigentlich?). Einmal wurden alle Gäste mit einem Reisebus abgeholt und zur Location gebracht. Ich werde nie vergessen, wie dieser riesige Bus in der schmalen Straße vor meinem Elternhaus stand und sich alle dachten: die Oma und ihre Ideen.
Im besten Sinne ungewöhnlich ist auch die Großmutter meines Kollegen Jannik Achternbosch. Sie hat in fortgeschrittenem Alter mit dem Rauchen aufgehört und mit dem Laufen angefangen, um sich dem härtesten Wettkampf der Welt zu stellen: dem Ironman auf Hawaii. Die Liebeserklärung ihres Enkels kann ich nur empfehlen.
Meine Oma ist früher auch viel gelaufen. Mittlerweile ist sie leider nicht mehr so fit, hatte einen Herzinfarkt. Seit einem halben Jahr lebt sie jetzt in dem Heim, in dem sie früher selbst Bewohnern ehrenamtlich geholfen hat. Es war ihr eigener Wunsch, und doch fiel ihr das Ankommen schwer. Sie schlief schlecht und sah im Speisesaal andere Bewohner, die gefüttert werden müssen. Die zwar am Leben sind, aber nicht mehr wirklich da.
Vielleicht hat mich auch deshalb dieser Text meiner Kollegin Pia Ratzesberger so berührt. Sie war in mehreren Pflegeheimen, um mit Bewohnerinnen und Bewohnern über ihre wichtigsten Gegenstände im Zimmer zu sprechen: das Bild des verstorbenen Ehemanns, die handgeschnitzte Madonna, der Eierkocher. Darin steht der schöne Satz: „Manchmal ist ein Gegenstand nicht nur Erinnerung, sondern blanke Selbstbestimmung.“
Ich hoffe, dass meine Oma ihr Leben noch möglichst lang so gestalten kann, wie sie es für richtig hält. Sie hat jetzt eine nette Runde zum Rummikub-Spielen gefunden. Und wenn ihr mal danach ist, gönnt sie sich zum Mittagessen ein Weißbier, dann kommen Flasche und Weißbierglas in den kleinen Korb ihres Rollators.
Gibt es in Ihrer Familie auch eine Oma, einen Opa oder anderen Verwandten, an den sie beim Lesen gleich denken mussten? Jemand, der im Herzen immer junggeblieben ist? Ich freue mich, wenn Sie mir schreiben.
Ein schönes Wochenende wünscht
Julian Gerstner