Das Gelände des Lübecker Kinderheims wirkt auf den ersten Blick friedlich: weite grüne Wiesen, hohes Gras, ein Sandkasten und ein viereckiger Teich, auf dem Seerosen treiben. Doch der Schein trügt. An einem schönen Sommertag 1967 beginnt hier die verhängnisvolle Geschichte eines Achtjährigen. Günter wird als bildungsunfähig eingestuft, kurz darauf in eine Psychiatrie abgeschoben und dort mit Psychopharmaka vollgepumpt. Ohne sein Wissen und ohne Einwilligung.
Haloperidol, Megaphen, Chlorprothixen, Dipiperon, Chlorpromazin. Die Liste an Medikamenten mit kompliziert klingenden Namen, die auch anderen Heimkindern in dieser Zeit verabreicht werden, ist lang. Es handelt sich um starke Psychopharmaka, die üblicherweise bei Psychosen, Wahnvorstellungen oder Schizophrenie eingesetzt werden. Doch die Heimkinder leiden unter keiner dieser Erkrankungen. Warum werden sie trotzdem mit diesen Medikamenten behandelt?
In acht eindrucksvollen Folgen geht der Deutschlandfunk–Podcast „Versuchslabor Kinderheim“ dieser Frage nach. Die Produktion lässt ehemalige Heimkinder wie Günter zu Wort kommen und ordnet ihre Erlebnisse in einen größeren Kontext ein. Denn Günter ist nicht der einzige, dem scheinbar grundlos Psychopharmaka verabreicht wurden. Bis in die 1970er wurden Kinder in deutschen Heimen für Medikamententests missbraucht. Ohne davon zu wissen, wurden sie ohne medizinische Notwendigkeit zu Testpersonen für neue Medikamente und Impfstoffe oder moralisch verwerflicher Studien und leben noch heute mit den Folgen.
Das einst lebhafte Kind ist aufgrund der heftigen Nebenwirkungen nur noch ein Schatten seiner selbst.
Schnell wird deutlich: Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein weitreichendes System. Die Autorin und Hostin Ilona Toller entwirrt ein Geflecht aus Pharmaunternehmen, Ärzten, kirchlichen Institutionen und staatlichen Behörden, die es getragen haben, befragt sowohl Experten als auch Betroffene. Zu Wort kommt auch Sylvia Wagner, Pharmazeutin und selbst ehemaliges Heimkind. Mit ihrer Dissertation machte sie 2016 einen der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit öffentlich. Darin dokumentierte sie mehr als 80 Versuchsreihen, in denen Medikamente an Heimkindern getestet wurden – und das mit schwerwiegenden Folgen.
Die ehemaligen Heimkinder berichten von unerträglichen Schmerzen, von Kontrollverlust über den eigenen Körper und Zuständen absoluter Sedierung. Die Medikamente werden teils durch starke Gewalteinwirkung verabreicht, auch Zwangsjacken gehörten zumindest für Günter zum Alltag. Durch die starken Nebenwirkungen der Medikamente ist das einst lebhafte Kind schließlich nur noch ein Schatten seiner selbst.
Lange wussten die betroffenen Heimkinder nicht, was ihnen angetan worden war, warum sie in ihrer Kindheit unter Schmerzen litten. Heute können sie ihre Zeit in den Institutionen endlich aufarbeiten – nicht zuletzt dank akribischer Recherchen wie der des Deutschlandfunks.
Versuchslabor Kinderheim, acht Folgen, Deutschlandfunk.
