Vorbild Taiwan: Gutes Essen für Senioren

Frau Chen zeigt mir geschmorten Tofu, Süßkartoffeln, Erdnüsse und Sardellen. Dann gibt sie mir einen ganzen eingeschweißten Makrelenhecht. „Da kannst du alles mitessen, selbst die Gräten“, sagt sie. „Der wurde mit dem ,Eatender-Symbol ausgezeichnet, weil Senioren das so gut essen können.“

Ich besuche die Kaohsiung Food Show im Süden Taiwans, eine Messe, auf der unter anderem Fertigprodukte und neue Food Trends vorgestellt werden. Frau Chen ist Geschäftsführerin von D. E. Chung Hua Foods, ein Familienunternehmen, das sich auf in Soßen geschmorte Fertiggerichte und Snacks spezialisiert hat. Schon vor dem Makrelenhecht ist mir die Begeisterung vieler älterer Besucher auf der Messe aufgefallen. Sie nehmen nicht nur mikrowellentauglichen Tintenfischbällchen, gefriergetrocknete Drachenfrucht oder sprudelnden Oolong-Tee unter die Lupe, sondern verfolgen mit (buchstäblich) schreiendem Enthusiasmus auch die Livekochsegmente von Starköchen auf der Bühne.

Wie verschönert man Senioren das Leben? In Taiwan heißt die Antwort: Mit gutem Essen. Lebensqualität ist dort eng mit Essen verbunden. Ich kenne kaum ein Land, in dem Menschen so starke Meinungen zu Essen haben wie Taiwan. Hier sitzen auch Millionäre auf Plastikhockern am Straßenrand, um den Entenreis vom kleinen Imbiss zu probieren, über den alle reden. Egal wen man fragt, jeder hat eine Meinung, welches Lokal sich lohnt und wo man als Ausländer mit schlechter Qualität und hohen Preisen über den Tisch gezogen wird. Nun hat sich eine Initiative zum Ziel gesetzt, auch die Ältesten der Gesellschaft auf ihre kulinarischen Kosten kommen zu lassen.

Die Autonomie der Senioren fördern

Die besondere Fürsorge für Ältere kommt in Taiwan nicht von ungefähr. Im Konfuzianismus, einem prägenden Element der Landeskultur, spielt die sogenannte kindliche Pietät eine große Rolle. Sie beschreibt die Verpflichtung jüngerer Generationen, sich um Eltern, Großeltern und die Seelen der Ahnen zu kümmern. In Taiwan gibt es viele alteingesessene Familienunternehmen, deren Oberhäupter selbst in hohem Alter keine Kontrolle abgeben möchten, und Senioren, die eigenständig ihr Leben weiterführen möchten.

Taiwans alternde Gesellschaft ist mittlerweile oft auf Pflegekräfte aus dem Ausland angewiesen, weil jüngere Generationen, wie in Deutschland, sich eher auf besser bezahlte und weniger anstrengende Jobs bewerben. Umso wichtiger ist es für die Lebensmittelindustrie, die Autonomie der aktiven Senioren zu fördern.

Viele Taiwaner essen auf Nachtmärkten – auch weil sie in den Großstädten häufig nur eine kleine Küche haben.
Viele Taiwaner essen auf Nachtmärkten – auch weil sie in den Großstädten häufig nur eine kleine Küche haben.AP

„Eatender“, das Symbol auf dem Makrelenhecht von Frau Chen, ist ein Gütesiegel, das besonders seniorenfreundliches Essen auszeichnet. Ins Leben gerufen wurde es von einer Vereinigung für Lebensmittelproduzenten. Es kennzeichnet Produkte, die besonders leicht zuzubereiten sind (Tüte auf, im Topf oder der Mikrowelle erwärmen), einfach zu kauen oder sogar ohne Kauen schluckbar sind. Ich entdecke auf der Messe viele alltägliche Produkte mit dem Symbol, etwa vorgeschnittenes Gemüse, wie man es in Deutschland findet, aber auch typisch taiwanische: Ein Shiitake-Quinoa-Tarowurzel Congee aus der Tüte und sogenannte Seebarsch-Essenz, eine Art konzentrierte Fischbrühe in flüssiger Geleeform.

Kein salz- und gewürzarmes Essen

Nur: Was unterscheidet diese breiartigen, leicht schluckbaren Fertiggerichte von Babynahrung? Ich frage Nick Wu, den Vizepräsident des Herstellers der Seebarsch-Essenz, Tian Shi Fu Fishery. Das Unternehmen produziert auch andere Fischsuppen und Eintöpfe mit dem Eatender-Siegel. „Geschmack ist der Hauptunterschied“, sagte Wu. „Babys dürfen nur salz- und gewürzarmes Essen zu sich nehmen, doch Senioren möchten genau darauf nicht verzichten. Wir versuchen, mit unseren Suppen und Eintöpfen so nah wie möglich an den gewohnten Geschmack heranzukommen.“

Die Eatender-Produkte sind aus Sicht der Unternehmen erfolgreich – aber nur als Omas Lieblingsmarke abgestempelt werden wollen die Firmen auch nicht. Innovation ist bei Lebensmitteln ein wichtiger Werbefaktor. Wer sich nur auf den Seniorenmarkt konzentriert, riskiert, von modernen Firmen abgehängt zu werden.

Frau Chen setzt daher auf Youtuber und Influencer, um ihre Snacks einem jungen Publikum zu unterbreiten – auch für sie sind Fertiggerichte attraktiv. Ein nicht unerheblicher Teil der Stadtbewohner Taiwans hat nur eine kleine Küche zu Hause und ist auf die zahlreichen Nachtmärkte angewiesen.

Tian Shi Fu Fishery versucht es eher mit neuartigen Produkten. „Wir versuchen so viel vom Fisch zu verwenden wie möglich“, sagt Wu. „Deshalb setzen wir auf das Fischkollagen, was immer beliebter wird.“ Das wird zu Shampoos und Cremes verarbeitet, aber auch, zu meinem Erstaunen, in Eiscremesorten mit Matcha und Schokoladengeschmack verarbeitet. Geschmacklich kann es aus meiner Sicht schwer mit klassischen Eiscremes mithalten – aber vielleicht sind Menschen, die Fischkollagen in ihrem Eis bevorzugen, ohnehin so gesundheitsbewusst, dass sie die geringe Süße dieser Sorten begrüßen.