Was tun, wenn Kinder immer unpünktlich sind? – Gesellschaft

Meine Tochter, 13, kommt ständig zu spät. Ihre Freundinnen warten immer auf sie, auf dem Weg zur Schule, zu Verabredungen. Sie stört das nicht so sehr. Aber mich macht das rasend. Wenn ich sie kritisiere, sagt sie: Ist doch nicht schlimm. Wenn wir verreisen, kriegen wir gerade so noch den Zug. Wenn wir eingeladen sind, geht sie noch ins Bad, während der Rest der Familie schon die Jacken anzieht. Dann kommen wir alle zu spät. Was sollen wir tun? Wir können ja schlecht mit dem ICE ohne sie losfahren oder allein zur Verabredung gehen, oder?

Laura S. aus Hannover

Nora Imlau:

Es gibt Menschen, die leiden unter sogenannter Zeitblindheit. Besonders Personen mit ADHS sind davon häufig betroffen, aber nicht nur sie. Zeitblinde Menschen kommen ständig zu spät und tun sich unglaublich schwer damit, benötigte Zeiträume einigermaßen richtig einzuschätzen. Vielleicht ist das bei Ihrer Tochter auch so? Streit und Vorwürfe machen in einer solchen Situation alles nur schlimmer. Es geht ja nicht um ein Nichtwollen, sondern um ein Nichtkönnen. Was stattdessen hilft: Brücken bauen. Puffer einplanen. Wenn Sie um halb elf losmüssen, machen Sie sich schon eine Viertelstunde früher fertig, dann kann Ihre Tochter noch ins Bad, und Sie kommen trotzdem pünktlich. Und wenn Sie mit der Bahn verreisen, nennen Sie eine frühere Abfahrtszeit: „Wir müssen spätestens um 15 Uhr am Bahnhof sein, sonst verpassen wir unseren Zug!“ Dann erwischen Sie den Zug um 16 Uhr garantiert entspannter.

Nora Imlau ist Journalistin und Autorin zahlreicher Bestseller zu Familienthemen. Zuletzt erschien „Bindung ohne Burnout“. Außerdem schreibt sie Kinderbücher („Ein total genialer Mummeltag“) und hat den Podcast „Aller Anfang“. Mit ihrem Mann und vier Kindern lebt sie in der Nähe von Baden-Baden.
Nora Imlau ist Journalistin und Autorin zahlreicher Bestseller zu Familienthemen. Zuletzt erschien „Bindung ohne Burnout“. Außerdem schreibt sie Kinderbücher („Ein total genialer Mummeltag“) und hat den Podcast „Aller Anfang“. Mit ihrem Mann und vier Kindern lebt sie in der Nähe von Baden-Baden. (Foto: Maria Herzog)

Herbert Renz-Polster:

Wahrscheinlich wären Sie überrascht, wie gut sich Ihre Tochter organisieren kann, wenn es auf sie selbst ankommt und ihr das Ziel am Herzen liegt. Bei den anderen Projekten greift leicht das, was ich den Puppenspielereffekt nenne: Je mehr die Kinder von ihren Erwachsenen gesteuert werden, desto stärker gewöhnen sie sich daran, vor allem auf den Zug der Schnüre zu reagieren – kein Vorwurf, der Familienalltag besteht nun einmal oft in einem Bugsieren der Kinder durch ein eng getaktetes Ereignisfeld. Darin die Eigensteuerung zu erlernen, ist für das Kind eine Gratwanderung. Immerhin ist die Theorie dazu einfach: Je mehr Verantwortung Kindern überlassen wird, desto mehr an Steuerung übernehmen sie nach und nach. In der Praxis kommen allerdings die Teufelskreise dazu: Je mehr Stress im Raum, desto weniger klappt es. Vielleicht beginnen Sie deshalb mit den niedrig hängenden Früchten. Etwa, wenn es um die Treffen Ihrer Tochter mit den Freundinnen geht. Schließen Sie sich irgendwo ein und gehen erst wieder raus, wenn die Haustür ins Schloss gefallen ist. Und die ICE-Fahrten? Vielleicht planen Sie den Weg zum Zug für eine Viertelstunde früher? Oder verbinden damit etwas Angenehmes, wie etwa einen Besuch beim gelben M im Bahnhof? Und wenn das nichts bringt? Mit einer 13-Jährigen kann man darüber reden, der Lauf der Uhr ist ihr bekannt, und sie ist kein kleines Kind mehr, das nicht auch mal einen halben Tag ohne Sie klarkommt.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs „Kinder verstehen“. Zuletzt ist sein Buch „Demokratie braucht Erziehung“ erschienen. Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.
Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs „Kinder verstehen“. Zuletzt ist sein Buch „Demokratie braucht Erziehung“ erschienen. Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg. (Foto: Verlag)

Jacinta Nandi:

In seiner Autobiografie stellt Arthur Miller Mutmaßungen darüber an, warum Marilyn Monroe immer so unpünktlich war. Miller, der vier Jahre lang mit ihr verheiratet war, befand, dass sie immer zu spät kam, weil sie gegen die Zeit und damit gegen ihren eigenen Tod gekämpft habe. Sie habe nicht wahrhaben wollen, dass Zeit einfach vergeht. Ich denke, dass es auch ein Akt der Rebellion gewesen sein könnte, ein Aufbegehren gegen die Konventionen in einer Welt, in der alles durchgetaktet ist. Vielleicht ist das auch bei Ihrer Tochter der Fall? Oder ist es Time Blindness? Dass sie Zeit nicht richtig einschätzen kann? Und dann käme noch infrage, dass sie einfach superoptimistisch ist? Ich erlebe, dass viele Menschen, die immer zu spät kommen, sehr viel optimistischer sind als ich. Sie leben ihr Leben, als ob sie in einer Sitcom spielen, und nicht in der echten Welt, in der man von A bis B in einer bestimmten Zeit kommen muss. Ich würde mit Ihrer Tochter, ohne Vorwürfe, darüber reden. Aber ich würde mich heraushalten aus ihren Beziehungen mit den Freundinnen. Wenn Sie ihr einmal gesagt haben, dass es respektlos ist, wenn sie diese warten lässt, dann weiß sie das auch, und sie muss allein die Konsequenzen spüren.

Jacinta Nandi ist britisch-deutsche Autorin und zog mit 20 Jahren von London nach Berlin. In „50 Ways to Leave Your Ehemann“ berichtet sie über die Schwierigkeiten Alleinerziehender in Deutschland. Gerade ist ihr Roman „Single Mom Supper Club“ erschienen. Sie lebt mit ihren zwei Söhnen in Berlin.
Jacinta Nandi ist britisch-deutsche Autorin und zog mit 20 Jahren von London nach Berlin. In „50 Ways to Leave Your Ehemann“ berichtet sie über die Schwierigkeiten Alleinerziehender in Deutschland. Gerade ist ihr Roman „Single Mom Supper Club“ erschienen. Sie lebt mit ihren zwei Söhnen in Berlin. (Foto: Andi Weiland)

Was soll ich tun, wenn meine Freundin ihren Sohn zu sehr verwöhnt, der Lehrer den Toilettengang verbietet und meine Kinder den Garten blöd finden? Den gesammelten Rat des Familientrios finden Sie hier.
Haben Sie auch eine Frage? Schreiben Sie an familientrio@sz.de.