VR-Testfahrt DAF XD 350 Electric: Niederländer unter Strom

Auch bei DAF hat das Zeitalter der batterieelektrischen Lastwagen mittlerweile begonnen. Ein Beweis dafür ist dieser dreiachsige XD 350 Electric mit ebenfalls elektrisch betriebenen Hakenliftaufbau von Hiab. Rein optisch macht der Strom-Niederländer auf Understatement, wären da nicht die großen „Electric“-Schriftzüge überall am Lkw verteilt, fiele kaum ein Unterschied zu den Diesel-Modellen des Herstellers auf. Auch innen findet sich jeder sofort zurecht, erst recht, wenn er schon mal einen DAF gelenkt hat. Denn bis auf einige e-spezifische Bedienelemente und Anzeigen entstammt auch der Arbeitsplatz aus dem Diesel-Modell.

Für manche Dinge empfiehlt sich dann doch der Blick in die Bedienungsanleitung, etwa das „One-Pedal-Drive“. Aktiviert der Fahrer die Funktion, kann er mit dem „Gaspedal“ allein fahren – Beschleunigen, Geschwindigkeit halten, rollen sowie verzögern. Es dauert etwas, bis man sich daran gewöhnt hat, aber dann vereinfacht die Systematik das Fahren ungemein.

Mit 350 kW ist der Solo-Dreiachser üppig motorisiert, auch weil, wie beim Elektro-Motor üblich, das Drehmoment ab Stillstand zur Verfügung steht. Von den Schaltvorgängen des dreistufigen Planetenradgetriebes merkt der Fahrer so gut wie nichts. Die Kraftübertragung zwischen Getriebe und Antriebsrädern löst DAF bis auf Weiteres „old-fashioned“ per Kardanwelle. An einer modernen E-Achse arbeitet man in Eindhoven nach eigener Aussage aber mit Hochdruck.

Die nötige Energie liefern beim Test-Lkw vier LFP-Akku-Packs: zwei links, eines rechts am Rahmen sowie eines unter der Kabine. Ergibt eine Kapazität von 420 kWh. Nach einer ausgiebigen Testfahrt über Landstraße, Autobahn sowie eine abschließende Stadtfahrt pendelte der Verbrauch bei 0,7 bis 1,0 kWh pro 100 km. Im Mittel reicht die Energie nach unserer Kalkulation für den XD 350 Electro für rund 365 Kilometer.

In der gezeigten Konfiguration wiegt der XD FAN 6×2 inklusive Hakenlift 14.355 Kilo. Davon ausgehend, dass er durch die Gewichtskompensation seines elektrischen Antriebes insgesamt 27 Tonnen auf die Waage bringen darf, errechnet sich fahrfertig eine Nutzlast von rund 12,65 Tonnen. Dabei ist der gewichtsoptimierte HIAB-Hakenlift dann schon berücksichtigt.

Noch ein Wort zu den Akkus bzw. zum Laden: Kalkulierend, dass unser Test-Lkw über die optionale 325-kW-DC-Ladefunktion verfügt, dauert es bei 20 Prozent Akkustand rund eine Stunde, bis die Batterie voll geladen ist. Erfahrungsgemäß ist es besser, den Akku auf rund zehn Prozent zu leeren und dann bis maximal 90 Prozent zu laden, weil das deutliche Zeitvorteile beim Laden bringt – ohne Nachteile bei der Reichweite. Auch sei daran erinnert, dass ein großer Akku schneller lädt. Da sei die Analogie gestattet, dass man mit einem Feuerwehrschlauch leichter eine Badewanne als einen Eimer trifft …

Übrigens gibt es auch noch die Option einer 22-kW-AC-Ladung. Damit dauert es aber dann auch über 12 Stunden von 20 auf 80 Prozent SOC (State of Charge). Aus unserer Sicht keine für einen Lkw befriedigende Lösung.

Die absolut richtige Lösung in Anbetracht des Einsatzspektrums ist dagegen die Wahl des XD-Fahrerhauses. Für Tagestouren genügt der zur Verfügung stehende Platz völlig und der niedrige, bequeme Einstieg dürfte im Abrollgeschäft mehr zählen als Raumgefühl.