

Öl- und Gaspreise könnten sinken
Als einen positiven Effekt arbeiten die Ökonomen heraus, dass eine Wiederbelebung und Erneuerung der iranischen Öl- und Gasproduktion durch ausländische Direktinvestitionen zu erwarten sei. Das könne den Rohölpreis um sechs bis 15 Prozent und den Gaspreis auf relevanten Spotmärkten um zehn bis 20 Prozent senken.
Noch kräftiger könnte die iranische Wirtschaft sich entwickeln, unterstellt man Alternativszenarien eines produktivitätsgetriebenen Wachstums. Näherte Iran sich nach einer politischen Wende mithilfe ausländischer Direktinvestitionen dem türkischen Wohlstandsniveau an, stiege das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) langfristig um rund 240 Prozent. Wäre Iran noch erfolgreicher und entwickelte sich ähnlich wie Südkorea, böte sich die Chance auf eine Steigerung des BIP um 390 Prozent.
Solche Szenarien sind nach Ansicht der Autoren nicht unrealistisch, weil Iran wegen der Sanktionen seit Jahren weitgehend von internationalem technischen Know-how und dem Austausch in der Weltwirtschaft abgekoppelt ist. Wie sehr das den Iranern wirtschaftlich geschadet hat, zeigt folgender Vergleich: 1976, drei Jahre vor der iranischen Revolution zum islamisch-theokratischen Staat, betrug das reale BIP pro Kopf in Iran 7422 Dollar. Das war mehr als doppelt so viel wie die 3294 Dollar in Südkorea. Fast 50 Jahre später hat das Verhältnis sich drastisch umgekehrt. Das BIP pro Kopf in Iran betrug 2024 nur noch 5834 Dollar, während es in Südkorea auf 37.048 Dollar gestiegen ist.
Diese langfristige Entwicklung deutet darauf hin, dass nicht nur die Wirtschaftssanktionen, sondern auch wirtschaftspolitisches Missmanagement die iranische Wirtschaft belastet. Die Wirtschaftsleistung ging mit der iranischen Revolution bis Ende der achtziger Jahre drastisch zurück, um danach nur langsam wieder zu wachsen und immer noch nicht das Niveau von 1976 zu erreichen. Weder die Investitionen noch die Konsumausgaben der öffentlichen Hand hätten seit 1979 wieder ihr vorrevolutionäres Höchstniveau erreicht, heißt es in der Studie.
Die Folgen der Wirtschaftssanktionen zeigen sich darin, dass das BIP pro Kopf in Iran von 2007 bis 2020 mehr oder weniger stagnierte. Im Jahr 2006 hatten die Vereinten Nationen und die EU wegen des iranischen Atomprogramms multilaterale Sanktionen gegen Iran eingeführt, nachdem zuvor nur wenige amerikanische Sanktionen wirkten. Bis 2015 wurden die Sanktionen deutlich erweitert, dann vorübergehend gelockert und von 2018 an drastisch verschärft. Der Anstieg nach 2020 hängt unter anderem mit dem steigenden Ölpreis zusammen.
Die Diaspora als Katalysator der wirtschaftlichen Annäherung
Für Deutschland und die EU fielen mit einer Integration Irans in die Weltwirtschaft geringere Zugewinne ab. Die Ökonomen errechnen auf lange Sicht ein Plus des realen BIP um 0,3 und 0,4 Prozent. Das scheint wenig, wäre angesichts der Wachstumsschwäche in Deutschland aber dennoch von Bedeutung.
Ausdrücklich weisen die Autoren darauf hin, dass die große iranische Diaspora in Europa und in Deutschland sich im Falle eines politischen Wandels in Iran wirtschaftlich positiv auswirken dürfte. Iranische Unternehmer, Ingenieure und Manager in Europa könnten den Informationsaustausch mit Iran erleichtern, kulturelle Reibungen reduzieren und Gemeinschaftsprojekte von europäischen und iranischen Unternehmen unterstützen. Das könnte deutsche und europäische Direktinvestitionen in Iran besonders fördern.
Welche großen Chancen europäische Unternehmen in Iran haben, zeigte sich in der kurzen Phase der Entspannung und der milderen Sanktionen in den Jahren 2016 bis 2018. Unternehmen wie Siemens, Daimler, Volkswagen, PSA, Total, Eni, Airbus und BASF kehrten schnell auf den iranischen Markt zurück oder unterzeichneten Absichtserklärungen. Gerade Deutschland habe seine Position als Lieferant von Investitionsgütern, Maschinen und Fahrleistung damals rasch wiederhergestellt, heißt es in der Studie.
Der deutsche Export nach Iran habe in den Jahren 2017 und 2018 mehr als drei Milliarden Dollar erreicht. Besondere Chancen nach einer politischen Öffnung Irans sehen die Autoren der Studie in einer Reihe von Bereichen wie Energie und Petrochemie, Automobil- und Transportausrüstung, Industrie- und Maschinenbau, Chemie und Pharma, erneuerbare Energien, Logistik, Bauwesen sowie wissensintensive unternehmensnahe Dienstleistungen.
