Warum ist die AfD im Osten so erfolgreich?

Die neuen Bundesländer können sich sehen lassen. Die Städte sind saniert, die Straßen picobello, die Infrastruktur modernisiert. Doch ist die Hoffnung, in die Häuser mit den frisch gedeckten Dächern werde auch ein bürgerschaftlicher Gemeinsinn einziehen, einer Ernüchterung gewichen. Statt zum demokratischen Selbstverständnis des Westens aufzurücken, weltoffen und in exemplarischer Zivilität, liegt schlechte Stimmung über dem Land.

Die dunklen Seiten der frühen Nachwendezeit, Aufmärsche rechtsnationaler Vereine, sind nicht verschwunden, und die Parole der Selbstbefreiung „Wir sind das Volk“ wird übertönt durch ein: „Wir glauben Euch kein Wort“. Die AfD macht sich zum Sprachrohr von Leuten, die glauben, die Regierungsparteien führten das Land in den Ruin. Der Osten tickt anders. Die entstandene Lage ist gründlich erforscht, Umfragen bestätigen den Befund.

Professor Dr. Tilman Allert lehrte Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt.
Professor Dr. Tilman Allert lehrte Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt.Marina Pepaj

Wer ist schuld am Schlamassel?

Statt kopfschüttelnd, besorgt oder ungeduldig zu warten, bis Deutschland Ost seinen Weg in die offene Gesellschaft findet, lohnt der Blick zurück zu den Zeiten der ehemaligen BRD. Wir fragen grundlegender, ob der Schlamassel mit dem Populismus womöglich in Deutschland West seinen Anfang genommen hat. Dazu legen wir das autohypnotische Mantra des „gesichert rechtsextrem“ zur Seite, das der AfD seit Jahren Schlagzeilen garantiert. Auch lassen wir uns den Blick nicht trüben durch den Befund, europaweit, ja, weltweit seien die Populisten im Vormarsch, auch nicht davon, dass rechte Parteien überall Zulauf erhalten, wo es ökonomisch abwärtsgeht, ob in Gelsenkirchen oder in Bautzen.

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Die Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik muss nicht rekapituliert werden. Doch eine Dimension, die insbesondere die Forschungen des Historikers Anselm Doering-Manteuffel in den Fokus rücken, verdient Aufmerksamkeit – die sogenannte „Westernisierung“. Deutschland West erfährt, das ist mit dem etwas holprigen Begriff gemeint, eine beispiellose Modernisierung und Wohlstandsmehrung. Der Krieg ist verloren, die Soldaten kehren heim als Besiegte, die Nürnberger Prozesse enthüllen die Taten des Regimes.

Aus eigener Kraft hat sich das Land nicht von der Diktatur befreien können. Es sind die Besatzungsmächte, allen voran die Amerikaner, die die Demokratie als Ordnungsmodell und Lebensform einführen, mit Jazz, mit Kaugummis und mit Schüleraustausch. Der Marshallplan bewirkt einen Kaufkraftgewinn, und der bildet die materielle Grundlage für die amerikanische Zivilisierungsoffensive, die behutsam wie eindringlich der anhaltenden Autoritätsgläubigkeit entgegengestellt wird. Im Vorprogramm der Kinos zeigen zehnminütige Kurzfilme Szenen aus dem Alltag, wie man in der Behörde einen Bauantrag stellt oder wie man von seinem Wahlrecht Gebrauch machen kann. Zentrum der Kulturmission werden die sogenannten Amerikahäuser, sichtbare Bausteine des Bollwerks gegen den Kommunismus, den neuen Feind.

Entdecker einer neuen Wirklichkeit

Den Impuls zur Korrektur des Wertekanons nehmen die Angehörigen jener Generation auf, der der Dienst an der Front erspart blieb oder die als Jugendliche die Schrecken des Krieges für nicht länger als ein paar Wochen erleben mussten. Volk, Staat, Nation erscheinen als „gedachte Ordnungen“, befreit von allen Konnotationen des Wesenhaften, Ewigen und Natürlichen. Im geistigen Profil der neuen Republik öffnen sich Spielräume für ein liberales Selbstverständnis. Wiederaufbau bedeutet Paradigmenwechsel. Dessen Pioniere fühlen sich „als Entdecker einer neuen Wirklichkeit“, wie sich der Nestor der Soziologie, M. Rainer Lepsius, erinnert.

Die Bundesrepublik, das föderale Staatsmodell sowie die Institutionen und Verfahren des demokratischen Pluralismus stoßen allerdings keineswegs einhellig auf begeisterte Zustimmung. Auf einem Protestplakat bei einer Demonstration gegen hohe Preise für Lebensmittel ist zu lesen: „Wir sind Deutsche und kein Kolonial-Volk“. Mit Ach und Krach, dank der uneingeschränkten Westorientierung des Kanzlers Konrad Adenauer und dank der Überzeugungskraft wachsenden Wohlstands, gelingt die Akzeptanz des Verfassungsstaates.

Mit dem Slogan „Deutsche, wir sind wieder wer“ wirbt Ende der Sechzigerjahre die SPD mit Willy Brandt um die Zustimmung der Wähler. „Bonn ist nicht Weimar“, lautet eine frühe zeithistorische Bilanz der moralischen und politischen Errungenschaften des Provisoriums BRD, eine Schönwetterdemokratie, ein Gemeinwesen mit einem ausgeglichenen Verhältnis von Wohlfahrt, Sicherheit und demokratischer Teilhabe. Auf dieser Grundlage gelingt es schließlich, nach dem Zusammenbruch der DDR den Aufbau der Infrastruktur in den neuen Bundesländern zu stemmen.

Das „Modell Deutschland“

Doch kennt die Erfolgsgeschichte der Bonner Republik, europaweit als „Modell Deutschland“ gefeiert, auch ihre Schattenseiten. Der Impuls, dem das Land den Weg zu Liberalität und Toleranz gegenüber nichttraditionellen Lebensformen verdankt, hat den öffentlichen Diskurs auf eine allgemeine Macht- und Herrschaftskritik verengt, der sich der seriöse Journalismus auch heute kaum entziehen kann. Der Verdacht richtet sich auf Hierarchien aller Art.

Besonders ins Visier geraten Institutionen, die Identität und kulturelle Verortung stiften und darin der politischen Ordnung vorrangig sind. Dass zum Beispiel, wie jüngst in der Rentendebatte, die rasante Überalterung, die demographische Krise beklagt werden, sollte angesichts des anhaltenden medialen Abgesangs auf die Institution Familie nicht verwundern. Wie ein Märchen aus alten Zeiten klingt, wenn die anthropologisch unhintergehbare Geschlechterdifferenz von Mann und Frau angesprochen wird. Die Kirchen haben aufgrund einer Reihe von Verstößen von Priestern gewiss an Glaubwürdigkeit verloren, aber damit der Glaube nicht an Orientierungskraft.

An die Stelle eines Nationalstolzes tritt schließlich der „Verfassungspatriotismus“. Hier soll nicht etwa dem nostalgischen Rückblick auf die abendländische Tradition das Wort geredet oder irgendeine Lebensidylle beschworen werden. Schon gar nicht geht es um normative Gebote. Doch unverkennbar ist der Fortschrittsoptimismus der alten Republik, vor Jahren als „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) verklärt, an sein Ende gekommen.

Eine Urszene schuldloser Entzweiung

Erst vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Deutschland West lässt sich die Verstörung ermessen, die 1989 mit der Vereinigung einsetzt: Der Osten gerät zeitversetzt in eine Art Nachkriegssituation und spiegelt dem Westen die eigenen Anfänge. Zwar wird der Zusammenschluss mit dem bis dahin beargwöhnten, doch stets bewunderten Referenzmodell Westdeutschlands euphorisch gefeiert, doch als auf den Jubel erste Schritte zu einer umfassenden Transformation folgen, führt das zu einem fundamentalen Bruch, der den Westen dem Osten entfremdet, aber auch umgekehrt den Osten dem Westen.

Der Marshallplan heißt Treuhand, später „Soli“. Die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft erschüttert den Stolz auf den sozialistischen Avantgardestaat DDR als eine einzige Selbsttäuschung, als das Falsche im früheren richtigen Leben. Wichtig ist daran, dass die eigenen Landsleute aus dem Westen, durchweg patriotisch gesinnt, als Pioniere der politischen Zivilisierung auftreten. Politisch wächst die Nation zur deutschen Einheit zusammen, doch unglücklicherweise in einer Ungleichzeitigkeit, die niemandes Schuld ist.

Nicht abwegig wäre es, von einer Urszene schuldloser Entzweiung zu sprechen, ungeachtet dessen, dass den unterschiedlichen Besatzungsschicksalen zwischen Ost und West weltpolitische Weichenstellungen zugrunde liegen. Mit der Vereinigung vollzieht sich ein Antagonismus in gemeinsamer Zugehörigkeit. Im Bild der Geschwister – manche mögen sich an die Kerzen erinnern, die ab 1956 an Weihnachten in Solidarität mit den „Brüdern und Schwestern“ vors Fenster gestellt wurden – zeigt der Westen dem Osten den Weg.

Ein ungleiches Geben und Nehmen belastet die Anstrengungen, sich für die Zukunft des Landes zu engagieren. Im Osten wird der Schatten noch bitterer empfunden durch den Umstand, dass ihm die Befreiung von der Diktatur gelungen ist. Davon bleibt der Wunsch nach politischer Aufrichtigkeit. Eine „Nie wieder Lüge“ ist die Losung, mit der sich der Osten dem Westen öffnet. Derart gesinnungsethisch aufgeladen, wird daraufhin jede Regierungspolitik unter Verdacht gestellt, mit der Folge, dass der Pragmatismus, was Max Weber einst mit „Politik als Beruf“ beschrieben hat, in den Sog eines trotzigen Widerstands gerät.

Garagensolidarität aus den Zeiten der DDR

Die entstandene Verdrossenheit und Realitätsverweigerung sind mit Starrsinn, Autoritätsgläubigkeit, rechtem Gedankengut nicht zu erklären. Auch sind Radau oder das Zündeln an Flüchtlingsunterkünften nur die Spitze des Eisbergs. Als handlungswirksam breitet sich vielmehr das Gefühl aus, betrogen zu sein, verlassen von der Geschichte. Der Unmut verschafft sich zu beliebigen Anlässen Luft.

Als zu spät gekommen und vom Leben bestraft, ist die Zufriedenheit über das erreichte Lebensniveau von einer Enttäuschung unterlegt, die an das „Wir lassen uns nicht kolonisieren“ erinnert, das in der BRD in den Fünfzigerjahren den Amerikanern entgegengehalten wurde. Gegen die neue Bevormundung soll Heldentum, das Ethos der Ehrlichkeit, regieren. Da eine Demokratie auf Helden nicht angewiesen ist, vielmehr sich über Kompromiss und Verfahren legitimiert, greifen viele die Option auf, sich resigniert auf die Garagensolidarität aus den Zeiten der DDR zurückzuziehen. Im Ausgegrenztsein liegt das Geheimnis der Zustimmung zur AfD, deren Entzauberung durch das realpolitische „muddling through“ längst erfolgt wäre und voraussichtlich mit dem Ergebnis der Landtagswahlen bevorsteht.

Entrepreneure des Aktivismus

Wie tektonische Platten überlagern sich Erfahrungsbrüche aus den historischen Zäsuren der Jahre 1933, 1945 und 1989. Sie haben Gefühlslagen von Einheit, Bruch, Gleichgültigkeit, Zerwürfnis und Versöhnung entstehen lassen, die durch Entscheidungen aus der Tagespolitik kaum korrigiert werden, geschweige denn im Parteienspektrum einen Widerhall finden. Es geht nicht um eine Industrieansiedlung hier, um Programme gegen Braindrain und gegen leere Städte dort.

Der Abschied von der Nachkriegsordnung und das späte Eintreten in eine nationale Gemeinschaft spülen in West und Ost Hoffnungen und Enttäuschungen in die politische Arena, die von generationenübergreifend wirksamen Ethiken der Lebensführung geleitet sind. Sie sind keineswegs erloschen, weder im Osten, der sich für agnostisch hält, noch im Westen, der sich für säkularisiert hält.

Das Land Martin Luthers kennt nicht die Selbstgewissheit derjenigen, die sich auf der Seite der Geschichte glauben, kennt kein „Yes, we can“, kein „great again“ – selbst die äußerst zaghaft protestantische Formel der Zuversicht, das „Wir schaffen das“, wird ihrer Autorin noch heute um die Ohren gehauen. Mit Optimismus, Askesebereitschaft und Initiative kommen die Flüchtlinge, die Zugewanderten ins Land. Als Entrepreneure des Aktivismus bekommen sie jedoch daraufhin zu spüren, wie ihnen als Fremde die soziale Zugehörigkeit abgesprochen wird.

„Seid endlich wie wir“

Eine verkehrte Welt entsteht, beide Landesteile betreiben Identitätspflege und immobilisieren sich wechselseitig. In einem Land, das den Ruf genießt, die Welt mit „Automobilen“ ausgestattet zu haben, warten seine Bewohner auf die Mobilität, auf die Initiative des jeweiligen Gegenübers. „Seid endlich wie wir“, ruft es aus den alten Bundesländern, „Wir sind eine Gesellschaft. In der Zustimmung zu den Parteien der demokratischen Mitte stellen wir uns den Herausforderungen der modernen Welt, indem wir uns zum Wertekanon eines moralischen und politischen Universalismus bekennen, der überstaatlich gedacht ist und der niemanden aus der Weltgemeinschaft ausschließt.“

„Seid endlich wie wir!“, rufen die anderen. „Wir sind eine Gemeinschaft, wir haben ein halbes Jahrhundert Lügen gehört und bringen aus der Erfahrung der erkämpften Freiheit einen auf Wahrhaftigkeit gegründeten Patriotismus in die demokratische Willensbildung ein.“ Der Osten unterstellt dem Westen die Zwangsintegration, wie er sie in der DDR erlitten hat. In Berlins Engagement für die Belange der Europäischen Union sieht er den Internationalismus fortgesetzt, mit Brüssel als dem neuen Moskau – wohingegen der Westen im Osten den „Schoß“ sieht, der „noch fruchtbar“ sei.

Ein Land mit einer Bevölkerung, die ihre Sehnsucht nach völkischer Gemeinschaft von der AfD und Kalauern wie „Jugend führt Jugend“ als Politik vertreten lasse. Zwei Landesteile stehen sich in einer Struktur gewordenen Ungleichzeitigkeit gegenüber, eine Epochendifferenz im Staatsverständnis sowie eine im gesellschaftlichen Selbstverständnis.

Ungleichzeitigkeiten politisch auszugleichen, wird allerdings niemanden überfordern. Schließlich hat sich die Regierungsarbeit in Bund und Ländern, in den Kommunen wie in den übernationalen Kommissionen und Parlamenten tagtäglich in Balanceakten zu bewähren. Abgesehen davon wird die wechselseitige Entfremdung weder die eigene Wirtschaftsstärke noch Deutschlands Stellung in der Welt beeinträchtigen.

Eine Hypothek aus Irrtümern

Solange es gelingt, die historische Verantwortung für die Entstehung und Folgen der nationalsozialistischen Diktatur auf sich zu nehmen wie den Stolz auf die Selbstbefreiung aus der zweiten deutschen Diktatur in Erinnerung zu halten, wird Deutschland als politisches Gemeinwesen in geographischer Mittellage, als laizistischer Staat mit bikonfessioneller Tradition, mit einer multiethnisch differenzierten Staatsbürgerschaft, mit einer Vielzahl von Beziehungen zu Nachbarstaaten seine Position behaupten.

Die Verstiegenheiten des Gemeinschaftlichen ebenso wie die des Gesellschaftlichen sind gewiss korrekturbedürftig, aber nicht mehr als eine Hypothek aus Irrtümern und gemeinsamer Geschichte, ein Päckle, das auch den kommenden Generationen auf dem Rücken geschnallt bleibt. Im Hinblick auf die ungeklärte Frage nach der Selbstdefinition der Nation als Staat wäre es hilfreich, es erst einmal zu verstehen.

In einem Essay mit dem Titel „Die Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus“ warnte vor hundert Jahren der Philosoph Helmut Plessner vor einem wachsenden extremen Nationalismus. Er plädierte für die Klugheitsregeln einer bürgerlichen Alltagsvernunft, für Maximen der Distanz, für eine Kultur des zivilisierten Umgangs. Gegen die Verklärung der Gemeinschaft und Sehnsucht nach völkischer Wiedergeburt rief er das Eigenrecht des Politischen in Erinnerung, „Von Überwölbungen ist nichts zu erwarten, außer dass sie einstürzen“, so lautete die Pointe seiner Schrift. Angesichts der bevorstehenden Wahlen in den neuen Bundesländern erlangt die Mahnung eine ungeahnte Aktualität. Was die Situation in den alten Bundesländern angeht, wäre die Überschrift zu ändern: „Grenzen der Gesellschaft. Eine Kritik am geistigen Radikalismus.“