Wer schützt bei uns Kulturgüter im Krieg?


Am 10. Oktober 2022 schlug direkt neben dem Khanenko Museum in der Innenstadt von Kiew eine russische Rakete ein. Die Druckwelle ließ die Fensterscheiben zersplittern und zerstörte Teile des Daches und der Fassade. Das bedeutendste Kunstmuseum der Ukraine ist nur eines von insgesamt 37 Museen des Landes, die entweder beschädigt, komplett verwüstet oder systematisch geplündert wurden. Dieser Krieg ist nicht nur gegen das Land und seine Bevölkerung gerichtet, sondern auch gegen seine Kultur, die strategisch ausradiert werden soll, um das Volk zu demoralisieren und seiner nationalen Identität und Geschichte zu berauben. Laut einem Bericht der UNESCO vom November 2025 wurden in der Ukraine durch russische Angriffe nachweislich 512 zentrale kulturelle Einrichtungen bombardiert, darunter Sakralbauten, Theater, Opernhäuser, Bibliotheken, Archive und Museen.

Im Juni 2024 warnte der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius im Bundestag eindringlich vor einer möglichen Ausweitung des Krieges auf das Gebiet der NATO. Angesichts der sich verschärfenden sicherheitspolitischen Lage erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz im September 2025: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“ Einen Monat später äußerte Martin Jäger, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, dass Russland möglicherweise noch vor 2029 die NATO angreifen könne.

Wie ernst der Staat die Lage einschätzt, zeigte sich am 17. November 2025 im Sprengel Museum Hannover, wo eine nicht öffentliche Sitzung des Deutschen Museumsbundes für kunst- und kulturhistorische Museen stattfand. Erstmals nahm ein Oberstleutnant der Bundeswehr in Uniform an einer solchen Veranstaltung teil und schilderte den Anwesenden, was ein bewaffneter Konflikt für die Museen bedeuten würde. Sein Vortrag wird vom Militär unter Verschluss gehalten, doch nach Berichten von Teilnehmern forderte er die Kulturgut bewahrenden Institutionen in aller Deutlichkeit auf, selbständig Notfallpläne zu erarbeiten.

Wir sind unfähig, uns die Zerstörung der eigenen Kultur vorzustellen

Bei solchen Vorsorgemaßnahmen gibt es ein grundsätzliches psychologisches Problem, das der US-amerikanische Historiker und Psychoanalytiker Jonathan Lear 2006 treffend benannte: Die „Unfähigkeit, sich ihre eigene Zerstörung vorzustellen, ist tendenziell der blinde Fleck einer jeden Kultur“. Auch in Deutschland können sich nur die wenigsten Menschen eine militärische Auseinandersetzung auf dem eigenen Territorium vorstellen. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine findet zwar in Europa statt, doch gefühlt ist er weit weg. Wenn nun aber die Museen vom Militär aufgefordert werden, einen möglichen Ernstfall in Betracht zu ziehen und dafür zu sorgen, dass es bei einem bewaffneten Konflikt nicht zu katastrophalen Kulturgutverlusten kommt, stellt sich die Frage, ob die Museen auf eine solche Situation angemessen vorbereitet sind.

Versucht man zu ermitteln, in wessen Bereich die Zuständigkeiten und Kompetenzen für den Kulturgutschutz liegen, wird es kompliziert und unübersichtlich. Auch wenn der Schutz der Bevölkerung, der Infrastruktur und des Staatsgebiets Vorrang hat, sieht sich die Bundeswehr nach eigener Aussage durchaus in der Pflicht, sowohl in „Ausübung militärischer Tätigkeiten“ als auch im Rahmen „zivil-militärischer Zusammenarbeit“ Kulturgüter generell zu schützen. Selbst nach einer Anfrage beim Verteidigungsministerium bleibt es nebulös, was dies konkret bedeutet.

In erster Linie sind das Bundesministerium des Innern und das ihm nachgeordnete Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für den Kulturgutschutz verantwortlich. Das Bundesamt übernimmt nach eigener Auskunft etwa die generelle Planung von Transporten, wenn Objekte aus Museen in Sicherheit gebracht werden müssen, betont jedoch, dass die spezifische Organisation und Umsetzung konkreter Maßnahmen vor Ort von den Bundesländern und den Museen übernommen werden müssten.

Bis heute keine Evakuierungsräume

Allerdings haben manche Länder wie etwa Niedersachsen, Baden-Württemberg und Sachsen bis heute den Museen keine Evakuierungsräume genannt, die zur Rettung der wertvollsten Objekte dienen können. Das sächsische Kulturministerium gab auf Nachfrage offen zu, dass es „derzeit keine übergreifenden Notfallkonzepte und Evakuierungspläne für den Kriegsfall“ gebe. Auf einen möglichen bewaffneten Konflikt sind diese Länder also höchst unzureichend vorbereitet. Prioritätenlisten der besonders schützens- und erhaltenswerten Werke haben zwar so gut wie alle Museen, wenn es um zeitlich und lokal begrenzte Gefahren wie Brand, Überschwemmung und Extremwetterereignisse geht. Doch bei dem weiteren Risiko- und Krisenmanagement sieht es teilweise nicht gut aus. Eine stichprobenartige Umfrage der F.A.Z. bei einem Dutzend deutscher Museen ergab: Nur manche Institutionen etwa in Berlin, Hamburg, München und Schwerin haben präventive Notfallpläne für den Kriegsfall, und ihnen stehen auch Schutzräume oder Bunker zu. Andere Museen, die darüber nicht verfügen, wissen dagegen nicht, wie sie ihr Sammlungsgut retten sollen, selbst wenn die verantwortlichen Ministerien, wie etwa in Sachsen, aktuell an dem Problem arbeiten. Die Schweiz besitzt rund 320 unterirdische Kulturgutschutzräume, wovon Deutschland nur träumen kann.

Unterschiedliche Institutionen wie der Deutsche Museumsbund, die Deutsche Gesellschaft für Kulturschutz, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die Notfallallianz der Kulturstiftung der Länder, der Sicherheitsleitfaden Kulturgut und das Deutsche Nationalkomitee Blue Shield haben jeweils eigene Empfehlungen verfasst, wie Museen sich um die Sicherheit von Kulturgut auch im Kriegsfall bemühen können. Diese Pläne beinhalten Aspekte wie beispielsweise Orientierungskarten mit Gebäudegrundrissen für die Feuerwehr, Container mit Ausrüstung für die Erstversorgung von beschädigtem Kulturgut, Kisten für den Abtransport der Objekte, eine alternative Stromversorgung, Schulungen und Übungen für das Museumspersonal und den Hinweis auf die Notwendigkeit sicherer Schutzräume. Dabei lastet die Hauptverantwortung auf den Kultureinrichtungen selbst. Diese sind mitunter überfordert, wenn Zuständigkeiten unklar, Evakuierungsräume nicht vorhanden sowie personelle und finanzielle Möglichkeiten begrenzt sind.

Gerade gab das Deutsche Archäologische Institut, die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk und das Leibniz-Zentrum für Archäologie bekannt, dass die von ihnen gebildete „Cultural Heritage Response Unit“ für die Notversorgung von bedrohtem oder beschädigtem Kulturgut ab jetzt bereitstehe. Das ist schön und gut, betrifft aber nur Hilfe, die aus dem Ausland angefordert wird. Langsam begreifen Museen und Länder jedoch, dass ein systematisches Risiko- und Krisenmanagement auch in Deutschland notwendig ist. Wir sollten uns bewusst sein: Das Plädoyer für eine effektive und verantwortungsvolle Notfallvorsorge angesichts eines möglichen bewaffneten Konflikts ist keine Panikmache. Denn der Kulturgutschutz als vorausschauendes Bewahren des kulturellen Erbes ist dringlicher denn je.