Von der Straße lernen: Mulo Francel über 30 Jahre Quadro Nuevo

Nach 4000 Auftritten – inklusive oft spontanen Straßenkonzerten – feiert Quadro Nuevo sein 30-jähriges Bühnenjubiläum in München mit einem besonderen Konzertprogramm. Denn die Musiker sammeln Eindrücke auf verschiedenen Kontinenten, spielen mit Musikern vor Ort und bringen dann die Welt musikalisch nach Europa mit. An Aschermittwoch, dem 18. Februar, spielen sie in der Isarphilharmonie.

AZ: Herr Francel, Sie reisen von Südamerika bis nach Ägypten, nach Indien oder in den Iran. Oder Sie haben ein altes Segelschiff gechartert und sind mit Quadro Nuevo und befreundeten Musikern auf Odysseus’ Spuren gegangen. Gibt es kulturelle Grenzen bei der musikalischen Begegnung?
MULO FRANCEL: Menschlich gibt es keine. Aber musikalisch. Ich habe zum Beispiel gerade ein Video gepostet, auf dem ich im Iran mit einem Musiker spiele. Er mit einer Sornay, einer Art Schalmei mit Doppelrohrblatt. Die spielt man zu Feiern oder zeremoniellen Anlässen wie Hochzeiten oder Beerdigungen. Ich spielte mit dem Saxophon. Das war auch witzig, aber für die Sornay haben sich Tonleitern und Melodien entwickelt, die eine völlig andere Tonalität haben. Und da wird es dann schwierig, wirklich mit unseren europäischen Instrumenten zusammenzukommen und etwas Schönes zu kreieren.

Quadro Nuevo an der Sonnenpyramide von Teotihuacán in Mexiko: Robert Wolf (links), Mulo Francel, Andreas Hinterseher und D.D. Lowka.
Quadro Nuevo an der Sonnenpyramide von Teotihuacán in Mexiko: Robert Wolf (links), Mulo Francel, Andreas Hinterseher und D.D. Lowka.
© QN
Quadro Nuevo an der Sonnenpyramide von Teotihuacán in Mexiko: Robert Wolf (links), Mulo Francel, Andreas Hinterseher und D.D. Lowka.

von QN

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Sie sind – zusammen mit dem Bassisten D.D. Lowka – seit dreißig Jahren bei Quadro Nuevo.
Die anderen zwei Gründungsmitglieder – unser Gitarrist Robert Wolf und der Akkordeonist Heinz-Ludger Jeromin – sind traurigerweise verstorben.

Sind Sie damit nicht zwangsläufig der prägende Kopf der Gruppe?
Das zu sagen, widerstrebt mir und würde uns auch nicht gerecht. Unsere Identität ist genau die Gleichberechtigung. Aber man muss sich als Gruppe über die musikalische Schwingung hinaus auch weltanschaulich, politisch verstehen, weil Musik einen philosophischen Überbau hat. Jeder komponiert bei uns auch. Da helfen beim Zusammenspiel die gleichen Ideen.

Die wären?
Zum Beispiel, was wollen wir: mehr Ruhm, mehr Geld, mehr Freizeit oder mehr den Frauen imponieren? Natürlich sind Musiker immer auch ein bisschen narzisstisch, aber bei Quadro Nuevo muss sich jeder einfügen und Schwächen vom anderen tolerieren. Stärken sind ja eh da.

Was sind Ihre Stärken?
Da müsste man die anderen Fragen, aber vielleicht: Konzepte schaffen, Bilder im Kopf haben. Ich sag’ dann: Lasst uns was mit einer ägyptischen Band machen, aber dazu müssen wir halt wirklich hin und auch Hotels und Kairo mal verlassen – rausgehen! Und dort spielen wir mit denen dann auch zusammen auf der Straße. Wichtig ist, dass man sich in eine Situation begibt, die echt ist. Und das können wir dann auch nach Hause tragen.

„Tango, Valse Musette, Flamenco, entstaubte Filmmusik und ein fast schon verklungenes Italien“: Quadro Nuevo im Gründungsjahr mit Heinz-Ludger Jeromin (links), Mulo Francel, Robert Wolf und D.D. Lowka.
„Tango, Valse Musette, Flamenco, entstaubte Filmmusik und ein fast schon verklungenes Italien“: Quadro Nuevo im Gründungsjahr mit Heinz-Ludger Jeromin (links), Mulo Francel, Robert Wolf und D.D. Lowka.
© Quadro Nuevo / Anton Bronold
„Tango, Valse Musette, Flamenco, entstaubte Filmmusik und ein fast schon verklungenes Italien“: Quadro Nuevo im Gründungsjahr mit Heinz-Ludger Jeromin (links), Mulo Francel, Robert Wolf und D.D. Lowka.

von Quadro Nuevo / Anton Bronold

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Und wie bringen Sie das dann ans Publikum?
Auch durch musikalische Bilder, die wir im Zuhörer erzeugen wollen. Dazu gehören aber auch Anekdoten. Beim Musikerlebnis in einem Konzertsaal hat der Zuschauer das Recht, für zwei Stunden aus seinem Alltag entführt zu werden – in eine Parallelwelt. Und da geben wir ihnen zur Musik auch noch Bilder und Geschichten, die Wünsche, Sehnsüchte und die Fantasie nähren. Es ist ein Geborgenheitsgefühl, das ich beim Zuhörer erreichen will.

Sie spielen auch oft spontan auf der Straße. Was ist der Unterschied zur Isarphilharmonie?
Auf der Straße kann man schauen, wie was rüberkommt. Da hat keiner Eintritt gezahlt, sondern bleibt stehen, wenn ihn etwas an der Musik fesselt, obwohl er ja eigentlich irgendwo hin will. Und wenn sich dann eine Traube bildet, wird es spannend, weil man da direkt mit den Leuten kommuniziert, merkt, wie und warum sie bei der Stange bleiben, egal ob sie das, was wir spielen, schön oder kurios finden. Man merkt auch direkter, wenn etwas nicht rüberkommt.

Eine Formation und Idee über 30 Jahre zusammenzuhalten und weiterzubringen, wie eben Quadro Nuevo, ist eine Leistung. Wird es denn immer so weitergehen?
Niemand kann in die Zukunft schauen. Aber Quadro Nuevo ernährt uns, ist unser Raum, uns zu verwirklichen. Das will man eigentlich nicht aufgeben.

Mit der Harfenistin Evelyn Huber, die von 2008 bis 2020 zur Gruppe gehörte, in einem buddhistischen Tempel in Indien.
Mit der Harfenistin Evelyn Huber, die von 2008 bis 2020 zur Gruppe gehörte, in einem buddhistischen Tempel in Indien.
© QN
Mit der Harfenistin Evelyn Huber, die von 2008 bis 2020 zur Gruppe gehörte, in einem buddhistischen Tempel in Indien.

von QN

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Kann man als Musiker mit so vielen Auftritten und Reisen gleichzeitig ein bürgerliches Leben führen?
Früher standen die Musiker, wie die Huren und Schauspieler, am Rande der Gesellschaft. Manche waren an aristokratischen Höfen gelitten, fielen dann wieder in Ungnade, zogen weiter. Das ist heute nicht komplett anders. Unter Künstlern gibt es daher eine Nähe zu Drogen und Alkohol, manchmal zum Halbseidenen bis hin zur Kriminalität. Eine geregelte Arbeitszeit, am Abend dann immer bei Frau und Kindern: Das hatte ich als viel spielender Musiker so nicht. Ich habe aber immer versucht, mein Musikerleben und die Familie in Balance zu bringen. Aber wie das heute meine, jetzt erwachsenen Kinder rückblickend sehen, weiß ich nicht genau.

Sie selbst sind ohne Vater aufgewachsen.
Mein Vater war aus Böhmen, ein Vertriebener, seine Mutter Tschechin, sein Vater Sudetendeutscher, was mit Hitlers Okkupation zum Problem wurde. Meine Oma musste dann fliehen, wurde von Tschechen vergewaltigt und rausgeschmissen. Sie kletterte aus dem Fenster, floh mit meinem fünfjährigen Vater und seiner zweijährigen Schwester. Diese Erlebnisse hat mein Vater nie überwunden und ist aus dem Leben gegangen, als ich sechs Jahre alt war. Ich wollte es besser machen, für meine Kinder dasein, aber in der Rückschau war ich natürlich auch viel abwesend. Ich bereue das nicht, aber wenn man drei oder vier Mal leben könnte, würde man seine Erkenntnisse dann natürlich einsetzen können.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Durch ein Schlüsselerlebnis. Mein Vater, ein Lehrer, hat uns seine Jazz-Sammlung hinterlassen mitrund 200 Platten und ich habe mir dann in der Pubertät, wo man sich noch einmal stärker dafür interessiert, wer der Vater war, eine nach der anderen angehört: Bebop, Free- und Cool Jazz. Und es gab noch Tonbänder, auf denen er die Jazz-Sendungen im Radio mit Ado Schlier und Joe Kienemann aufgenommen hatte. So bin ich auf die Musik, auf diese Musik gekommen.

Und was hat sich in den letzten 30 Jahren, seit der Gründung von Quadro Nuevo, vor allem geändert?
Dass man auf Social Media präsent sein muss. Erwartet wird, dass man für Konzerte wirbt. Das ist natürlich nervig. Andererseits kann man damit auch ein größeres Publikum für Besonderes gewinnen, wie unsere Reihe „Weltmusik“ im Silbersaal im Deutschen Theater, wo auch hier unbekanntere Musiker und Gruppen aus Europa auftreten und ein Publikum finden. 

Konzerte: „Quadro Nuevo – 30 Years around the World“,  Mittwoch, 18. Februar, 20 Uhr, Isarphilharmonie, Karten: muenchenticket oder muenchenmusik.de
Brunnenhofkonzert in der Residenz: Samstag, 27. Juni