

Keine drei Wochen vor den Präsidenten- und Parlamentswahlen an diesem Sonntag in Costa Rica stehen zwei Männer vor einer Baustelle in Alajuela, einem Vorort der Hauptstadt San José: Präsident Rodrigo Chaves und sein Gast, El Salvadors Präsident Nayib Bukele.
Gemeinsam legen sie den Grundstein für das „Centro de Alta Contención del Crimen Organizado“ (Cacco), ein neues Hochsicherheitsgefängnis. Es ist eine verkleinerte Kopie des berüchtigten „Cecot“-Megagefängnisses in El Salvador. Für rund 35 Millionen Dollar entsteht ein Komplex für mehr als 5000 Schwerkriminelle.
Dass Bukele persönlich den Spaten schwingt, markiert einen Wendepunkt. In dem Land, das 1948 sein Militär abschaffte und sich lange als friedlicher Hafen Zentralamerikas verstand, wächst die Sehnsucht nach einer Politik der harten Hand, wie in El Salvador, wo Bukele einen gnadenlosen Kampf gegen die Banden führt und sich großer Beliebtheit erfreut.
Haupttreiber ist der Rauschgifthandel
Der Gefängnisbau ist Ausdruck einer schleichenden Erosion der Sicherheit in Costa Rica. Zwar gilt das Land regional weiterhin als vergleichsweise sicher, doch seine Sonderstellung als „sicherer Hafen“ Zentralamerikas ist verloren.
In den vergangenen Jahren war ein deutlicher Anstieg der Mordrate zu verzeichnen. 2023 erreichte sie mit über 900 Tötungsdelikten einen historischen Höchststand von fast 18 Mordfällen pro 100.000 Einwohner. Im vergangenen Jahr wurden 873 Morde registriert. Besonders betroffen ist die Hafenstadt Limón an der Karibikküste, wo Revierkämpfe rivalisierender Gruppen die Gewalt weit über den Landesdurchschnitt treiben.
Haupttreiber ist der Rauschgifthandel. Aus dem früher unbedeutenden Transitland für Kokain aus Kolumbien ist ein zunehmend wichtiger Knotenpunkt für Lieferungen nach Europa und Nordamerika geworden, wie der Thinktank „Insight Crime“ festhält. Parallel stiegen die Sicherstellungen: 2024 beschlagnahmten die Behörden rund 27 Tonnen Kokain, im Jahr zuvor etwas mehr als 21 Tonnen.
Die Gewalt trifft Unbeteiligte
Mit der wachsenden Bedeutung Costa Ricas in der regionalen Drogenlogistik suchen Kartelle aus Mexiko und Kolumbien verstärkt Allianzen mit lokalen Gruppen – eine Entwicklung, die an Ecuador erinnert. Mit dem „Südkaribischen Kartell“ identifizierten die Behörden jüngst erstmals eine als transnational eingestufte Organisation.
Innerhalb weniger Jahre entwickelte sie sich von einer Straßengang zu einer Struktur mit direkten Kontakten nach Kolumbien, korrumpierten Beamten und einem Netzwerk von Auftragskillern. Bei einer Großrazzia im November wurden fast 30 Verdächtige festgenommen sowie Drogen, automatische Waffen, Immobilien und Dutzende Fahrzeuge sichergestellt. Mehrere der Festgenommenen standen auf US-Fahndungslisten.
Die Gewalt trifft zunehmend auch Unbeteiligte. 2023 wurde ein achtjähriger Junge in San José im Schlaf von einer verirrten Kugel getötet. In der Bevölkerung wächst die Angst. In einer Umfrage der Universität von Costa Rica nannten Ende November mehr als 42 Prozent der Befragten Kriminalität als größte Sorge – noch vor Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Lage.
Rückendeckung von Bukele
Entsprechend dominiert das Thema den Wahlkampf. Davon profitiert vor allem Laura Fernández, Kandidatin der rechten „Souveränen Volkspartei“ (PPSO) und politische Verbündete von Präsident Chaves. Die frühere Wirtschaftsministerin führt die Umfragen deutlich an und könnte bereits im ersten Wahlgang gewinnen. Sie kündigt die Fortsetzung des sicherheitspolitischen Kurses an, der zuletzt durch härtere Gesetze geprägt war.
Auftragsmord wurde mit bis zu 40 Jahren Haft bestraft, und eine Verfassungsreform erlaubt erstmals die Auslieferung costa-ricanischer Staatsbürger wegen Rauschgiftdelikten. Rückendeckung erhielt Fernández auch von Bukele, der bei seinem Besuch erklärte, Costa Rica sehe unter dem aktuellen Kurs „besseren Tagen“ entgegen, was bei Gegnern auf scharfe Kritik stieß.
Nach Einschätzung von „Insight Crime“ wäre der Aufstieg des organisierten Verbrechens ohne korrupte Beamte kaum möglich gewesen. Der gravierendste Fall ist Celso Gamboa Sánchez, ehemaliger Sicherheitsminister und Richter am Obersten Gerichtshof. Er wurde im Juni auf Antrag der USA festgenommen. Die US-Drogenbehörde DEA wirft ihm vor, Kokainlieferungen aus Kolumbien koordiniert zu haben.
Auch Chaves selbst steht unter Druck. Die Justiz versuchte erfolglos, seine Immunität wegen Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit Geld der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftsintegration (BCIE) aufheben zu lassen. Weitere Fälle von Geldwäsche, Betrug und Unterschlagung werfen die Frage auf, welchen Anteil Korruption an der sicherheitspolitischen Erosion der vergangenen Jahre hat.
