Trauer hatte diesen Skiort seit Anfang des Jahres fest im Griff, doch der letzte Januartag in Crans-Montana machte Platz für neue Gedanken. Ein Meer aus Schweizer Flaggen empfing die Skirennläuferinnen am Samstag hinter der Ziellinie, etwa die Starnbergerin Kira Weidle-Winkelmann, die rasant durch die Super-G-Tore der Mont-Lachaux-Piste gefahren – aber als Fünfte knapp am Siegertreppchen vorbei gekurvt war. Kurz zuvor war Malorie Blanc ins Ziel gekommen, eine 22-Jährige, die aus Crans-Montana stammt und zuvor nie ein Weltcuprennen gewonnen hatte. Und nun, an diesem denkwürdigen Tag, stellte sie die Bestzeit auf – und ließ das Publikum für einen Moment verdrängen, dass dieser Ort eine sehr schwierige Zeit durchmacht.
Einen Monat nach der Brandkatastrophe in der Silvesternacht in einer Bar mit 41 Toten und 116 Verletzten hatten sich die Veranstalter dazu entschlossen, die Weltcuprennen zu veranstalten. Am Freitag entstand der Eindruck, dass dies womöglich eine Fehlentscheidung war: Das Abfahrtsrennen der Frauen wurde nach nur sechs Läuferinnen abgebrochen, drei davon stürzten teils schwer, darunter die US-Amerikanerin Lindsey Vonn. Sie wurde per Helikopter abtransportiert und gab später eine nicht restlos aufgeklärte Knieverletzung bekannt. Ob sie bei den Olympischen Winterspielen in Cortina starten kann, war bis Sonntagnachmittag ungewiss. Dafür ist klar, dass Malorie Blanc dort fahren wird. Für die Schweiz – und für den Skiort Crans-Montana im Kanton Wallis.

:„Schmerzen im linken Fuß und linken Knie“
Ein Unfall, bange Blicke und reihenweise Fragen: Lindsey Vonn verletzt sich beim Ski-Weltcup in Crans-Montana. Die Hoffnung auf Olympia gibt sie aber noch nicht auf.
Blanc siegte vor der Italienerin Sofia Goggia und der US-Amerikanerin Breezy Johnson. Emma Aicher, die in Cortina als Medaillen-Mitfavoritin für Deutschland an den Start gehen wird, stürzte genau dort, wo 24 Stunden zuvor Vonn in den Fangzaun gekracht war, im sogenannten Fuchsloch. „Halt einfach nicht auf dem Außenski gestanden, reingelehnt und nichts gemacht“, analysierte die 22-Jährige im ZDF: „Anfängerfehler, abhaken, daraus lernen und dann besser machen.“
Skifahren ist nicht selten mit Gefühlschaos verbunden, dünne Kanten und Kippstangen trennen Freude und Schmerz. In Crans-Montana aber ging es um viel mehr als um sportliche Dramen. Die Weltcuprennen waren auch eine Form der Verarbeitung, und das Schweizer Skiteam zeigte eindrucksvoll, wie der gar nicht so triviale Satz interpretiert werden kann: Das Leben muss weitergehen, irgendwie.
Blancs Zeit war nicht zu unterbieten, auch nicht von Laura Pirovano, die kurz vor dem Zielstrich noch mit deutlicher Bestzeit gemessen worden war, ehe sie aus der Linie glitt, das vorletzte Tor verpasste und ausschied. Die italienischen Trainer vergruben die Gesichter hinter Handschuhen. So hart und bitter kann der Skisport sein, aber irgendwie fühlte sich auch dieser Moment so an, wie er sich unter diesen Umständen anfühlen musste: sportlich dramatisch, aber menschlich.
Das rot-weiße Flaggenmeer war am Sonntag abermals zu beobachten, und es konnte wohl nicht anders sein, dass der Sieg abermals an die Schweiz ging. Nicht der Dominator des Winters Marco Odermatt war diesmal zuständig, sondern sein Teamkollege Franjo von Allmen gewann die Männerabfahrt. Er siegte vor dem Italiener Dominik Paris und Ryan Cochran-Siegle aus den USA, Odermatt wurde Vierter, der Deutsche Luis Vogt 18. Und so endeten diese Tage des Trostes von Crans-Montana, wo das Leben und der Wintersport weitergeht. Nächstes Jahr findet hier die alpine Ski-Weltmeisterschaft statt.
