Weg zur Ruhe im Großstadtlärm des Alltags

Wie sehr ich sie vermisst habe, merke ich erst, als ich mit ihr konfrontiert werde. Sie kommt unerwartet, aber mit überwältigender Präsenz: die Stille.

Unerwartet, weil es mitten am Tag ist. Weil ich gerade erst an einigen Häusern vorbei gelaufen bin, in deren Gärten freundlich grüßende Menschen ihre Hecken geschnitten haben. Weil auf der Straße, die hierher führt, ausgebüxte Schafe ihre Freiheit genießen und Fremde anblöken, die an ihnen vorbeigehen. Weil in dem tiefen Wasser vor mir unzählige Fische schwimmen, weil über mir und hinter mir und überall um mich herum Leben ist, und doch: Hier, am Fuße eines Fjords an der Westküste Norwegens, eine solche Ruhe.

Wie bei Höhen und Tiefen oder Wärme und Kälte, ganz nach Yin und Yang, gibt es Stille nur als Zweifaltigkeit; die Stille und das Geräusch. Das eine ergibt nur Sinn durch die Existenz des anderen. Es sind daher gerade die langsam und leise plätschernden Wellenbewegungen und der empörte Schrei einer Möwe, der ein Fisch entwischt ist, welche die Stille an diesem Ort unterstreichen. Man bleibt ganz von allein stehen, beinahe bewegungslos, nur der Atem fließt. Eine Szene, wie sie in Meditationsübungen oft beschrieben wird. „Stell dir vor, du stehst an einem See, die Wasseroberfläche ist ganz glatt, es ist ganz still, du atmest tief ein…“ Solche Orte gibt es also wirklich.

Push-Benachrichtigungen auf dem Handy, Straßenlärm vorm Haus

Diese Ruhe im Alltag wiederzufinden, erweist sich als eher schwierig. Zumindest, wenn man in einer Stadt lebt. Wo Häuser renoviert, Straßen aufgerissen und wieder geschlossen werden, Straßenbahnen rattern und der Radfahrer den Autofahrer anschreit, weil der sie ja wohl nicht mehr alle hat. Oder andersherum. Oder beides gleichzeitig. Und wenn dann noch das Smartphone mit der neusten Eilmeldung vibriert, der Nachbar seinen Feierabend mit dröhnender Technomusik einleitet und Kinder sich um ein Spielzeugauto zoffen, ist die Kakophonie komplett.

„Unerwünschte Hintergrundgeräusche“ nennt sich all das etwa bei Anbietern von Kopfhörern, die dem mit Active Noise Cancelling begegnen wollen. Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung wurden kommerziell schon 1989 auf den Markt gebracht, doch waren sie zunächst nur für Flugzeugpiloten bestimmt, für die damit die Kommunikation innerhalb des Cockpits und mit den Fluglotsen im Tower vereinfacht wurde. Seitdem werden solche Kopfhörer vielfältig eingesetzt – als Schlafhilfe, von Trainern auf dem Spielfeld und ganz einfach dort, wo trotz lauter Umgebungsgeräusche Töne oder Musik gehört werden wollen. Seit einigen Jahren werden Kopfhörer mit Active Noise Cancelling von vielen Herstellern für den Alltag angeboten – für Reisende oder Menschen, die im Großbüro arbeiten. Die Unterdrückung von unerwünschten Hintergrundgeräuschen ist längst zum Standard geworden.

John Cage und die zufälligen Geräusche

In einer überfüllten Bahn, in der all die Streitereien, die entnervten Seufzer und die blecherne Musik aus Handylautsprechern dank zweier kleiner Kopfhörer ausgeblendet werden können, stellt sich da ganz plötzlich die Frage: Was würde John Cage wohl darüber denken?

Mit dem Stück 4‘33‘‘ erschuf der amerikanische Avantgarde-Komponist im Jahr 1952 das wohl radikalste Stück Musikgeschichte: Vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden Stille. Doch indem er auf alle Töne verzichtete, wurden all die zufälligen Geräusche in den Vordergrund gerückt, welche die Zuhörenden während der Aufführung von sich gaben, wie Räuspern und Hüsteln oder das Rascheln von Kleidung. Denn für Cage gab es keine absolute Stille. Für ihn war Stille „die Abwesenheit von beabsichtigten Geräuschen“ oder auch „das Abschalten unseres Bewusstseins“.

Bevor er dieses berühmte stille Musikstück kreierte, ließ er sich als Experiment in einem schalltoten Raum einschließen. Doch auch dort nahm er keine vollkommene Stille wahr, sondern hörte seinen Herzschlag, das Rauschen des Blutes und vom Nervensystem produzierte Frequenzen. Diese Erfahrung wollte er weitergeben – 4‘33‘‘ macht es möglich.

Richtig hinhören – oder doch Noise-Cancelling-Kopfhörer nutzen

Der Musikkritiker und -pädagoge Kyle Gann sieht in dem Stück eine Verführung des Publikums zur Zen-Meditation: Indem sich die Zuhörer auf ihre Umgebung konzentrieren, weil sie auf den Beginn eines Stücks warten, werden sie praktisch dazu überlistet, sich gedanklich im Hier und Jetzt aufzuhalten.

Denn wer sich auf seine Umgebung einlässt und richtig hinhört, nimmt einen Klangteppich aus Hintergrundgeräuschen wahr. Die in diesem Fall nicht unerwünscht sind, sondern sogar zur Meditation einladen.

Daran denke ich nun, als die Bahn zum Stehen kommt und die Leute sich hektisch auf den Bahnsteig drängen, die Rollkoffer klappern, die Ansagen an den Gleisen sich gegenseitig ins Wort fallen und zuhause der renovierende Nachbar wartet. Und freue mich trotzdem ein bisschen über meine Kopfhörer mit Noise Cancelling-Funktion.

Dieser Artikel erschien zuerst am 4. September 2022. Da er weiterhin aktuell ist, bieten wir ihn erneut zum Lesen an.