
Es ist keine leichte Aufgabe, die vor der sogenannten Perspektivkommission Berlins liegt, die an diesem Mittwoch zum ersten Mal unter dem Vorsitz des früheren Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Matthias Kleiner tagt. Bis zum Frühsommer 2027 soll sie das Berliner Hochschulsystem analysieren und Empfehlungen „für eine zukunftsfeste Weiterentwicklung“ erarbeiten.
So stellt sich das jedenfalls Berlins Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) vor. Die hochkarätigen Mitglieder der Kommission sollen nicht nur Vorschläge für die künftige Profilbildung des gesamten Systems, sondern auch für dessen einzelne Einrichtungen entwickeln und deren Schwächen benennen, sagte Czyborra der F.A.Z. Letztlich geht es um die Frage, welche Studiengänge an Berliner Hochschulen überleben werden.
Unter den Kommissionsmitgliedern ist die ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrat und Professorin am KIT Dorothea Wagner, der frühere Staatssekretär im Bundesbildungsministerium Karl-Eugen Huthmacher, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Walter Rosenthal und der frühere Generaldirektor für Forschung und Innovation der EU-Kommission Robert-Jan Smits.
Grasse will Grundsatzfragen stellen
Der frühere forschungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus Adrian Grasse, der jetzt Mitglied des Bundestags ist, sprach sich gegenüber der F.A.Z. dafür aus, das gesamte Berliner Wissenschaftssystem auf den Prüfstand zu stellen und auch mit anderen Städten zu vergleichen. Er ist der Meinung, dass es dafür keine Denkverbote geben darf – auch Trimester-Lösungen seien für eine bessere Raumnutzung womöglich sinnvoll. Grasse wäre daran gelegen, Grundsatzfragen zu stellen und nicht nur nach Doppelstrukturen und der Auslastung von Studienplätzen zu fragen.

In Berlin gibt es neben den Universitäten vier staatliche Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) mit rund 43.000 Studierenden. Hinzu kommen elf staatliche, zwei konfessionelle und rund 30 staatlich anerkannte private Hochschulen.
Vor gut einem Monat haben fast alle Berliner Universitäten die neuen Hochschulverträge unterschrieben. Das Land hatte wegen der massiven Einsparungen auch bei den Universitäten die seit 2024 gültigen Verträge aufgekündigt und von Neuem verhandelt. Die Hochschulen können nun bis 2028 nur noch mit Steigerungen um etwa 3 bis 3,5 Prozent rechnen und nicht mit 5 Prozent – wie eigentlich vereinbart.
Die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin Julia von Blumenthal sagte, sie habe unterschrieben, „um Schlimmeres zu verhindern“. In einer Mitteilung der Landeskonferenz der Rektoren an Berliner Hochschulen hieß es, die neu ausgehandelten Verträge seien „die unterste Grenze“, die gerade noch ertragbar sei. „Vor uns liegen schwierige Entscheidungen, die zu schmerzhaften Einschnitten in der Forschung, Lehre und Verwaltung und zum Abbau von Studienplätzen führen werden.“ Der Präsident der FU Berlin Günther Ziegler sagte in einem Interview: „De facto haben wir zehn Prozent weniger Geld und das reicht nur für eine zehn Prozent kleinere Universität“. Czyborra feierte die neuen Hochschulverträge dennoch, weil sie aus ihrer Sicht die Planbarkeit steigern.
170.000 Studenten an staatlichen Hochschulen in Berlin
Bis zu 14 Prozent der Studienplätze dürfen die Hochschulen streichen. Die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege weist auf Anfrage der F.A.Z. darauf hin, dass den Hochschulen dadurch Spielräume für ihre Strukturentscheidungen eröffnet würden. Und sie lässt klar erkennen, dass die Verantwortung für die einzelnen Sparmaßnahmen an die Hochschulen delegiert wurden. Sie hätten „eine Verantwortung, die gesellschaftliche Erwartung nach Studienmöglichkeiten und Einsparnotwendigkeiten angemessen in Einklang zu bringen“.
Die Exzellenz des Wissenschaftsstandorts Berlin bemesse sich „nicht an der Quantität der Studienplätze, sondern vor allem an der Qualität von Forschung und Lehre, sowie an der internationalen Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Berliner Hochschulen“, so die Senatsverwaltung auf Anfrage. An den staatlichen Hochschulen in Berlin sind derzeit knapp 170.000 Studenten eingeschrieben.
Dass das Berliner Hochschulgesetz viel mehr gesellschaftliche Forderungen als andere Hochschulgesetze formuliert wie Verbesserung der Lebens- und Umweltbedingungen, sozial-ökologische Bedingungen und Tierschutz, sowie Umweltbedingungen und Nachhaltigkeit, sieht die Wissenschaftsbehörde nicht als Widerspruch zu den einsparungsbedingten Profilbildungen. „Gesellschaftliche Verantwortung ist ein Querschnittsthema, das profiladäquat von den Hochschulen umgesetzt werden kann und damit einer Profilierung der Hochschulen nicht im Wege steht“, teilte die Behörde der F.A.Z. mit.
Für die Perspektivkommission soll es keine „Vorfestlegungen“ für strukturelle Veränderungen geben, allerdings hatte Czyborra mehrfach darauf verwiesen, die Doppelstrukturen an mehreren Universitäten der Stadt genau unter die Lupe nehmen zu wollen.
In der Regel trifft es dann die kleinen Fächer: Die Hochschule für Technik und Wirtschaft hat ihren Studiengang zur Grabungstechnik gestrichen, auch der Bachelor- und Masterstudiengang „Restaurierung – Konservierung“ soll Ende 2031 endgültig geschlossen werden, weil er nicht völlig ausgelastet war. Der Verband für Archäologie nannte die Perspektive „grotesk und peinlich“. An der Humboldt-Universität steht das Winckelmann Institut mit seiner Ausbildung klassischer Archäologen zur Disposition.
Czyborra, die selbst Archäologin ist, sagte der F.A.Z. zu den Einsparungen in ihrem eigenen Fach: „Es wird weiterhin Archäologie auf hohem Niveau in Berlin und in Deutschland geben. Jedoch entwickeln sich Disziplinen weiter, gerade an ihren Grenzflächen. Geht die Zahl der Studierwilligen in einem Fachbereich zurück, bilden wir dort nicht mehr ausreichend Fachkräfte aus. Dann müssen wir darüber reden, wie man das betroffene Fach anders aufstellt.“
Auch die alten Sprachen, vor allem die Gräzistik – sowohl an der FU als auch an der HU vertreten – fürchten um ihre Existenz. An der Universität der Künste stehen drei Masterstudiengänge vor der Schließung, die Charité spart bei der Hebammenausbildung und der Zahnmedizin.
