

Ein Kinokritiker berichtet der F.A.Z., er habe das Foto seiner verstorbenen Eltern an sein Bett gestellt. „Im Notfall wollte ich sie noch einmal sehen“, sagt er am Telefon. Zudem habe er sich mit Kerzen, Konserven und Mineralwasser eingedeckt, für den Fall, dass die Amerikaner, wie von Trump angedroht, das Stromnetz und damit auch die Wasserversorgung lahmlegen würden. „Während des Krieges hatte ich keine Angst, aber letzte Nacht hatte ich zum ersten Mal Angst“, sagt der Mann.
Eine Künstlerin schreibt über den Messenger Telegram, ihre Freunde hätten sich am Abend gegenseitig angerufen, um sich voneinander zu verabschieden. Sie sieht die Waffenruhe mit gemischten Gefühlen. Als sie nach dem Aufwachen die Nachricht gelesen habe, sei sie „geschockt“ gewesen. Das erklärt sie so: „Ich war geschockt, dass all das nirgendwo hingeführt hat, dass die Islamische Republik noch immer da ist, lebendiger denn je. Ich fühlte mich furchtbar und ging erst mal eine rauchen.“
Manche befürchteten einen Atombombenabwurf
Noch am Abend habe sie sich auf dem Weg zu ihrem Freund gefreut, als sie gesehen habe, dass die Zahl der Regimeanhänger, die Nacht für Nacht auf dem Revolutionsplatz Stärke demonstrieren, auf etwa 200 geschrumpft sei. „Es war lustig, zu sehen, wie wenig sie waren.“ Sie habe sich der leisen Hoffnung hingegeben, dass sie aufwachen könnte und das Regime verschwunden sei.
Nun hat sie Gewissheit, dass es dazu vorerst nicht kommen wird. Ihr Freund ist sich nicht sicher, ob Bomben schlimmer seien als das Überleben des Regimes. „Ich weiß jetzt nicht, ob ich froh sein soll, dass ich noch lebe, oder traurig, dass die Islamische Republik es wieder einmal geschafft hat zu überleben – zumindest für zwei Wochen. Ich habe Angst.“
Ein Fotograf sagt, er habe angesichts der Endzeitrhetorik Trumps sogar befürchtet, dass Amerika eine Atombombe einsetzen könnte, obwohl dies vom Weißen Haus auf Nachfrage eines Journalisten ausgeschlossen worden war. Damit war er in Teheran längst nicht der Einzige. Er habe in der Nacht die alten Briefe seiner Freundin verbrannt, sagt der Fotograf. „Wenn ich nicht mehr lebe, wäre es besser, wenn auch sie vernichtet würden.“ Mehri, eine Schneiderin aus Teheran, stellte sich vor, dass Iran durch die angedrohte Zerstörung ziviler Infrastruktur wie eines jener Länder werden könnte, die man aus dem Fernsehen kennt, „wo die Menschen dem Rotkreuzwagen hinterherrennen, weil sie Hunger haben.“
Tränen der Erleichterung
Umso größer war bei vielen Iranern die Erleichterung, als das Staatsfernsehen am frühen Mittwochmorgen den Waffenstillstand verkündete. „Noch nie in meinem Leben war ich so erleichtert über eine Nachricht im Fernsehen“, sagt Mahin, eine Hausfrau aus Teheran. Das Staatsfernsehen zeigte noch in der Nacht Versammlungen von Regimeanhängern, die die Waffenruhe als Sieg Irans feierten.
Ein Bewohner der Insel Kisch schreibt per Telegram, wegen der Insellage habe es dort besonders große Sorgen gegeben, dass die Versorgung mit Lebensmitteln unmittelbar zusammenbrechen könnte. „Meine Frau und ich haben unsere Handys und Laptops aufgeladen und einen Notfallrucksack gepackt.“ Dann hätten sie ein Picknick am Strand gemacht. „Wir dachten, vielleicht werden wir solche Nächte nie wieder erleben können.“ Er habe zudem seine Mutter und Geschwister angerufen, um ihnen die Angst zu nehmen und sie aufzuheitern. „Als ich dann am Morgen die Nachricht über den Waffenstillstand las, sind mir die Tränen gekommen. Wirklich, ich habe vor Erleichterung geweint.“
