Wenn der Arzt zum Patienten wird

Manchmal ist es gar nicht so schlecht, die Perspektive zu wechseln. In den Schuhen eines anderen erkennt man die eigenen Schwächen besser. Solche und andere Sätze gingen mir in den vergangenen Tagen mehrmals durch den Kopf. Und auch wenn das jetzt vernünftig und reflektiert klingt – ich bin ehrlich zu Ihnen: Zwei Wochen nach dem Sturz auf glattem Eis und dem gebrochenen Knöchel würde ich sagen, auf diese Erfahrung hätte ich sehr gern verzichtet. Aber das Leben fragt eben nicht, wie wir es gern hätten.

So bin ich in den vergangenen Wochen wegen der Sprunggelenksfraktur von den Schuhen des Arztes in die Schuhe des Patienten gewechselt. Wobei man von Schuhen nicht reden kann. Zurzeit bin ich unterwegs wie ein übergroßes Känguru auf Krücken. Dabei muss ich gestehen, dass ich dem Känguru mit diesem Vergleich bitter Unrecht tue; es wäre sicher beleidigt, wenn es mich sähe.

Ich bin eigentlich ein sehr aktiver Mensch

Zudem ist mein Kosmos derzeit auf 90 Quadratmeter beschränkt und stellt mich vor immer neue Herausforderungen: Ich muss tragen und laufen gleichzeitig, das Bad erreichen, mich umziehen, immer langsam machen und nicht vor Tatendrang verrückt werden.

Sie kennen mich: Ich bin eigentlich ein sehr aktiver Mensch, immer unterwegs. Dieses Leben wie mit angezogener Handbremse macht mich wahnsinnig.

Vor allem beschäftigt mich die Frage: Wie geht es den Patienten, wie der Praxis, ist das alles okay? Natürlich stehe ich im Kontakt mit meinen Mitarbeitern; sie rufen mich an, ich bekomme Unterlagen gebracht, und alle beruhigen mich, alles laufe bestens, alles klappe wunderbar. Ich glaube ihnen, aber lieber wäre ich natürlich dabei und könnte mich persönlich davon überzeugen.

Zumindest die Operation liegt nun hinter mir

Aber es nützt ja nichts: Ich werde noch einige Zeit lang Patient sein, also der, der leidet. Zumindest die Operation liegt seit dieser Woche hinter mir, und es ist alles gut gegangen. Dafür bin ich sehr dankbar. Nach der Operation ist nun erst einmal ausgiebige Krankengymnastik angesagt. Vielleicht schaffe ich es mit deren Hilfe ja doch noch, dem Känguru in Sachen Leichtigkeit und Schnelligkeit Konkurrenz zu machen. Das werden wohl die kommenden Wochen zeigen.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Aber ich sage Ihnen: Patient sein – und das noch als Arzt –, das ist nicht leicht. Meine chirurgischen Kol­legen sind zwar klasse, aber als Internist sieht man manches anders. Doch was bleibt mir? Ich muss ihnen vertrauen, und zumindest der Eingriff ist ja schon mal bestens gelaufen.

Und für mich gilt: Ich lerne aus der Situation, in der ich gerade bin, vielleicht – oder sagen wir lieber: hoffentlich – auch noch etwas für den Umgang mit meinen Patienten.

Ich erlebe nun ja viele Dinge, welche die Menschen, die sonst vor mir sitzen, ebenfalls durchmachen müssen. Ein Perspektivwechsel, der Ärzten guttut. Man merkt erst einmal wieder, wie hilflos Menschen sein können, die ein Leid haben. Wenn ich wieder fit bin, will ich mir das in der Behandlung meiner Patienten häu­figer noch vor Augen führen.

Also, liebe Leserinnen und Leser, schicken Sie mir etwas Geduld, und drücken Sie mir die Daumen, dass jetzt nach der Operation alles gut heilt und nicht zu sehr schmerzt. Etwas Ruhe halte ich jetzt noch – ich habe es meinen behandelnden Ärzten versprochen –, aber es stehen zu viele große Projekte an. Ich muss wieder im wahrsten Sinne des Wortes auf die Beine kommen. Auch wenn es ohne mich gut läuft: Ich will in der Praxis wieder mitmischen, und im April wird ja eine Zweitpraxis eröffnet.

Eine gute Woche für Sie, liebe Leserinnen und Leser! Bleiben Sie gesund und unfallfrei – alles andere kann ich Ihnen nicht empfehlen. Es grüßt Sie –