Wie Bayers Glyphosat-Fluch enden könnte


Ausgerechnet Bayer. Der Leverkusener Pharma- und Agrarchemiekonzern, der seinen Aktionären über Jahre so viel Kummer beschert hat, gehört in diesen Wochen regelmäßig zu den stärksten Werten im Dax. Allein seit Jahresbeginn liegt der Aktienkurs rund ein Fünftel im Plus. Auf Jahressicht hat sich der Wert des Papiers mehr als verdoppelt. Anleger greifen zu, am Markt ist ein Fünkchen Hoffnung entflammt. Hoffnung darauf, dass das jahrelange Glyphosat-Elend rund um milliardenschwere Rechts­risiken in Amerika ein Ende finden könnte. Auch das besser als erwartet laufende Pharmageschäft sorgt für Aufwind, doch der stärkste Aktienkurstreiber ist derzeit der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof in den Vereinigten Staaten. Er hat den Glyphosat-Fall „Durnell“ zur Prüfung angenommen, womit für Bayer im Rechtsstreit rund um die angeblich krebserregende Wirkung des Unkrautvernichtungsmittels ein Grundsatzurteil erwartet wird.

Daran war Bayer schon einmal gescheitert, die Ablehnung des Su­preme Courts, sich mit dem Unternehmen zu beschaffen, reihte sich 2022 ein in zahlreiche vergebliche Versuche des Dax-Konzerns, das Rechtsrisiko einzudämmen. Die Skepsis der Anleger war immer ab­zulesen im Aktienkurs, gerade nach verlorenen Prozessen ging es steil abwärts. Der Kurs lag mitunter drei Viertel unter dem Wert, den das Unternehmen kurz vor der 63 Milli­arden Dollar schweren Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto im Juni 2018 hatte. Auch heute ist im Vergleich zur Vor-Monsanto-Ära nicht alles rosig: Immer noch liegt der Aktienkurs um die Hälfte niedriger. Aber seit Anfang 2025 hat sich der Wind gedreht, und für den Optimismus, der das Unternehmen zuletzt beflügelt hat, gibt es einige gute Gründe.

Im amerikanischen Rechtssystem verzettelt

Glyphosat ist für Bayer ein Milli­ardengrab. Das Unternehmen hat sich über Jahre hoffnungslos im amerikanischen Rechtssystem verzettelt. Längst nicht mehr im Amt befind­liche Manager haben die Risiken dramatisch unterschätzt. Mehr als zehn Milliarden Euro hat Bayer für Vergleiche bezahlt, und hat damit für Gerichtskosten mehr Geld ausgegeben als für Forschung und Entwicklung. Noch immer gibt es 67.000 offene Fälle, 6,5 Milliarden Euro hat Ba­yer für Rechtsstreitigkeiten noch zu­rückgestellt. Ein für Bayer positives Urteil würde vielen Klagen in niedrigeren Instanzen die Grundlage entziehen. Zudem ist es wahrscheinlich, dass sich zahlreiche Kläger vor der Verhandlung noch zu einem Vergleich durchringen könnten. Im Prozess geht es nur auf den ersten Blick um eine Formalie: Darum, ob das Un­ternehmen Warnhinweise auf sein glyphosathaltiges Unkrautvernichtungsmittel mit dem Markennamen Round-up hätte drucken müssen.

Bayer argumentiert freilich gegen Warnhinweise, weil das Unternehmen von der Unbedenklichkeit seines Mittels überzeugt ist – und verweist stets auf zahlreiche Studien und Genehmigungen in verschiedenen Ländern. Auch die zuständige US-Behörde EPA hat Glyphosat zugelassen, was Bayer als Argument dafür nimmt, keine Warnhinweise auf die Flaschen drucken zu dürfen, weil das damit Bundesrecht widerspreche. Es gibt allerdings gegenläufige Gerichtsurteile aus einzelnen Bundesstaaten. Diesen Widerspruch soll nun der Supreme Court klären. Der Solicitor General, also der höchste Anwalt der Regierung von Präsident Donald Trump, hatte auch schon angedeutet, dass er die Ansicht Bayers teilt. Das wird von Beobachtern als Zeichen für hohe Erfolgsaussichten Bayers gewertet.

Der Rechtsstreit ist nicht nur für Bayer bedeutsam

Der Vorstandsvorsitzende Bill Anderson hatte mehrfach betont, das Rechtsrisiko rund um Glyphosat bis Ende des Jahres 2026 „signifikant eindämmen“ zu wollen. Dabei verfolgt das Unternehmen mehrere Strategien. So wird Glyphosat schon gar nicht mehr an Privatpersonen verkauft. Zudem drohte Bayer ganz unverhohlen damit, das für die Landwirtschaft enorm wichtige Mittel vom Markt nehmen zu müssen, falls es keine regulatorische Klarheit gebe.

Monsanto ist aber der einzige ame­rikanische Hersteller von Glyphosat, sonst kommt das Mittel praktisch nur aus China – was für Abhängigkeiten sorgen würde. Gleichzeitig ist das Mittel seit Jahrzehnten auf dem Markt, und Bayer und seine Konkurrenten arbeiten an Nachfolgepro­dukten. Auch für deren Zulassung und Position am Markt ist das Urteil des Supreme Courts wichtig. Soll es Unternehmen doch Klarheit verschaffen, inwiefern ein zugelassenes Produkt davor geschützt ist, rechtlich angegriffen zu werden. Der deutsche Konzern kämpft symbolisch für eine ganze Branche in Amerika. Ausgerechnet Bayer.