Vierschanzentournee-Sieger Domen Prevc: Unterwegs in Superlativen – Sport

Bischofshofen hatte sich herausgeputzt für das finale Springen der Vierschanzentournee, auch wenn es rund um den 10 000-Einwohner-Ort im Bundesland Salzburg im Moment wenig winterlich aussieht. Jedenfalls waren so viele Skisprung-Enthusiasten aus Slowenien an die Paul-Außerleitner-Schanze gekommen wie selten zuvor. Hunderte weiß-blau-rote Flagge wehten über den Stufen. Etwa 4000 Slowenen waren es dann unter den 12 500 Zuschauern, die – in klirrender Kälte bei an die minus zehn Grad – den Weg hinauf zum Sprungstadion auf sich genommen hatten.

Ein älterer Slowene, der etwas spät dran war, versuchte gar, sich eine halbe Stunde vor dem Start des Springens mit einer äußerst gewagten Konstruktion in den Shuttle-Bus zu zwängen: Er war mit Skiern, Domen-Prevc-Schild, Fahne und Kuhglocken ausgerüstet und hatte all die Utensilien mit einem starken Ledergürtel um seinen Körper gebunden. Aber auch er schaffte es schließlich in den Bus und hoch zur Schanze. Und er wurde, wie all die anderen Slowenen, belohnt.

Denn Domen Prevc, der beste Skispringer dieser Tournee und schon seit dem Weltcup-Saisonbeginn Ende November in bestechender Form – er gewann zwar nicht das Finale, aber dafür mit großem Abstand die 74. Vierschanzentournee. Mit Sprüngen auf 138 Meter im ersten und 138,5 Meter im zweiten Durchgang landete Prevc in Bischofshofen auf Platz zwei, hinter dem ganz starken, aber am Ende in der Gesamtwertung entthronten Titelverteidiger Daniel Tschofenig aus Österreich (137/140,5 Meter). Der Japaner Ryoyu Kobayashi (137/138 Meter) kam in der Tageswertung auf Rang drei. Damit hat Prevc zwei der vier Springen gewonnen: in Oberstdorf und Garmisch. In Innsbruck wurde er um läppische 0,5 Punkte vom Japaner Ren Nikaido geschlagen – und verpasste dort bereits den sogenannten Grand Slam, also Siege bei allen vier Springen. Und nun also: Tages-Zweiter hinter Tschofenig.

Doch in der Gesamtwertung hatte Prevc mit 1195,6 Punkten umgerechnet 23,5 Meter Vorsprung auf den Österreicher Jan Hörl (1153,3 und Rang vier in Bischofshofen). Rang drei der Tourneewertung holte in Stephan Embacher (1150,6) ein weiterer ÖSV-Profi. „Es ist ein sehr spezieller Moment für mich heute“, sagte Prevc. „Es ist zehn Jahre nach Peters Sieg, ich bin total geflasht von meinen Emotionen. Und jetzt trinke ich erst mal ein Glas Bier. Dann kommen wir alle zusammen. Es ist großartig, mit der besten Form eine Tournee zu gewinnen. Das ist das Resultat meiner Arbeit und meiner Hingabe für diesen Sport.“

Die Konkurrenz kann sich bis zu den Winterspielen einen Monat lang den Kopf darüber zerbrechen, wie sie Prevc dort bezwingen kann

Prevc hielt den goldenen Adler, die Siegertrophäe, im Schanzenauslauf voller Stolz in die Höhe, exakt zehn Jahre, nachdem sein Bruder Peter erstmals die Vierschanzentournee gewonnen hatte. Dass zwei Brüder beim renommiertesten Skisprung-Wettbewerb der Welt ganz oben stehen, das gab es noch nie. Für Prevc war es zudem der zwölfte Podestplatz im Weltcup in Serie – zum Weltcuprekord des Finnen Janne Ahonen fehlt ihm nur noch ein weiterer Sprung auf das Treppchen. Lauter Spitzenleistungen sind das, von denen die deutschen Skispringer nur träumen können.

Denn Felix Hoffmann und Philipp Raimund waren in Bischofshofen im ersten Durchgang wieder ordentlich, aber nicht überragend gesprungen, nach dem zweiten Durchgang leuchtete das schwächste Ergebnis aller vier Springen für das dennoch mit Abstand beste deutsche Duo auf der Anzeigetafel auf: Platz zehn für Hoffmann, der in der Gesamtwertung damit starker Sechster wurde, und Rang zwölf für Raimund, der in der Endabrechnung ebenfalls Zwölfter wurde. Hoffmann hatte im abschließenden Springen unter Knieschmerzen gelitten, Raimund hatte Halsschmerzen gehabt.

Für Karl Geiger und Andreas Wellinger ging die Talfahrt, in der sie sich bereits seit dem Sommer befinden, auch auf der Paul-Außerleitner-Schanze weiter. Geigers Hüpfer auf 115,5 Meter im ersten Durchgang bedeutete Platz 45, Wellinger erging es nur unwesentlich besser bei seinem Sprung auf 120,5 Meter – verbunden mit Rang 35. Die beiden besten deutschen Springer der vergangenen Jahre verpassten mit ihren Weiten damit auch den zweiten Durchgang und müssen weiterhin ihr komplettes Flugsystem hinterfragen. Denn in knapp drei Wochen wird es bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Oberstdorf, in Geigers Heimat, auch auf sie ankommen, wenn die Deutschen eine Medaille gewinnen wollen.

Prevc wird mit der slowenischen Mannschaft ebenfalls dort sein, um den nächsten Coup zu erringen. Aber zunächst einmal wirkte er in Bischofshofen an der Schanze bei all der Freude vor allem auch ausgelaugt: „Meine Feierlichkeiten werden heute sein, so viel Schlaf wie möglich zu gewinnen. Dann genieße ich und schaue nach vorne.“

Denn da kommt ja noch was in diesem Winter – die Olympischen Spiele auf der Sprungschanze in Predazzo in Italien. Die Konkurrenz kann sich jetzt einen Monat lang den Kopf darüber zerbrechen, wie sie den „Domenator“ dort bezwingen kann.