Warum der deutsche Weinbau immer weiblicher wird

Die Krise trifft den Weinbau mit Wucht. Globale Überproduktion und Absatzschwäche treffen auf Nachwuchsmangel. So manches Traditionsweingut steht zum Verkauf. Die Hoffnung ist weiblich. Immer mehr – in Geisenheim bestens ausgebildete – Önologinnen übernehmen die von den Vätern aufgebauten Familienbetriebe und führen sie in die Zukunft. Ihr Optimismus ist so groß wie ihre Leidenschaft für guten Riesling und feinen Spätburgunder. Zu Besuch in drei Rheingauer Weingütern, um deren Entwicklung sich der Weinfreund nicht sorgen muss.

Weinkrise? Welche Weinkrise? Die Zuversicht von Julia Seyffardt, dass das Weingut Diefenhardt nach der Pandemie auch die gegenwärtige Phase eines Überangebots bei gedämpfter Konsumlaune gut überstehen wird, manifestiert sich in einem imposanten Neubau. Am Ortsrand von Martinsthal wurde neben einer bestehenden Außenbetriebshalle des Weinguts ein kleiner Weinberg gerodet, um Platz für eine neue Kellerei zu schaffen. Hier wurde schon der Weinjahrgang 2023 verarbeitet und eingelagert, aber erst in diesem Jahr soll die Innenausstattung des Baus vollendet und die Eröffnung gefeiert werden.

Dass Julia Seyffardt den Betrieb in fünfter Generation einmal übernehmen würde, zeichnete sich früh ab. Nur kurz liebäugelte sie auf dem Weg zum Abitur mit einer Karriere als Architektin. Doch das eigene Weingut an der alten Hauptstraße von Martinsthal schätzte sie schon in ihrer Jugend als geschützten Raum, der Geborgenheit und Sicherheit bot und das familiäre Umfeld. Zudem bewirtschaftete die Tante die beliebte Gutsschänke des Weinguts. „Ich hatte eine schöne Kindheit auf dem Weingut“, sagt Seyffardt.

Julia Seyffardt: „Wir machen gute Qualität für einen guten Preis“

Dass ihr Vater Peter Seyffardt, der seit vielen Jahren Rheingauer Weinbaupräsident ist, das Weingut auf wirtschaftlich stabile Füße gestellt hatte, bestärkte ihren Willen, die Familientradition fortzuführen. Im Jahr 1917 hatte mit Jakob Diefenhardt die erste Generation das Weingut vom damaligen Eigentümer Baron von Reichenau erworben.

Gute Qualität für einen guten Preis: Das will die Winzerin Julia Seyffardt bieten.
Gute Qualität für einen guten Preis: Das will die Winzerin Julia Seyffardt bieten.Samira Schulz

Seyffardt schnupperte bei den Hessischen Staatsweingütern und im südafrikanischen Weingut Louiesenhof Praxisluft, ehe sie in Geisenheim Weingut und Önologie studierte. Ein Semester in Burgund rundete die akademische Ausbildung ab, ehe sie in das Familienweingut eintrat. Große Meinungsverschiedenheiten zwischen den Generationen habe es nicht gegeben, sagt Seyffardt. Dass es die richtige Berufswahl war, steht für sie außer Zweifel: „Ich bin mehr der praktische Typ.“

Sie liebt die Vielfalt des Berufs, die Arbeit in der Natur, den Kontakt mit den Kunden und die unmittelbare Resonanz für das eigene Produkt. Dass ein Winzer alles in der eigenen Hand behält und steuert, von der Pflanzung der Reben über die Ernte bis zum Ausbau im Keller, dem Marketing und dem Vertrieb der Weine, hält die 36 Jahre alte Seyffardt für außergewöhnlich und attraktiv: Welcher Beruf biete das schon?

Ihr Ziel sind elegante, filigrane, trinkfreudige Weine

In den Betrieb wuchs sie langsam hinein. Ihr Vater ließ ihr schon früh große Freiheiten. Nach wenigen Jahren übernahm sie die Aufgabe der Kellermeisterin. Schon vor zehn Jahren nahm sie Vater Peter mit der Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts in die unternehmerische Verantwortung.

Den vom Vater gesteuerten Neubau der Kellerei sieht Seyffardt, die im Frühjahr ihr erstes Kind erwartet, als Zeichen der Stärke und des Aufbruchs. Der Anteil der Privatkunden am Absatz von gegenwärtig rund zwei Drittel soll durch die neue, ansprechende Vinothek, eine gelegentliche Straußwirtschaft und Veranstaltungen gestärkt werden. Am alten Standort in der Hauptstraße verbleibt nur die Schatzkammer des Weinguts und die – gerade erst neu verpachtete – Gutsschänke.

Seyffardt ist zuversichtlich, dass der Neubau ihr zwischenzeitlich als nachhaltig zertifiziertes Weingut noch flexibler und schlagkräftiger macht. Mit 18 Hektar sei der Weinbergsbesitz auskömmlich, doch zeigt sich Seyffardt offen für eine Erweiterung um drei bis vier Hektar. Dass die Lagen in Martinsthal, Rauenthal und Eltville vom Betrieb aus schnell zu erreichen sind, sieht Seyffardt logistisch als großen Vorteil.

Ihr Ziel sind elegante, filigrane, trinkfreudige Weine, die eine gute Balance auszeichnen: „Wir machen eine gute Qualität für einen guten Preis“, sagt die selbstbewusste Winzerin. Die Meinung der Kunden ist ihr dabei wichtiger als die der professionellen Weinkritiker. Denn was jene Experten in den Himmel loben, verkauft sich bisweilen unerwartet zäh. Kritikerpunkte hin, Sterne her.

Carolin Weiler: „Ich wollte den Weg gehen, egal wie steinig er wird“

Der Weg zur Winzerin verläuft für junge Frauen im Rheingau meist nicht so geradlinig wie für junge Männer. Doch auch Umwege führen ans Ziel. Als Carolin Weiler sich mit 16 für das Amt der Lorcher Weinkönigin begeisterte und ihren Eltern eröffnete, einmal in das mehr als 100 Jahre Weingut einsteigen zu wollen, erntete sie keine Begeisterung, sondern Warnungen. Sie solle „lieber was Anständiges“ lernen, wurde ihr beschieden. Weiler fügte sich, ließ sich zwei Jahre zur Sozialassistentin ausbilden und schloss die dreijährige Lehre zur Erzieherin an. Einige Jahre arbeitete sie in Kindertagesstätten, doch sei das nicht erfüllend gewesen, sagt sie. Und deshalb zog sie die Konsequenzen: Sie holte die allgemeine Hochschulreife nach, und 2018 begann sie das Studium der internationalen Weinwirtschaft in Geisenheim. Der Vater habe mit einer Art „Schockstarre“ reagiert, erinnert sich Weiler, und dann den Wunsch der Tochter akzeptiert, das arbeitsaufwendige Steillagenweingut zu führen. Weil es ihr nicht nur um Vertrieb und Marketing ging, sondern um das Handwerk selbst, wechselte sie nach kurzer Zeit in den Studiengang Weinbau und Önologie.

Carolin Weiler hat vor einem halben Jahr von Vater Richard das Weingut Weiler übernommen.
Carolin Weiler hat vor einem halben Jahr von Vater Richard das Weingut Weiler übernommen.Peter Jülich

Vermutlich hätte sie den Abschluss längst in der Tasche, wäre ihr nicht der Glücksfall eines dokumentarischen Filmprojekts dazwischengekommen. „Wein weiblich“ mit Weinkritiker Stuart Pigott begleitete über einen Zeitraum von zwei Jahren die Winzerinnen Theresa Breuer, Eva Vollmer, Silke Wolf – und Carolin Weiler. Heraus kam eine Dokumentation in Spielfilmlänge. Weiler schwärmt noch heute von der Resonanz auf den Film. Das kleine Weingut wurde in jener Phase zudem vom Weinführer Vinum als „Entdeckung des Jahres“ geehrt.

Beides gab dem Weingut einen bemerkenswerten Schub. In der sicheren Erwartung, dass Tochter Carolin den Betrieb in vierter Generation weiterführen wird, erweiterte Vater Richard den Steillagenbetrieb von drei auf 4,5 Hektar. Und er gab seiner Tochter immer größere Spielräume, auch wenn es ein langer Prozess gewesen sei, sich aufeinander einzustellen: hier der bodenständige Praktiker mit jahrzehntelanger Erfahrung, dort die dynamische und vor neuen Ideen sprühende Tochter. Im Sommer 2025 war dann die Betriebsübergabe der nächste logische Schritt.

Ein Schritt, dem laut Weiler „viele familieninterne Gespräche“ vorausgingen. „Ich wollte den Weg gehen, egal wie lange und steinig er wird“, sagt die heute 36 Jahre alte Winzerin. Am Tag nach der Betriebsübernahme habe sie sich erleichtert gefühlt, sei sich aber auch den Pflichten und Risiken bewusst geworden. Auf die Mithilfe ihres Vaters sei sie weiter angewiesen. Gerade erst hat Weiler ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Sie will das Weingut gut weiterführen, um es in 30 Jahren an die nächste Generation weiterzugeben.

Damit das gelingt, müssen die Zahlen stimmen. Nach der Betriebsübernahme hat sie die Weinpreise neu kalkuliert. Ihr geht es vor allem darum, den Kunden den Wert der von Schiefer und Quarzit durchsetzten Steillagen nahezubringen. Der Arbeitsaufwand dort liegt um ein Vielfaches höher als in den maschinell bequem zu bewirtschaftenden Flachlagen. Rund 4,5 Hektar bedeuten in solchen Lagen viel Arbeit, doch kann sich Weiler ein organisches, langsames Wachstum auf bis zu zehn Hektar durchaus vorstellen. Sie will langlebige Weine erzeugen, die ihre Herkunft aus den kargen Mittelrheinböden widerspiegeln. Im europäischen Ausland gibt es inzwischen schon einige Importeure, die diesen Wein  zu schätzen wissen.

Wäre alles nicht viel einfacher, wenn sie in Walluf statt in Lorch wirtschaften würde? Vielleicht, aber die Lorcherin steht zu ihrer Heimat und sieht eher deren Charme und landschaftlichen Reize denn die Nachteile durch die größere Entfernung zu den großen Städten. Lorch sei ein Rohdiamant, der noch zu wenig bekannt sei. Mit ihren Weinen will sie beitragen, das zu ändern. Bange ist ihr vor dem Weg, der vor ihr liegt, aber nicht: „Ich schaffe das.“

Katharina Flick: „Die Weinkrise wird nicht von Dauer sein“

Wer schon als Kind von morgens bis abends im Weinberg herumtollt, mit einer niedlichen Kinderbütt während der Lese die Trauben einsammelt und nach der Schule alle Produktionsschritte im elterlichen Weingut fasziniert verfolgt, dem ist der Winzerberuf wohl in die Wiege gelegt worden. Und wer Katharina Flick zuhört, wenn sie von der Arbeit in Weinberg und Keller spricht, der hört mehr von Berufung denn von Beruf.

Katharina Flick wird im Sommer Miteigentümerin des Familienweinguts Flick in Flörsheim-Wicker.
Katharina Flick wird im Sommer Miteigentümerin des Familienweinguts Flick in Flörsheim-Wicker.Samira Schulz

Dass für sie bei der Berufswahl „nur was Handwerkliches“ infrage kam, stand für Flick außer Frage. Wäre sie nicht im elterlichen Weingut in der Wickerer Straßenmühle aufgewachsen, hätte vielleicht eine Floristin aus ihr werden können. Doch das Zuhause war ein faszinierendes Weingut. Flick verfolgte ihre Ausbildung zur Winzerin mit Hartnäckigkeit. Ein Praktikum im Hochheimer Weingut Künstler bestätigte sie, eine Winzerlehre in drei renommierten deutschen Weingütern in der Pfalz, in Rheinhessen und im Rheingau zu beginnen. Ihren Wissensdrang stillte das aber nicht: „Ich wollte mehr.“ Sie holte ihr Fachabitur nach und begann das Studium von Weinbau und Önologie in Geisenheim.

Kaum hatte sie den Bachelor in der Tasche, war ihre Fachkenntnis zuhause als Kellermeisterin gefragt, um eine unerwartete Vakanz auszufüllen und den Jahrgang 2023 zu ernten. Gewissermaßen als Feuerwehrfrau im Weinkeller vinifizierte sie ihren ersten Jahrgang. Für eine kurze, aber spannende Zeit mit vielen Einblicken arbeitete sie in der Zentrale der Prädikatsweingüter in Mainz, ehe sie ganz in das Familienweingut eintrat.

Noch ist sie angestellte Kellermeisterin, aber im Sommer 2026 bindet sie Vater Reiner Flick mit der Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts in die unternehmerische Verantwortung ein. „Ich werde davon wohl gar nicht merken“, sagt Katharina Flick, weil sie schon heute gut mit ihrem Vater harmoniere und immer mehr Aufgaben übernommen habe. Der Weinkeller ist ihre Domäne, auch wenn im Weingut ihre Aufgaben vielfältig sind. Im Familienbetrieb muss jeder dort anpacken, wo gerade Not ist.

„Ich bin manchmal entspannter als mein Vater im Weinkeller“

Es wird auch keinen Bruch bei der Weinstilistik von Flick geben, mit der sich die Winzerin „voll identifiziert“. Das Weingut, dessen Historie bis in die Mittel des 17. Jahrhunderts zurückreicht, ist für seine klaren, saftigen, finessenreichen und eleganten Weine bekannt. Die Weinführer geben dafür regelmäßig gute Noten. Unterschiede zwischen Vater und Tochter gibt es eher in der Herangehensweise als im Grundsätzlichen: „Ich bin manchmal entspannter als mein Vater im Weinkeller“, sagt Katharina Flick, die auch dann nicht ungeduldig wird, wenn ein Wein mal wieder länger gärt. In jedem Fall müsse die Qualität des Weins für sich sprechen.

Vor der gegenwärtigen Lage im Weinbau habe sie „großen Respekt“, gibt sie zu. Bange ist ihr aber nicht. Denn sie sieht das Weingut Flick als Marke gut aufgestellt für Herausforderungen wie diese. Das Weingut sei schon immer  innovativ gewesen und investiere viel in die Kundenbindung. Flick erwartet nicht, dass die Weinkrise von Dauer sein wird. Und jene Weingüter, die sie überstehen, werden noch stärker daraus hervorkommen.

Heute bewirtschaftet das Weingut rund 25 Hektar Rebfläche. Gerade wird eine neue Halle gebaut. Die Zahl der Veranstaltungen auf dem Hof ist groß. Das Weingut verkauft neben Riesling und Spätburgunder viele Erlebnisse für die Kunden. Selbst am Weihnachtstag war das Weingut geöffnet und kredenzte Austern und Sekt. Das stärkt die Nähe zum Endverbraucher, die im regionalen Einzelhandel gern zu Flick-Wein greifen.

Das Weingut spielt zudem seinen Standortvorteil aus: Warum soll ein Frankfurter bis nach Lorch fahren, wenn er in Flörsheim-Wicker sehr gute Weine kaufen kann? Reiner Flick ist glücklich über das Engagement seiner Tochter. Zwar gebe es hin und wieder auch Meinungsverschiedenheiten, doch „wir tragen uns nichts nach“. Am Ende sichere Einigkeit den Erfolg: „Zwischen uns darf kein Blatt Papier passen.“