
Traurig hängt das Köpfchen an einem Büschel Rosshaar. Der Anblick in der Werkstatt des Frankfurter Bogenbauers Julian Dirr dürfte jedem Streicher das Herz brechen. Ein Geigenbogen ist ja nicht einfach nur eine hölzerne Stange, sondern zumeist ein langjähriger, treuer Gefährte. Mit sanftem Druck versetzt er die Saiten in Schwingungen oder springt im Spiccato durch die Oktaven. Aber es kann passieren, dass er der Hand entgleitet, bricht und zum Bild des Jammers wird.
Wenn der Bogen Glück hat, verhilft Dirr ihm zu einem zweiten Leben. Am Weckmarkt zeigt der junge Bogenbauer, wie er einen Schnitt setzt, um die Bruchstücke mit einem dünnen Streifen Holz neu zu verbinden. Rein wirtschaftlich aber bleibt es beim Totalschaden, der erheblich sein kann.
Während ein neuer Bogen bei ihm rund 4000 Euro kostet, kann ein historischer Meisterbogen so teuer werden wie eine Eigentumswohnung. Exemplare von François Xavier Tourte (1747 bis 1835) erzielen auf Auktionen Höchstpreise. Der „Stradivari unter den Bogenbauern“ hat den Prototyp des modernen, elegant gebogenen Bogens geschaffen.
Seitdem ist Fernambukholz das bevorzugte Material. Und das wird zunehmend zum Problem für die Zunft und die ganze Streicher-Großfamilie: Paubrasilia echinata, der Baum, der das Fernambukholz liefert, ist eine bedrohte Art aus der atlantischen Küstenebene Brasiliens.
Brasilien will die gefährdete Baumart schützen
Bei den Konferenzen der Vertragsstaaten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens CITES („Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora“) wird immer wieder diskutiert, wie sie effektiver geschützt werden kann. Seit 2007 ist Brasiliens Nationalbaum im Anhang II von CITES gelistet, zusammen mit mehr als 37.000 gefährdeten Arten.

Vor der Konferenz der 185 Vertragsstaaten Ende November in Samarkand beantragte Brasilien eine Hochstufung, eine Listung im Anhang I, die den höchsten Schutz gewährt. Dieser hätte nicht zuletzt international reisende Orchester vor erhebliche Probleme gestellt.
Eine gewisse Erleichterung spiegelt sich denn auch in einer gemeinsamen Presseerklärung, die die Deutsche Musik- und Orchestervereinigung „unisono“ am 8. Dezember nach der CITES-Konferenz mit dem Verein „Orchester des Wandels“ veröffentlicht hat. Als „insgesamt positiv“ werden darin die geänderten Regeln gewertet: „Fertige Musikinstrumente und Bögen, in denen Fernambuk-Holz verarbeitet ist, bleiben für nicht kommerzielle Zwecke genehmigungsfrei.“
Fernambukbögen behalten ihre Form über Hunderte von Jahren
Beim Eigentumswechsel aller Fernambukbögen aber „werden spezielle CITES-Genehmigungen notwendig“. Mit diesen muss nachgewiesen werden, „dass das verwendete Holz vor 2007 geerntet wurde; jenem Jahr, in dem Fernambuk unter Schutz gestellt wurde“.

Julian Dirr sieht sich damit nicht vor größere Probleme gestellt. Er arbeite mit bereits vor 2007 registriertem Holz seines Vaters Sebastian Dirr, der als Bogenbauer in Erlangen ansässig ist. In einer Ecke seiner Frankfurter Werkstatt stehen Bündel aus Rohlingen. Da er nur ein bis zwei Bögen pro Jahr baue, reiche das Holz vielleicht für sein gesamtes Arbeitsleben. Reparatur und Neubezug spielten ökonomisch eine größere Rolle.
Fernambuk ist aus Dirrs Sicht zumindest für hochwertige Bögen alternativlos. Kein anderes Holz könne die Form, die er selbst über der Gasflamme biegt, 100 bis 200 Jahre halten. Moderne Carbonbögen, die aus einem Verbundwerkstoff mit Kohlenstofffasern bestehen, klängen dagegen „blechern“.
Orchester bemühen sich um Nachhaltigkeit
Um das besondere Schwingungsverhalten von Fernambuk zu demonstrieren, zieht Dirr zum Vergleich einen Barockbogen aus Schlangenholz aus der Schublade. Tatsächlich lässt die Fernambukstange, wenn sie von ihm angeschlagen wird, eine ganz andere Resonanz spüren.

Die westliche Welt habe diesen Baum jahrhundertelang ausgebeutet, sagt der Bratscher Detlef Grooß im Gespräch. Der Musiker, seit 1995 im Orchester des Nationaltheaters Mannheim engagiert, ist Vorsitzender des 2020 gegründeten Vereins „Orchester des Wandels“, der Klima- und Artenschutz als Teil des Kulturauftrags sieht. Auch das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sind im Verein vertreten.
„Am schlimmsten“, so Grooß, sei die Ausbeutung vor der Erfindung der Anilinfarben im 19. Jahrhundert gewesen. Das rote, zermahlene Fernambukholz diente als Färbemittel. Nur dadurch sei die auch durch Brandrodung dezimierte Art in Europa bekannt geworden. „In den letzten 30, 40 Jahren ist der Bogenbau aber tatsächlich der Haupttäter.“
Details zu Fernambukbögen müssen in Brüssel geklärt werden
„Hoffen wir, dass Naturschutz gewährleistet ist“, sagt Grooß zur CITES-Entscheidung in Samarkand und zu der Nachweispflicht im Handel. „Absolut positiv“ findet er die Reiseregelung ohne Bürokratieaufwand: „Eine ganz große Erleichterung für Orchester.“

Details zu den Ausnahmegenehmigungen, die beim Verkauf von Fernambukbögen notwendig werden, müssten nun noch auf EU-Ebene geklärt werden. „Was mir ganz wichtig ist: Wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft der Musiker verstanden hat, dass es an der Zeit ist, etwas zurückzugeben.“
Sein Verein setzt sich mit dem Araponga-Projekt für Wiederaufforstung ein. „Wir haben bereits das 45. Mitgliedsorchester begrüßt und mit Partnern zusammen bisher ungefähr eine Million Euro in Umweltprojekte investiert.“
Der Fernambukvorrat der Bogenbauer sollte noch für eine Generation reichen, schätzt Grooß. Erstrebenswert sei eine Erhebung zu Plantagenbeständen, die vielleicht einmal genutzt werden könnten. Er hofft zudem auf Experimente mit Ipé-Holz und dem von Musikern sehr unterschiedlich bewerteten Carbon: „Ich persönlich habe noch keinen Carbonbogen gesehen, der ein wirklich schönes Timbre hatte. Ich schließe aber nicht aus, dass es das gibt.“ Der Wiesbadener Staatsorchester-Bratscher Tilman Lauterbach hingegen ist von seinem Carbonbogen, der „eine völlig neue Spielerfahrung“ ermögliche, überzeugt: „Er entlockt dem Instrument den schönsten Klang.“
Nicht nur „Orchester des Wandels“, auch andere Vereine pflanzen Bäume. Julian Dirr zeigt in seiner Werkstatt das Plakat eines Projekts, in dem sein Vater engagiert ist. Und das Foto des verwaisten Elefanten Ziwa, für den er eine Patenschaft übernommen hat. Statt Elfenbein verwendet Dirr für die Kopfplatte an der Bogenspitze das Ersatzmaterial Kasein. Der Bogenbauer, der seine Kreativität auch gerne bei Sonderanfertigungen für Kinder auslebt, hat eine hübsche Recycling-Idee für abgebrochene Spitzen, wenn der Bogen nicht mehr repariert wird: Sie bekommen als Manschettenknöpfe ein zweites Leben. Inspiriert hat ihn dazu ein Herrenschneider in der Nachbarschaft am Weckmarkt.
