
Der VfB Stuttgart zählt mit Blick auf die Fußball-WM aktuell zu den Gewinnern. Der Klub stellt in der Nationalmannschaft eine starke Fraktion, allen voran mit Torjäger Undav. Sportboss Wohlgemuth zählt ihn in Stuttgart bereits zum Kulturgut.
Die Präferenz von Julian Nagelsmann ist klar erkennbar. Im WM-Jahr setzt der Bundestrainer bei der Auswahl seiner Kandidaten für das Turnier im Sommer auf einen großen Block des FC Bayern und eine überraschend starke England-Fraktion – sieben Akteure kommen allein aus der Premier League. Auch der VfB Stuttgart ist stark vertreten für die Testspiele der Nationalmannschaft am 27. März (20.45 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) in Basel gegen die Schweiz und am 30. März (20.45 Uhr, ebenfalls im WELT-Sportticker) in Stuttgart gegen Ghana.
Weil Nagelsmann im zentralen Mittelfeld Ausfälle verkraften musste – nach dem Münchner Aleksandar Pavlovic (Hüftbeschwerden) hatte auch der Dortmunder Felix Nmecha (Außenbandverletzung im Knie) abgesagt –, reagierte der Bundestrainer auf die Verletzungen mit der Nachnominierung der Stuttgarter Angelo Stiller und Chris Führich.
Im Fall von Stiller musste Nagelsmann seine Pläne früh modifizieren. Den Stuttgarter hatte er nicht in seinem Kader berücksichtigt und dies damit begründet, dass er den 24-Jährigen nicht „in der Startelf“ sehe und dieser für die Rolle als Kader-Backup von Pavlovic nicht geeignet sei.
Frage: Herr Wohlgemuth, der VfB Stuttgart hat aktuell so viele deutsche Nationalspieler im Kader wie nie zuvor. Auch für die kommenden Länderspiele gegen die Schweiz und Ghana hat Julian Nagelsmann mit Deniz Undav, Angelo Stiller, Alexander Nübel, Chris Führich und Josha Vagnoman wieder fünf VfB-Stars nominiert, mit dem verletzt abgereisten Jamie Leweling waren es sogar mal sechs. Auf wen darf der Bundestrainer bei der WM auf keinen Fall verzichten?
Fabian Wohlgemuth: Die hohe Anzahl an Nominierungen ist wohl die ehrlichste Form der Anerkennung unserer Arbeit hier beim VfB Stuttgart. Wir freuen uns sehr, dass so viele Spieler unsere Farben in der Nationalmannschaft vertreten und der Bundestrainer in diesem Maße auf die Qualität bei uns in Stuttgart zurückgreift. Wer am Ende bei der WM dabei ist, liegt zu großen Teilen in der Hand der Spieler selbst. Und natürlich hoffen wir, dass möglichst viele VfB-Spieler dabei sein werden.
Frage: Ist Undav aktuell der beste deutsche Stürmer?
Wohlgemuth: Nun, gegen seine Statistik lässt sich schwer argumentieren. Er hat das, was sich nicht ausbilden oder antrainieren lässt: den Instinkt dafür, wie Situationen im letzten Drittel funktionieren, das Gefühl für den Raum und den richtigen Moment. Dazu ist er ein Typ. In einer Branche, in der inzwischen vieles darauf getrimmt ist, austauschbar und ersetzbar zu sein, hat er sich nie in den Windkanal gestellt. Mit seiner Art auf und neben dem Platz ist er in der deutschen Spielerlandschaft inzwischen unverwechselbar. Auch beim VfB zählt Deniz inzwischen zum Kulturgut. Für die Stadt, die Fans und den Verein ist er ein ganz besonderer Spieler.
Frage: Was halten Sie in Bezug auf seine oft unberechenbare Spielweise von Vergleichen mit Gerd Müller?
Wohlgemuth: Die beiden direkt miteinander zu vergleichen, ist kaum möglich. Wahrscheinlich war Müller sicherer im Abschluss. (lacht) Und Deniz hat schon noch ein anderes Profil. Sein Wirkungskreis geht weit über den Strafraum hinaus. Er gibt Impulse für unser gesamtes Offensivspiel, setzt andere ein, gibt viele Assists und Pre-Assists.
Frage: Undavs Vertrag beim VfB läuft im Sommer 2027 aus. Könnten Sie es sich leisten, mit ihm ins letzte Vertragsjahr zu gehen und damit einen ablösefreien Abgang zu riskieren?
Wohlgemuth: Das ist ganz sicher nicht unser Plan. Deswegen führen wir Gespräche, und ich bin zuversichtlich, dass es mit ihm über 2027 hinaus weitergeht. Aus der Perspektive von Deniz ist der VfB sportlich und darüber hinaus wahrscheinlich auch nicht die schlechteste Adresse. Wir wollen mit Deniz weiterhin zusammenarbeiten und werden dafür mit vollem Einsatz spielen. Natürlich ist es aber auch so, dass wir wirtschaftlich bestimmte Linien nicht überschreiten dürfen.
Frage: Alexander Nübel fährt mit hoher Wahrscheinlichkeit als einer der Ersatztorhüter mit zur WM. Hat er das Potenzial, künftig auch die Nummer 1 im DFB-Tor zu werden? Stammkeeper Oliver Baumann wird im Sommer schließlich 36 Jahre alt.
Wohlgemuth: Alex ist wesentlich jünger als Oliver (29, die Redaktion). So gesehen wird er nach dem Turnier die große Chance haben, die Nummer 1 der Nationalmannschaft zu werden. Die Fähigkeiten dazu besitzt er allemal. Möglicherweise hätte er den Status sogar schon jetzt im Sommer verdient. Ich bin total überzeugt von ihm.
Frage: Nübels Leihe beim VfB läuft nach dieser Saison aus. Bedeutet das automatisch, dass er im Sommer fix zum FC Bayern zurückkehrt, oder gibt es eine Chance, ihn in Stuttgart zu halten?
Wohlgemuth: Im Fußball würde ich gar nichts ausschließen. Die Frage kommt aber zu früh. Das müssen wir abwarten, wir können die Rechnung hier nicht ohne den Wirt machen. Schließlich hat Alex einen langfristigen Vertrag in München.
Frage: Gute Chancen auf die Weltmeisterschaft hat auch Jamie Leweling, der in Stuttgart eine starke Saison spielt. Aufgrund seiner muskulären Probleme im Unterschenkel stand seine Teilnahme am aktuellen Lehrgang von Beginn an Spitz auf Knopf, nun musste er zwar passen. Dennoch: Trauen Sie ihm bei der WM die Startelf zu?
Wohlgemuth: Jamie kann auf den Außenbahnen sowohl links als auch rechts spielen, hat seine Technik seit seinem Wechsel zu uns enorm weiterentwickelt. Jamie füllt viele Rollen aus, er schießt außerhalb des Strafraums, bricht aber auch mit großer Wucht bis zur Grundlinie durch und kann von beiden Seiten aus flanken. Weil er so variabel ist, ist er für mich ein Kandidat für die Startelf.
Frage: In der Winterpause ist der AFC Bournemouth aus der Premier League mit einem 40-Millionen-Euro-Angebot für Leweling vorstellig geworden. Der VfB lehnte ab.
Wohlgemuth: Das zeigt doch zuallererst, dass wir in den letzten dreieinhalb Jahren wirtschaftlich unabhängiger geworden sind und derartige Angebote, sollte es diese tatsächlich geben, ablehnen können. Im Übrigen war es auch so, dass sich auch Jamie unmittelbar positioniert und den VfB Stuttgart als die für ihn aktuell beste sportliche Adresse definiert hat. Auch das markiert einen enormen Unterschied zu unserem Status als Klub noch vor zwei Jahren.
Frage: Nick Woltemade hingegen haben Sie im vergangenen Sommer ziehen lassen. Für eine – aus Stuttgarter Sicht – Rekordablösesumme.
Wohlgemuth: Nicks Abgang war schmerzhaft, aber alternativlos. Er wollte unbedingt wechseln, und das Angebot aus Newcastle war in seinen Ausmaßen historisch und nicht abzulehnen. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wo wir heute mit Nick stehen würden. Andere haben die Lücke gefüllt, die mit seinem Abgang entstanden ist. So viel ist sicher: Dieser Transfer hat uns wirtschaftlich nicht nur stabiler, sondern auch unabhängiger gemacht und unsere Reputation innerhalb Europas verändert.
Frage: Mittelfeld-Antreiber Angelo Stiller wurde von Bundestrainer Julian Nagelsmann wegen der Verletzung von Aleksandar Pavlovic nur nachnominiert. Hätten Sie Verständnis dafür, wenn er bei der WM nicht dabei ist?
Wohlgemuth: Ich habe mich sehr für Ange gefreut, als die Nachnominierung bekannt gegeben wurde. Ange ist bei uns der Spiritus Rector, ist Motor und Schaltzentrale unseres Offensivspiels. Zumeist gehen von ihm die Ideen aus, die unser Spiel besonders und oft erfolgreich machen. Der Konkurrenzkampf auf dieser Position ist in der Nationalmannschaft besonders groß, der Bundestrainer hat sprichwörtlich die Qual der Wahl.
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Frage: Lassen Sie uns einen Blick ins Jahr nach der WM werfen. Im Sommer 2027 läuft Ihr Vertrag in Stuttgart aus. Wollen Sie verlängern?
Wohlgemuth: Aus meiner Sicht ist das aktuell ein Nebenthema. Wir sind gerade in einer spannenden und kritischen Saisonphase. In den nächsten Wochen wird viel entschieden: Wo spielen wir nächstes Jahr? Wie viel Budget steht zur Verfügung? Führt unser Weg wieder nach Berlin? Prinzipiell waren die letzten drei Jahre erfolgreich, die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten funktioniert. Nach Saisonende wird sicher auch dieses Thema bei uns angefasst. Ich wüsste nicht, warum wir diesen Weg nicht über 2027 hinaus fortsetzen sollten.
Frage: Wie hoch ist der Anteil von Trainer Sebastian Hoeneß an diesen Erfolgen?
Wohlgemuth: Sebastian hat neue Maßstäbe gesetzt. Es ist eine Sache, eine am Boden liegende Mannschaft aufzurichten und als Feuerwehrmann das kurzfristige sportliche Überleben zu sichern. Die eigentliche Kunst ist es, über den langen Zeitraum seiner Tätigkeit bei uns den Erfolgshunger der Mannschaft, die Ambitionen des Klubs auf diesem konstant hohen Level zu halten. Das ist wirklich außergewöhnlich. Insofern fällt ihm natürlich der wesentliche Anteil für die Erfolgsentwicklung der Mannschaft bei uns zu.
Frage: Trauen Sie ihm mittelfristig den FC Bayern zu?
Wohlgemuth: Sebastian hat nicht nur die Dinge bei uns vorangebracht, sondern natürlich auch selbst dazugelernt und sich entwickelt. Ich bin sicher, dass er inzwischen für so eine Aufgabe befähigt ist, und ich würde ihm diesen Schritt zutrauen. Aber Sebastian weiß auch, dass wir hier in Stuttgart alle zusammen gut funktionieren und was er am VfB hat.
Frage: Shootingstar Bilal El Khannouss ist in dieser Saison von Leicester City an den VfB ausgeliehen, hat wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Saison. Nach SPORT BILD-Informationen griff kürzlich die Kaufoption in Höhe von rund 15 Millionen Euro, El Khannouss’ Vertrag beim VfB hat sich demnach bis 2030 verlängert. Offiziell ist der Deal bislang aber noch nicht. Wenn Sie mögen, dürfen Sie ihn jetzt gerne verkünden.
Wohlgemuth: Ja, stimmt. Das kann ich bestätigen. Die Bedingungen sind mittlerweile alle erfüllt. Wir freuen uns, dass wir Bilal fest an den VfB gebunden haben.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
