Warum Haie im Oktober besonders oft Menschen angreifen – Wissen

Die Surfer auf Hawaii erzählen es sich schon lange: Im Oktober sind die Haie besonders bissig. Wie sich jetzt herausstellt, ist der „Sharktober“, so nennen sie den Monat in ihren Geschichten, kein Seemannsgarn, sondern eine streng wissenschaftlich belegte Tatsache. Und zwar durch eine Studie, die gerade im Wissenschaftsjournal Frontiers in Marine Science erschienen ist. Der Haiforscher Carl Meyer hat darin alle Haiangriffe vor Hawaii zwischen 1995 und 2024 untersucht. Dabei zeigte sich, dass 20 Prozent davon tatsächlich jeweils im Oktober passiert sind. „Der Peak in diesem Monat existiert wirklich und ist statistisch signifikant“, sagt Meyer in einer Presseerklärung der University of Hawaii at Manoa, an der er forscht.

Insgesamt sei das Risiko aber sehr niedrig, vor Hawaii von einem Hai gebissen zu werden, fügt Meyer hinzu. Laut seiner Studie ereigneten sich in den 30 Jahren, die er untersucht hat, dort 165 Haiangriffe auf Menschen. In 54 Fällen erkannten die Opfer nicht, von welcher Haiart sie attackiert wurden. 27 Mal waren es Requiemhaie, einmal ein Weißer Hai und in sechs Fällen Zigarrenhaie. Letztere sind aber mit maximal einem halben Meter Körpergröße relativ klein und können einen Menschen deshalb nicht töten. Nach allem, was man weiß, beißen sie vorzugsweise in der Nacht zu und hinterlassen dabei knapp drei Zentimeter große, runde Wunden.

Mit Abstand am häufigsten, 77 Mal, wurden Menschen vor Hawaii aber von Tigerhaien attackiert – und das bedeutet Lebensgefahr. Nach den International Shark Attack Files (ISAF), einer wissenschaftlichen Datenbank zu Haiangriffen, die am Naturkundemuseum der Universität von Florida geführt wird, gehören Tigerhaie zu jenen drei Haiarten, die Menschen oft töten. Die anderen beiden sind Weiße Haie und Bullenhaie. 98 Prozent aller Angriffe mit tödlichem Ausgang gehen auf eine dieser drei Spezies zurück.

Dass Tigerhaie für Menschen gefährlich sind, hat verschiedene Gründe. Erstens sind die Tiere extrem neugierig und weichen Menschen deshalb nicht aus. Zweitens fressen sie so gut wie alles, das ihnen vor ihre kurze, kantige Schnauze schwimmt: diverse Fischarten, andere Haie, Meeresschildkröten, erschöpfte Zugvögel, die ins Wasser gefallen sind, und sogar Autoreifen und Kennzeichen. Drittens fangen sie sofort an, ihre Opfer zu fressen und machen keinen „Probebiss“, wie andere Haiarten, die damit erkunden, ob das, was da im Meer schwimmt, überhaupt genießbar ist.

Doch warum beißen die Tigerhaie vorzugsweise im Oktober zu? Meyer vermutet, dass das Phänomen mit der Biologie der Tiere zusammenhängt. Im September und Oktober schwimmen nämlich viele trächtige Weibchen an die Küste Hawaiis, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen. Es sind also schlicht mehr Tigerhaie im Wasser. Außerdem seien die Tiere nach der kraftraubenden Geburt ausgezehrt, schreibt Meyer in seiner Studie. Um ihr Energiedefizit möglichst schnell wieder auszugleichen, gehen sie auf die Jagd. Wenn ein Bein oder ein Arm vom Surfbrett herunterhängt, kommt das den ausgehungerten Weibchen dann gerade recht.