Volksbühnen-Premiere „Warten auf Bardot“: Warten ohne Ende

Wenn wir träumen, verlieren wir den Bezug zur Zeit. Wir hören auf, zu warten: auf die U-Bahn, auf ein Wunder, auf Godot. Mit „Warten auf Godot“ schrieb der irische Schriftsteller Samuel Beckett das wohl bekannteste Theaterstück der Moderne. An der Berliner Volksbühne jongliert die Schau­spie­le­r:in und Re­gis­seu­r:in Meo Wulf mit Fragmenten aus dem Klassiker und überführt sie frei ins Reich der Träume. Aus Godot, der vielfach interpretierten Lichtgestalt, wird Bardot – Brigitte Bardot, die französische Filmikone, die 2025 verstarb. Meo Wulf holt sie in „Warten auf Bardot“ mit einem irrwitzigen Theaterabend zurück ins Leben.

Schon während sich der große Saal bis in die letzten Reihen füllt, schleichen drei Gestalten zwischen Mensch und Fabelwesen über den türkisfarbenen Teppichboden auf der Bühne. In ihrer grotesken Kostümierung aus zotteligen Langhaar-Perücken, runden Brillen und buckligen, braunen Pelzanzügen (Kostüm: Johannes J. Jaruraak „Hungry“) sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Mit unbeholfenen Bewegungen kraxeln und stolpern die Dar­stel­le­r:in­nen durch ihr Territorium: eine surrealistische Couchlandschaft, die als Komfortzone und Gefängnis zugleich erscheint.

Kabinett der Kuriositäten

„Bin ich endlich weg?“, fragt Markus Bernhard Börger in seiner Rolle als einer von drei Außerirdischen mit kindlicher Stimme und scheuem Blick. Doch aus dem Schwellenraum, in dem Meo Wulf seine klamaukigen Figuren angesiedelt, gibt es kein Entkommen. Die Koordinaten, um die ihr sinnentleertes Zusammenleben kreist, sind gesetzt: rechts ein sargförmiges Klohäuschen, aus dem hin und wieder die katzenhaft maskierte Schauspielerin Sonia Yeremytsia herausspringt. In der Mitte ein gigantisches Bett, links der Kühlschrank: „Da bewahren wir unsere Erinnerungen auf.“

Was vergangen ist und was gegenwärtig, lässt sich in diesem Kabinett der Kuriositäten schwer ausmachen. Zeit wird zum inhaltslosen Kontinuum. Wie bei Samuel Beckett geht es um das Warten und seine Banalität in clownesken Ausführungen. Etwa wenn Amelie Willberg als Außerirdische mit beeindruckend rasantem Sprechtempo über das Schlafwandeln monologisiert: „Wandeln ist mein Hobby, ich hab mir extra neue Wandelschuhe gekauft.“

Die Erlöserin ist eine Frau

Eine der drolligen Figuren spielt Meo Wulf selbst und lässt in Pollesch-Manier die Grenze zwischen Regie und Dar­stel­le­r:in­nen verschwimmen. Der Text, ebenfalls von Wulf, enthält dabei kaum stringente Handlung. Vielmehr ist er ein Potpourri aus schrillen Sketchen, in denen Moralvorstellungen und Geschlechterrollen ad absurdum geführt werden. So sei die Erlösung aus der Wartehalle zwischen Diesseits und Jenseits „eine Frau“, wie Meo Wulfs Bühnenfigur überspitzt betont.

Diese Frau tritt dann auch in Erscheinung: In Nebel gehüllt steigt sie zu melodramatischen Streicherarrangements im weißen Anzug mit ausgebreiteten Armen aus einer Klappe in der Bühnenwand. Ist die provokante Brigitte Bardot zum weiblichen Messias avanciert? Bardot, die zu Lebzeiten als Klischee weiblicher Lust sowie als reaktionäre Kulturkämpferin auftrat, wird in Wulfs Erzählung zur Projektionsfläche desillusionierter Sehnsüchte. Christine Groß spielt sie mit trockenem Witz, etwa wenn sie mit einer trashigen Miniaturtrompete französische Chansons performt. Sie trägt aber auch die wenigen ernsthaften Momente der Inszenierung: „Eure Augen gleiten nur auf der Oberfläche der Dinge herum“, hält sie den drei Außerirdischen vor.

Gefangen im Schwellenraum: Meo Wulf, Amelie Willberg und Markus Bernhard Börger als Außerirdische



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Foto: Philip Frowein

Von jener Oberfläche der Dinge will sich auch der Abend nicht so recht wegbewegen. Denn über die schauspielerisch präzise Situationskomik schafft es die Inszenierung nicht hinaus. Gegen Ende verliert sie sich in einer wirren Splatter-Show im Romeo-und-Julia-Setting mit Kunstblut, Schwertern und dramatischen Sterbeszenen. Das Publikum reagiert mit Wohlwollen: Bis zum Schluss gibt es kaum Momente, in denen nicht gelacht wird. Und doch fragt man sich, welche dieser überdrehten Szenen wirklich in Erinnerung bleiben, während sich die Menschenmengen vor den Stufen der Volksbühne langsam in der kühlen Nachtluft auflösen.