Warum ältere Buckelwale bei den Weibchen erfolgreicher sind – Wissen

Der Buckelwal-Gesang gleicht einer Symphonie. Er kann bis zu 20 Minuten dauern und ist eine komplexe Abfolge von Tönen, Phrasen und Themen, die sich über Hunderte Kilometer durch den Ozean zieht. Doch nicht jeder Bulle beherrscht diese Kunst gleich gut. Wie bei menschlichen Musikern braucht es Jahre der Übung, bis aus simplen Lauten meisterhafte Gesänge werden. Und genau die Kunst des Gesanges könnte darüber entscheiden, wer Nachwuchs zeugt und wer nicht. Wegen der geschwundenen Populationen bekamen Wal-Damen lange Zeit fast nur noch die stümperhaften Gesänge von Jungbullen geboten – inzwischen aber mischen einer Studie zufolge, die kürzlich im Fachmagazin Current Biology erschienen ist, immer mehr ältere Kerle mit großem Erfolg die Szene auf.

Bis in die 1960er-Jahre wurden Buckelwale kommerziell gejagt und regional fast ausgerottet. Die Bestände der Südhalbkugel seien auf nur ein Prozent ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft, erläutern die Forschenden um die Biologin Franca Eichenberger von der Universität St. Andrews. Mittlerweile haben sich mehrere Populationen deutlich erholt und es gibt sie zunehmend wieder, die alten, erfahrenen Männchen. Buckelwale haben laut Studie eine Lebenserwartung von bis zu 90 Jahren, allerdings ist die Altersbestimmung schwierig.

Die Sangeskunst der Giganten ist legendär: Die langen Lieder der Bullen zählen zu den komplexesten Gesängen im Tierreich überhaupt. Sie sind nicht angeboren, sondern erlernt. Die Wale singen vor allem während der Fortpflanzungszeit, um Weibchen von sich zu überzeugen und die Konkurrenz zu verunsichern.

Lange gab es für die unerfahrenen Walsänger wenig Konkurrenz

Das Forschunsteam schaute sich nun eine Buckelwal-Population in Neukaledonien im Südpazifik näher an. Insgesamt wurden 485 Bullen einbezogen. Das Durchschnittsalter im letzten Jahr der Datenerhebung betrug 21 Jahre. Zu erwarten sei, dass es in den kommenden Jahren weiter steige.

In den ersten Jahren nach Ende des Walfangs dominierten demnach in der frisch anwachsenden Population junge Männchen. Im Laufe der Zeit verschob sich die Altersstruktur hin zu einer gleichmäßigeren Altersverteilung zwischen älteren und jüngeren Bullen. Das hatte Folgen für den anfangs ganz ansehnlichen Paarungserfolg von Jungspunden: Die Analyse von rund zwei Jahrzehnten Vaterschaftsdaten zeigte, dass gestandene Kerle mit viel Lebenserfahrung und Sangeskunst wesentlich erfolgreicher bei der Zeugung von Wal-Babys sind. Der Wandel ist drastisch: Während zwischen 2000 und 2008 kein einziger Bulle älter als 23 Jahren als Vater nachgewiesen wurde, dominierten ab 2009 die Älteren.

Die Nachwuchs zeugenden Männchen hatten im Mittel ein größeres Repertoire und längere Gesänge als die erfolglos gebliebenen. Womöglich böten die Song-Eigenschaften ähnlich wie bei Singvögeln Hinweise auf die Qualität des Männchens, also seine Kondition, Erfahrung und genetische Fitness, erläutern die Forschenden. In der wachsenden Population, zu der immer mehr ältere, erfahrene Bullen mit ausgefeilten Gesängen zählen, könnten es sich Weibchen vermutlich wieder erlauben, wählerisch zu sein. Auch für andere Tierarten ist typisch, dass ältere Männchen die jüngeren übertrumpfen.

„Erst jetzt, da sich die Walpopulationen erholen und neue Analysewerkzeuge zur Verfügung stehen, beginnen wir zu verstehen, wie weitreichend die Folgen des Walfangs tatsächlich sind“, sagte Eichenberger. „Die Auswirkungen gehen über die Populationsgröße hinaus – sie prägen das Verhalten, den Wettbewerb und die Fortpflanzung.“ Die Forschenden sehen darin sogar einen evolutionären Vorteil: Die Beteiligung vieler junger Väter könnte die genetische Vielfalt in der kritischen Erholungsphase bewahrt haben. Buckelwale hätten in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Comeback erlebt. „Jetzt ist es an der Zeit, dass wir viel mehr über ihr Verhalten und ihre Lebensgeschichte lernen.“

Auch bei Walen gibt es Hits

Bei den jungen Buckelwalen könnte es nach dem Jagdstopp vor rund 50 Jahren zunächst wenig Konkurrenz und damit wenig Selektion auf die besten Merkmale gegeben haben, vermuten die Forschenden. Erst mit zunehmender Populationsdichte und mehr altersabhängiger Konkurrenz spiele das wieder stärker eine Rolle.

Studien haben gezeigt, dass in den Buckelwal-Liedern einzelne Laute in Phrasen genannten Abfolgen angeordnet sind. Diese werden mehrfach wiederholt und bilden ein sogenanntes Thema. Die Themen wiederum werden in einer einheitlichen Reihenfolge ohne Wiederholung gesungen.

Klar wurde zudem, dass es bei den Meeresriesen so etwas wie Sommerhits gibt: Es seien immer neue Songs gefragt, der aktuellste Hit werde jeweils sehr schnell und präzise von Artgenossen übernommen, berichtete ein Forschungsteam 2022 im Fachmagazin Scientific Reports. Von Buckelwalen des Südpazifiks ausgehend verbreiten sich demnach immer neue Unterwasser-Hits um die Welt.

Buckelwale (Megaptera novaeangliae) sind in allen polaren bis tropischen Meeren verbreitet. Sie halten sich vorwiegend auf dem offenen Meer auf, sind aber vor allem in den Fortpflanzungsgebieten auch in Küstennähe anzutreffen. Mehr als zehn Meter Länge und 30 Tonnen Gewicht sind möglich. Kennzeichnend sind die langen, Flipper genannten Brustflossen, die ein Drittel der Körperlänge erreichen.

Die Tiere gelten nicht nur als Sangeskünstler, sondern auch als die Akrobaten unter den Großwalarten: Sie zeigen spektakuläre Sprünge und schlagen oft mit Brust- und Schwanzflossen auf die Meeresoberfläche. Bekannt sind Buckelwale zudem für ihre erstaunlichen Fangtechniken. Zum Beispiel lassen sie gezielt Atemluft in Blasen hochperlen, wenn sie einen Schwarm Fische oder Krill ausgemacht haben und diesen umkreisen. Die Beute durchschwimmt diesen Blasenvorhang nicht – und wird von den mit weit geöffnetem Maul von unten nahenden Walen verschlungen.