
Menschen, die lange an einem Ort oder in einem Land leben, stellen sich manchmal grundsätzliche Fragen. Eine dieser Fragen, die das Potential zum Gesellschaftsspiel für Abende mit Freunden hat, lautet: Will ich für immer hier leben? Soll meine Existenz auch in den kommenden Jahren hier stattfinden, will ich den immergleichen Kollegen beim gemeinsamen Älterwerden zusehen, durch dieselbe Straße spazieren, den Baum vorm Fenster grün und kahl und wieder grün werden sehen – oder könnte ich mir ein ganz anderes Leben an einem ganz anderen Ort vorstellen: Würde man gern für ein, zwei Jahre einen Job in New York annehmen? Ein Projekt in Shanghai leiten? Kündigen und Barkeeper an einem Strand an der Westküste von Guadeloupe werden, nach Kenia ziehen, am Fuß der Pyrenäen in einem Steinhaus vom Ersparten leben?
Deutschland ist nicht nur ein Einwanderungs- sondern auch ein Auswanderungsland: Über eine Viertelmillionen Bundesbürger verlassen jedes Jahr dauerhaft das Land, mit steigender Tendenz; laut statistischem Bundesamt zieht „fast jeder fünfte eine Auswanderung in Erwägung.“ Anders als in den von Not geprägten Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts war dieses Spiel in jüngerer Zeit von einem gewissen Grundhedonismus geprägt: Es ging darum, sich etwas vorzustellen, das besser wäre als der Status quo, und oft waren neuere Auswanderungsphantasien nicht viel mehr als ein Ausdruck vermault-luxuriöser Genervtheit, wenn das Wetter schlecht war, man zweimal in einen in Rollsplit panierten Hundehaufen trat oder die unselige Bahn wieder mit Rekordverspätungen nervte. Wo dieses Spiel jetzt gespielt wird, hat sich der Ton geändert.
Lange stellte sich die Frage nicht, ob man in Deutschland sicher ist
Die neuen Auswanderungsdiskussionen haben weniger mit der Vorstellung eines Laptops an einer Strandbar und funktionierenden Schnellzügen zu tun als mit Drohnen über dem Flughafen München, mysteriösen Stromausfällen in Berlin und iranischen Raketen, die doch weiter fliegen können, als man dachte. Die Medien bedienen die neue deutsche Kriegsangst: Der Spiegel titelt: „Nie mehr sicher?“, die Website der Vermögensberatung „Global Setup“ fragt: „Krieg in Deutschland – wohin auswandern?“ Auf Social Media kursiert eine Liste des „New Zealand Daily“ mit dem Titel „Die sichersten zehn Länder, wenn der Dritte Weltkrieg ausbricht“. Auch die aktuelle Sachbuchproduktion trägt mit Titeln wie „Wenn China angreift. Ein Szenario“, soeben im C.H.Beck-Verlag erschienen, nicht dazu bei, die Gemüter zu beruhigen. Schon lange weiß man, dass der prominenteste Apokalyptiker der westlichen Hemisphäre, Peter Thiel, für den Fall des großen Knalls Ländereien in Neuseeland zusammengekauft hat, und die geographisch isolierte Insel führt tatsächlich viele der neuen „Wohin“-Listen an.

Man kann anhand der aktuell überall ventilierten Frage „Wohin könnten wir auswandern?“ seinen Freundes- oder Kollegenkreis klarer als sonst in Optimisten und Euphoriker auf der einen und Skeptiker und Alarmisten auf der anderen Seite unterteilen. Die Optimisten denken nach wie vor ans Arbeiten in Strandnähe und träumen von Los Angeles oder Montauk, Biarritz oder Essaouira – die Alarmisten glauben, sie sollten sich, bevor der Krieg nach Deutschland kommt, an einen fernen, vor allem sicheren Ort retten. Sie glauben, Politikerinnen wie Kaja Kallas habe recht mit ihrer Behauptung, dass Putin 2029 die Nato angreifen werde – und spätestens an diesem Punkt knallt es in den harmonischen Abendrunden: Die Belege für Kallas Behauptungen seien ähnlich unbenennbar wie Wolfram Weimers geheimdienstliche Erkenntnisse über das Treiben unliebsamer Buchhandlungen, sagen die einen, und wie solle Russland, das es seit Jahren nicht schaffe, nennenswerte Landgewinne in der militärisch eigentlich hoffnungslos unterlegenen Ukraine zu erzielen und schon dort an seine Grenzen komme, sich ernsthaft an Nato-Länder wie Polen oder Finnland wagen? Die Besorgteren halten dagegen, Russland rüste massiv auf, und 1936 habe sich auch keiner ausgemalt, wie schlimm es ein paar Jahre später werden würde.
Asien ist keine Option, Afrika auch nicht. Aber Bhutan, wirklich?
Sicher ist, dass die Popularität von Auswanderungsszenarien laut Umfragen des Bundeswehr-Verbandes in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Bereitschaft der Deutschen steht, ihr Land im Konfliktfall mit der Waffe zu verteidigen; nur 16 Prozent sind dazu bereit, 60 Prozent der Männer und 72 Prozent der Frauen sagen eindeutig: auf keinen Fall. Wohin aber wollen sie auswandern? Von Asien raten die Alarmisten ab, dort drohe der „große asiatische Krieg“ zwischen China und allen anderen. Vereinigte Staaten? Ein Hauptakteur in den globalen Konflikten, potentiell zumindest Terrorwellen oder sogar einem möglichen Nuklearschlag ausgesetzt. Damit fällt die Nordhalbkugel in großen Teilen weg. Obwohl: Kanada? Hat auch Beef mit Trump. Selbst in Grönland drohen Kriege um Rohstoffe, so wie in der Golfregion und in vielen afrikanischen Ländern und in Brasilien, wo die Gefahr sozialer Unruhen dazukommt. Bleiben entfernte Inselgruppen, die zu klein sind, um Begehrlichkeiten zu wecken (Tuvalu, Fiji), die den globalen Krisenherden entfernt liegenden, rohstoffarmen Länder Südamerikas (Uruguay, Paraguay, Argentinien) sowie neutrale Länder mit unzugänglichen Bergregionen (Schweiz, Bhutan).

Doch seien, so „Global Setup“, auch „der Norden von Spanien und Andorra als eigenständiges Nicht-EU-Land hochinteressant“; dort sei „die Lebensqualität aufgrund der Natur und der Berge sehr hoch“, die in der Vergangenheit „weitgehend befreit vom Krieg“ geblieben seien „und voraussichtlich auch bleiben“, da sie keine strategischen Ziele darstellten. Auch „Panama könnte im Kriegsfall in Europa eine durchaus interessante Option sein“, obwohl man dort mit „hoher Luftfeuchtigkeit“ zu kämpfen habe; „Hidden Champion“ sei jedoch Uruguay, ein Land, das neben schönen Stränden und üppiger Rindfleischversorgung „Steuervorteile, angenehmes Klima, gute Bildung und Infrastruktur“ biete. Der auf der nicht ganz aktuellen Website noch vermerkte Tipp, auch die Vereinigten Arabischen Emirate seien empfehlenswert, hat sich durch den Irankrieg erledigt, ebenso wie die Einschätzung, in Grönland sei man vor internationalen Krisen sicher.
Was Auswanderwillige selten diskutieren, ist die Frage, ob in Uruguay oder Island irgendwer auf sie gewartet hat. Man könnte es auch als Warnung lesen, dass „New Zealand Daily“ das eigene Land in seiner Hitliste der weltkriegssichersten Länder auf einem bescheidenen dritten Platz hinter Chile und Bhutan verortet: Bitte reisen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Eine andere Frage lautet, ob es das Gefühl von Sicherheit wert ist, dauerhaft in der vollendeten Ereignislosigkeit eines neuseeländischen Kleinstädtchens zu sitzen, oder ob das nicht eher dem Befund entspräche, aus Angst vor dem Tod ums Leben zu kommen.
Der großartige, immer noch viel zu wenig gelesene Schriftsteller und Auswanderer Reinhard Lettau, dessen Roman „Flucht vor Gästen“ eines der lustigsten Werke der deutschen Literatur ist, beschreibt die Nöte von Menschen, die fern der deutschen Heimat vor einem Globus sitzend überlegen, wo sie es schön haben könnten. Mit einem Fläschchen Tipp Ex übermalen sie alle Teile der Welt, in denen sie lieber nicht wären. Am Ende ist der gesamte Globus weiß, nur Lettaus Geburtsstadt Erfurt ragt stolz aus dem großen Nichts heraus. Auch ein gutes Spiel für lange Abende in Krisenzeiten.
