Warum es sich lohnt, EU-Mitglied zu sein: Vergleich zwischen Bulgarien und Serbien

Der Jubel in Bulgarien war bestenfalls verhalten, als der Balkanstaat zum 1. Januar dieses Jahres Mitglied der Eurozone wurde. Eine relative Mehrheit der bulgarischen Bevölkerung hätte es vorgezogen, ihre alte Währung zu behalten, den Lew. Laut einer noch im Dezember veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage sprachen sich 49 Prozent der Befragten in Bulgarien gegen die Einführung des Euros aus. Für den Euro waren nur 42 Prozent. Der Gegensatz zur Eurozone, wo 82 Prozent die Gemeinschaftswährung befürworten, ist groß.

Doch womöglich wird die anfängliche Skepsis auch in Bulgarien mit den Jahren einer breiteren Akzeptanz weichen. Denn das Land hat von seiner seit 2007 währenden Mitgliedschaft in der EU, die 2025 durch eine Aufnahme in den Schengen-Raum komplettiert wurde, eindeutig profitiert. Das ist der Mehrheit der Bevölkerung auch bewusst.

Kräfte wie die von Russland geförderte Partei „Wiedergeburt“ haben mit Forderungen nach einem Referendum über einen bulgarischen EU-Austritt oder Behauptungen, die Mitgliedschaft schade Bulgariens nationalen Interessen, zwar gewissen Zulauf. Mehrheitsfähig sind solche Ideen aber nicht. Die meisten Bulgaren wissen, was sie an der EU haben.

Vor dem EU-Beitritt stand Bulgarien schlechter da als Serbien

Dass Bulgarien in den vergangenen 18 Jahren von seiner Zugehörigkeit zur EU profitiert hat, lässt sich unter anderem durch einen Vergleich mit dem Nachbarstaat Serbien belegen. Die Vergleichbarkeit ergibt sich nicht nur aus der geographischen Nähe, sondern auch aus der nahezu identischen Bevölkerungszahl von etwa 6,7 Millionen Einwohnern.

Im Jahr 2007, als Bulgarien in die EU aufgenommen wurde, stand das Land wirtschaftlich schlechter da als Serbien. Die bulgarische Wirtschaftsleistung pro Kopf lag bei umgerechnet etwa 4300 Euro im Jahr. In Serbien waren es 4440 Euro. Obwohl Serbiens Wirtschaft seither robust gewachsen ist, ist Bulgarien seinem westlichen Nachbarn enteilt. Im Jahr 2024 betrug die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Bulgarien etwa 16.260 Euro, in Serbien dagegen 12.640 Euro. Auch bei anderen Indikatoren, etwa den Durchschnittslöhnen oder der Kaufkraft, hat Bulgarien Serbien überholt.

Das schnellere Wachstum hat mehrere Gründe. Serbien erhält als Beitrittskandidat zwar sogenannte „Heranführungshilfen“ von der EU, doch diese sind ungleich geringer als die Strukturfördermittel für Mitgliedstaaten. So teilte die EU im Juli 2022 mit, dass für den weiterhin ärmsten EU-Staat Bulgarien allein in der Finanzierungsperiode bis 2027 gut elf Milliarden Euro Unterstützung eingeplant seien, davon allein 4,2 Milliarden für den Ausbau oder die Modernisierung der Infrastruktur in vernachlässigten Regionen.

Das größte dieser Infrastrukturprojekte ist der Schipka-Straßentunnel unter dem Balkangebirge, der die Nord-Süd-Verbindung im Land ab 2029 erheblich verbessern soll. Ohne die erhebliche Ko-Finanzierung der EU hätte Bulgarien weitaus größere Schwierigkeiten, solche Großprojekte zu stemmen.

Die EU finanziert auch den Ausbau der Sofioter U-Bahn

Außer Strukturfördermittel gibt es für EU-Staaten zudem Geld aus der „Aufbau- und Resilienzfazilität“, die von der Europäischen Kommission nach der Corona-Pandemie zur Förderung von Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit ins Leben gerufen wurde. Für Bulgarien sind dabei mehr als sechs Milliarden Euro vorgesehen.

Für den Ausbau der dritten Linie der Sofioter Metro gab es 144 Millionen Euro an EU-Zuschüssen aus diesem Topf. Serbiens Hauptstadt hat dagegen keine Metro. Ob die seit Jahrzehnten immer wieder angekündigten Pläne, Belgrad solle eine bekommen, je verwirklicht werden, steht in den Sternen. Mit finanzieller Unterstützung aus der EU wie in Sofia kann die Belgrader Stadtverwaltung jedenfalls nicht rechnen.

Allerdings verzögerte sich die Auszahlung von Mitteln des Corona-Wiederaufbaufonds für Bulgarien zuletzt mehrfach. Brüssel verlangt nämlich die Verabschiedung von 22 Gesetzen zur Korruptionsbekämpfung und zu besserer Regierungsführung. Unter anderem fordert die Kommission, dass die Macht des Generalstaatsanwalts in Bulgarien eingeschränkt werden müsse. Die jeweiligen Amtsinhaber sollen bei offenkundigem Missbrauch ihrer Befugnisse haftbar gemacht werden können.

Die fehlende Möglichkeit von wirksamen Ermittlungen gegen den bulgarischen Generalstaatsanwalt und seine Stellvertreter ist seit Langem ein Übel in Bulgarien, das nicht nur von der Kommission gerügt wird, sondern auch schon vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bemängelt wurde.

Die EU dringt darauf, dass der Generalstaatsanwalt gerichtlich belangt werden kann, wenn er ohne plausible Begründung die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen mächtige Verdächtige ablehnt – was früher oft der Fall war. Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im April 2022 in Sofia war, soll sie hinter den Kulissen sehr deutlich gemacht haben, dass die Milliarden nur ausgezahlt werden, wenn es zuvor die entsprechenden Reformen gebe.

Demonstranten Mitte Dezember vergangenen Jahres in Sofia
Demonstranten Mitte Dezember vergangenen Jahres in Sofiadpa

Da es seither zumindest einige Fortschritte gab, wurden mehrere Tranchen des Programms freigegeben, zuletzt 1,6 Milliarden Euro im Dezember. Weil aber nicht zuletzt die Maßnahmen zur strafrechtlichen Haftung des Generalstaatsanwalts noch nicht vollständig erfüllt wurden, hält die Kommission Teile des für Bulgarien vorgesehenen Geldes weiterhin zurück.

Es sei sehr wichtig, dass die EU rechtsstaatliche Reformen zur Vorbedingung für die Auszahlung einzelner Tranchen aus dem Aufbau- und Resilienzpaket gemacht habe, sagt Vessela Tschernewa, stellvertretende Direktorin des „European Council on Foreign Relations“ in Sofia: „Jede bulgarische Regierung weiß, dass es feste Kriterien dafür gibt, was gute Regierungsführung ist und was nicht.“

Tschernewa verweist auf die Demonstrationen in Bulgarien im Dezember, die zum Rücktritt der Sofioter Koalitionsregierung führten. Sie richteten sich nicht zuletzt gegen die mächtige Rolle des zwielichtigen Oligarchen Deljan Peewski in der Regierung, aber auch gegen den früheren Ministerpräsidenten Bojko Borissow. „Die Proteste in Bulgarien haben gezeigt, dass die Regierung kaum noch Spielraum hat, wenn die Gesellschaft und Brüssel eine kritische Einschätzung teilen.“

Anders als in Serbien, wo die seit mehr als einem Jahr währenden und weitaus größeren Proteste bisher folgenlos blieben, habe der Unmut in Bulgarien deshalb zum Rücktritt der Regierung geführt. Das hat auch mit den Umständen zu tun: Für Serbien gibt es in keinem Fall milliardenschwere Zahlungen der EU – und damit auch weniger europäische Druckmittel für Reformen. Eine Folge davon ist, dass Serbiens Niveau von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Medienfreiheit unter dem von Bulgarien liegt.

Anders als Serbien kann Bulgarien zudem auf EU-Investitionsförderprogramme zurückgreifen. Im Oktober 2025 unterzeichneten Sofia und der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall ein Abkommen zum Bau einer Munitionsfabrik in Bulgarien. Das Investitionsvolumen soll mehr als eine Milliarde Euro betragen.

Wachsende Kluft zwischen den Ländern auf dem Balkan

Bulgarien finanziert den eigenen Anteil an dem gemeinsamen Projekt zum Teil über einen Kredit des europäischen Programms „SAFE“ (Security Action for Europe). Dieses erst seit 2025 existierende Finanzierungsinstrument für die europäische Rüstungsindustrie hat ein Volumen von 150 Milliarden Euro in Form von zinsgünstigen, langfristigen Krediten.

Allein 400 Millionen Euro will die bulgarische Regierung für die Kooperation mit Rheinmetall in Anspruch nehmen. Insgesamt hat Bulgarien einen Kreditbedarf von mehr als drei Milliarden Euro für seine Rüstungsindustrie angemeldet.

Wichtiger als alle Förderprogramme ist für das Land jedoch die Zugehörigkeit zum europäischen Binnenmarkt mit seinen fast 450 Millionen Konsumenten. Das macht das Land für Investoren und die bulgarische Exportwirtschaft attraktiver. Solche Marktzugänge genießt Serbien nicht. Und obwohl es auch in Serbien wirtschaftlich aufwärtsging in den vergangenen Jahren, macht sich das bemerkbar.

Das in Serbien oft heute noch abschätzig belächelte Bulgarien hat seinen westlichen Nachbarn wirtschaftlich überflügelt. Rumänien, ein anderer östlicher Nachbarstaat, entwickelt sich noch schneller. Mit jedem Jahr, in dem Bulgarien und Rumänien der EU angehören, Serbien aber nicht, wächst der Abstand weiter.

Mit anderen Worten: Die EU wirkt – politisch und wirtschaftlich. Mit Blick auf den Brexit hatte Angela Merkel im Jahr 2016 gesagt: „Es muss und wird einen spürbaren Unterschied machen, ob ein Land Mitglied der EU sein möchte oder nicht.“ Auf dem Balkan zeigt die wachsende Kluft zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern der EU, dass es diesen Unterschied tatsächlich gibt.