Ich wandere über einen dunklen Pfad, der weder Anfang noch Ende zu kennen scheint. „Wie lange schon?“, frage ich mich. „Schwer zu sagen, in einer Nacht ohne Mond oder Sterne, bleib ruhig, geh einfach weiter“, antwortet eine Stimme in meinem Kopf. Alles hinter mir ist in schwarzes Nichts gehüllt. Als hätte die Welt dort aufgehört zu existieren. Nur vorne brennt die Stirnlampe wenige Meter Sicht in die Düsternis. Eine Schneise, durch einen zugefrorenen Wald geschnitten, weist den Weg zum Ziel eines merkwürdigen Rennens. Doch dieses Ziel liegt in unsagbarer Ferne. „Bleib ruhig, atme tief aus und geh weiter!“ Dampfende Wölkchen ziehen vom Mund an den Augen vorbei. Unten knackt der frische Schnee. Jeder Schritt ein kleiner Sieg.
„Wie lange noch?“, frage ich mich. „Mach dich nicht wahnsinnig“, sagt die Stimme. „Schau nicht auf die GPS-Uhr! Mach wenigstens noch 100 Schritte! Dann erst – zur Belohnung – schauen.“ 98, 99, 100. Das war kein Fortschritt von Kilometern, das waren weniger als 400 Meter. „Raste nicht aus! Spare deine Kraft! Es ist, wie es ist.“
Am Ende dieses Extremlaufs werden es 350 Kilometer und etwa 5000 Höhenmeter gewesen sein. Mit vollbeladenem Schlitten, den man durchs zähe weiße Pulver zieht. Schlafsack, Zelt, Kleidung, Nahrung, Kocher, Werkzeuge – 22 Kilogramm Schutz gegen den Frost Nordkanadas. Die Füße bleiben auf Kurs, angetrieben von der Sehnsucht, den Yukon Arctic Ultra zu meistern, einen der schwersten Ultramarathons der Welt.
Ein Drittel wird das Ziel nicht erreichen
„Hast du Zeit, mir beim Jammern zuzuhören?“, fragt der Sänger der Rockgruppe Green Day per Kopfhörer. Die Gedanken sind träge vor Schlafmangel. Lunge und Nase brennen, die Atmung wird schneller. „Manchmal spielt mein Verstand mir Streiche. Es summiert sich alles auf.“ Der Puls geht auf 160 hoch. Oberschenkel und Waden werden von einer unsichtbaren Schraube zusammengedrückt. „Ich denke, ich dreh durch“, brüllt der Sänger. Wenig später weiß ich, was er meint: Ich stehe vor einer steilen Wand aus Eis und Schnee. Das ist der Weg, und ich habe ernsthafte Zweifel, ob das zu schaffen ist. Auch die Stimme im Kopf weiß nicht weiter.

„Bei der Länge dieses Rennens und den wenigen Teilnehmern wirst du die meiste Zeit mit dir selbst beschäftigt sein. Fluch und Segen zugleich“, sagt Kaplanin Pat Cook Rogers wenige Tage vor dem Start in einem Hotel in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon-Territoriums. „Es wird viele Hügel auf diesem Rennen geben“, sagt Cook Rogers vieldeutig. Fast so wichtig wie die körperliche Stärke sei es, nicht die Hoffnung oder sein Lächeln zu verlieren, wenn es schwierig werde. Die Athleten nicken wissend.
Es sind keine Sportfreaks mit zu viel Geld, zu viel Langeweile und zu viel Ego gekommen. Nein, es sind Manager, Handwerker und Ärzte, vereint in der Leidenschaft für Abenteuer, Natur und lange Distanzen. Wie der französische Zimmermann Guillaume und Yasmin, eine Lehrerin aus Österreich, die Favoriten in der 640-Kilometer-Königsdisziplin. Daneben gibt es kürzere Varianten über 231 und 350 Kilometer, zu Fuß, auf Skiern oder mit dem Fatbike. Dieses Jahr starten 33 Läufer und drei Radler. Ein Drittel wird das Ziel nicht erreichen.
Seit 2003 richtet der deutsche Unternehmer Robert Pohlhammer das Rennen aus. Der Kurs ist neu, die Regeln bleiben gleich: Jeder Teilnehmer muss Erfahrung im Überleben unter eisigen Bedingungen nachweisen. Beim Arctic Ultra ist man autark unterwegs, biwakiert nach eigenem Ermessen. Alle 50 bis 60 Kilometer gibt es Checkpoints mit heißem Wasser und medizinischer Versorgung. Wer Anzeichen von Erfrierungen oder zu großer Erschöpfung zeigt, wird aus dem Rennen genommen. Über Peilsender und Satellitenfunk kann man nach Hilfe rufen. Je nach Standort oder Wetter kann eine Evakuierung aber Stunden dauern. Pohlhammer macht klar, dass der Verlust von Gliedmaßen durch Erfrierungen in der winterlichen Landschaft immer möglich ist: „Trinkt und esst ausreichend, achtet auf eure Füße und Hände, überschätzt euch nicht!“

Das Rennen selbst verursache keine Erfrierungen, sagt Jessie Gladish. Sie stammt aus der Gegend und hat schon alle Varianten des Rennens absolviert. Diesmal ist sie Helferin. „Jeder sollte trainieren, wie man auf sich achtet und frühzeitig Probleme angeht, bevor sie schlimmer werden.“ Es sei kein Wettkampf gegen andere, sondern gegen sich selbst und die Elemente. Arroganz habe hier nichts verloren. Wer die Regeln des Rennens und der Natur kenne und respektiere, werde mit einem einzigartigen Erlebnis belohnt.
Die ersten Verluste
Mein Erlebnis beginnt mit Problemen kurz nach dem Start am Ufer des zugefrorenen Teslinsees. Von dort aus sind es 46 Kilometer bis zum ersten Checkpoint. Flaches Gelände. Wegen frischen Schnees wird aber jeder Schritt zum Kraftakt. Die meisten wechseln auf Schneeschuhe. Ich merke sofort, dass etwas nicht stimmt. Noch immer spüre ich die Folgen einer Mittelohrentzündung und der Medikamente, die sich auf den Magen ausgewirkt haben. Trotz minus acht Grad kann ich in den ersten Stunden nicht aufhören zu schwitzen. Der Magen verweigert feste Nahrung. Selbst Trinken kostet Überwindung. Krämpfe und Brechreiz werden zu ständigen Begleitern. Trotzdem muss ich 60 bis 70 Kilometer täglich zurücklegen, um das Rennen zu schaffen. Wie soll das gehen?
Der Eintopf und der Kakao beim ersten Checkpoint bleiben nur auf Kurzbesuch. Panik schleicht sich ein. Schon jetzt ist der Reservemodus aktiviert. Einen Tag, vielleicht zwei Tage kann man das so durchhalten. Bald wird das Terrain schwieriger, die Kälte harscher. Mindestens 2000 Kalorien pro Tag muss der Körper aufnehmen, sonst ist das Rennen gelaufen. Am frühen Morgen dann die erste längere Rast im Biwakzelt. Fast fünf Stunden später geht es weiter. Der halbe Tag folgt demselben widerlichen Rhythmus aus Würgen und Schluckauf. Die Kraft schwindet.

Erst gegen zehn Uhr am zweiten Tag ist die Sonne ganz aufgegangen und spendet etwas Hoffnung. Sanfte Hügel und lichte Waldpassagen wechseln sich ab. Ich überhole den französischen Abenteurer Thierry, der 2019 das 690-Kilometer-Rennen gewann. Auch er leidet an Magenbeschwerden. Der Franzose versichert mir, dass ich ihn alleine lassen könne. Er müsse sich nur mal etwas ausruhen. Am Ende des Tages im nächsten Checkpoint kommt die Nachricht: Thierry ist raus. Mit ihm auch Stefan, ein Deutscher, ebenfalls Sieger auf der Langdistanz und vom Magen in die Knie gezwungen. Ich frage mich: „Wenn es so starke Leute trifft, wie lange noch, bis es mich erwischt?“ Ich zwinge mich zur Ruhe, noch sind meine Beine stark, und das zählt.
Ich bin das rohe Gefühl der Hoffnung
Etwa zwei Liter stark gezuckerter Tee bringen neues Leben in die Gliedmaßen. Der Magen überlegt kurz, gibt dann das Okay. Ich zelebriere den kleinen Sieg und kaue einige Minuten an einem gefrorenen Stück Käse, bis genug Speichel zum Schlucken da ist – dazu eine Packung billiger Ramen-Nudeln. Auf geht es mit frischer Energie und in Schrittgeschwindigkeit entlang vereister Seenplatten und im Schatten massiver Felsenformationen. Die Freude ist nicht von Dauer, die Laufzeiten werden immer häufiger von Pausen unterbrochen. Scharfer Wind, minus zwölf Grad, gefühlt minus 20, und überall feuchter, weicher Schnee. Die Schneeschuhe schneiden in die Füße. Als Hilfe für kurze Passagen waren sie gedacht, nicht als Dauerausrüstung für mehr als 100 Kilometer. „Hilft nichts. Nimm es hin!“

Ich ziehe den Reißverschluss der Regenjacke hoch und hülle mich in Gedanken. Tief im Inneren muss es etwas geben, was Kraft spendet, bis zur nächsten Schlafpause durchzuhalten. Da höre ich in mir eine Frauenstimme: „Ich bin der Wind, der den Adler davonweht. Ich bin das Gefühl, das man bekommt, wenn man lächelnd in die Flammen blickt. Ich bin die weite und endlose Bergkette des Yukon, ich bin der Klang der widerhallenden Rasseln meiner Vorfahren, ich bin das rohe Gefühl der Hoffnung, ich bin die Ruhe nach dem Sturm, ich bin Kaska, Tlingit und Norweger, ich bin aus vielen Welten.“
Es ist ein Teil eines Gedichts von Alexis Brooke über ihre Identität als Angehörige der First Nations, der indigenen Bevölkerung Kanadas. Im ersten Checkpoint, einem Haus, das Brookes Familie dem Rennen zur Verfügung stellt, hatte ich dieses Manifest gegen lange staatliche Unterdrückung und Diskriminierung abfotografiert. Nun flößen mir die Worte Mut ein, nehmen mir die Furcht. Dieses Land ist trotz der Extreme etwas Wunderbares, wie ein wildes Tier, das sich nicht zähmen lässt, aber aus der Nähe voller Anmut und Schönheit ist. Mag die Kopflampe die Finsternis der Nacht in Schach halten, doch es sind die positiven Gedanken, welche eine noch tiefere Dunkelheit aus Einsamkeit und Zweifeln in ihre Schranken weisen.
Der unerlässliche Kampf des Körpers
Am Morgen des vierten Tags falle ich nach einem gefühlt endlosen Hügel keuchend zu Boden. Hinter mir tauchen die ersten Sonnenstrahlen ein weites Tal in Blau und Purpur. Die Sterne schimmern ein letztes Mal im abklingenden Schein, bevor die Morgenröte sie übermalt. Ich schnalle mich vom Schlitten ab, um die Szene zu fotografieren, und beobachte kraft- und hilflos, wie die Wanne aus Carbon den 900 Meter langen Anstieg wieder hinabrutscht, während Harry Styles von „Zeichen der Zeit“ singt. Nach einem kurzen hysterischen Anfall steige ich ab ins Tal, um meine Ausrüstung zu bergen und wieder hochzuschleppen. „Bleib positiv!“
Es ist erstaunlich, wie sich der Körper anpasst und alles Unnötige abstreift. Man kreiert Routinen und Mantras, um die Belastungen zu überstehen. Manchmal gleicht das alles einem in Not geratenen Flugzeug, in dem mehrere Systeme rot aufleuchten. Und doch bleibt es in der Luft, weil der Pilot nicht aufgibt und nacheinander Probleme löst: „Aviate, Navigate, Communicate!“ – fliegen, navigieren, kommunizieren. So lautet eine Formel aus der Luftfahrt. Hier heißt das: Gehen, den Weg nicht verlieren, mit sich selbst klarkommen.
Bei Kilometer 280 stabilisiert sich der Magen. Endlich! Doch der Kampf hat viel Kraft gekostet. Nun beginnen die Verhandlungen mit mir selbst. „Wenn du mir noch 150 Meter bis zur Hügelspitze gibst, gönne ich dir eine Rast. Das ist kürzer als manche Megayacht in einem Luxushafen. Gib dir keine Blöße.“ Ich wühle in der Gedankenwelt, um positive Bilder zu finden: schöne Erinnerungen, das Lächeln geliebter Menschen. Sie werden zum Schutz vor Kälte und Erschöpfung, durch ein warmes Gefühl in der Brust, das bis in die Fingerspitzen ausstrahlt, verstärkt durch Musik. Green Day ist gerade verstummt, da folgt schon die nächste Band: „Und du erzählst noch immer so viel von ihr. Dabei ist sie sieben Jahre nicht mehr hier“, singt Henning May von AnnenMayKantereit, während ich vor einem besonders steilen Anstieg stehe. Habe ich noch genug Kraft dafür?
Da steigt die Erinnerung an eine verflossene Liebe auf. Nicht in Schmerz getränkt, sondern mit der Hoffnung, dass es ihr weit entfernt gerade gut geht, dass sie einen Grund zum Lächeln hat – und siehe da, ich merke, dass es auch mir gut geht oder zumindest gar nicht so schlecht. Dieses Rennen fühlt sich nicht wie ein masochistischer Egotrip an, nicht wie eine pseudoheroische Selbstmitleidstour. Dankbar bin ich dafür, dass ich an einem wundersamen Ort sein darf. Ich freue mich über die Zähigkeit meines Körpers, der so viele Hindernisse und Zweifel schon überwinden konnte. Dieser Hügel ist nur ein weiteres davon. Komme was wolle, dieser Anstieg wird mich nicht stoppen – der bei Kilometer 330 aber vielleicht schon…

Das Ziel vor Augen
Der letzte Tag beginnt. Es ist dunkel. In den vergangenen zwei Nächte gab es zusammen weniger als vier Stunden Schlaf. Zeit für Halluzinationen: Die mit Schnee bedeckten Äste werden zu Chimären. Lemuren mit sechs Beinen. Eine Kreuzung aus Dackel und Erdmännchen. Ein Küchenchef mit Rädern statt Händen. Die Konzentration schwindet, und das endet fast im Desaster. An einem eisigen Hang döse ich in der Bewegung ein, rutsche aus und werde vom Schlitten hinter mir in die Tiefe gerissen. Erst an einem Gartenzwerg in Mönchskutte und Laserschwert komme ich zum Liegen. „Kurz den Kopf schütteln bitte.“ Die Sinnestäuschung verfliegt. Ich kann wieder klar denken und fühlen. Vor allem den scharfen Schmerz im Inneren meines linken Knies. Mein Magen zieht sich wieder zusammen – doch diesmal anders: „Das war’s jetzt, oder? So kurz vor dem Ziel.“ – „Bleib ruhig, unterdrück die Panik und denk nach“, meldet sich die Stimme, die nun, warum auch immer, an Daniel Craig erinnert. Ich muss lachen. „Handle schnell, kühl das Bein, tape es ab, und setz einen Fuß vor den anderen“, ruft Craig mir zu.
Ich stabilisiere das Knie so weit, dass die letzten Anstiege erstaunlich gut klappen. Gefahr droht aber, wenn es nach unten geht. Der Schlitten, mit zwei Seilen an mir befestigt, folgt stur seinem eigenen Pfad, versucht zu überholen, reißt mich mehrfach von den Füßen. Ich fluche, humple, stolpere. Doch irgendwie geht es doch voran. Und dann ist er schließlich da: der finale Abschnitt.
Auf den Kopfhörern läuft seit Stunden Ravels „Bolero“ in Dauerschleife. Die Länge von rund 15 Minuten entspricht etwa der Zeit, die ich pro Kilometer benötige. Jeder neue Anfang des Musikstücks bedeutet das Ende eines weiteren Streckenabschnitts. Plötzlich wird es still. Der Akku ist leer. Erst vom Handy, dann von der GPS-Uhr, zuletzt gibt die Lampe den Geist auf. Egal, der Körper kann auch so. Irgendwo vorne funkeln bereits die Lichter von Faro, der Bergbausiedlung, in der das Ziel liegt. Mit einem Mal ist die Gewissheit da. Dass ich es nach sechs Tagen und sechs Stunden ins Ziel schaffe. Dass ich all denen, die schon dort sind, weinend in die Arme falle. Dass ich diesen Lauf nicht bereue. Nur noch den letzten Hügel.
