
Bei der Hauptversammlung von Thyssenkrupp blieb der Protest diesmal vor der Tür: Zwar demonstrierten Mitarbeiter gegen den Kurs, doch die Aktionäre waren endlich mal wieder zufrieden. Sie zahlen sich sogar eine Dividende aus – allerdings aus der Substanz, nicht aus Gewinnen.
Vor der Halle war mehr los als im Gebäude selbst. Etliche Hundert Stahlarbeiter haben anlässlich der Hauptversammlung von Thyssenkrupp auf dem Vorplatz des Kongresszentrums Ruhrcongress in Bochum demonstriert und den knapp 600 versammelten Aktionären Botschaften wie „Zukunft statt Kündigung“ oder „Eine Dividende aus der Substanz wäre wirtschaftlich falsch und ein fatales Signal“ mitgegeben und dabei Stopp-Schilder hochgehalten, die insbesondere an Konzernchef Miguel López gerichtet waren.
Hintergrund ist der grundlegende Umbau von Thyssenkrupp, den der Manager mit seinem Vorstandsteam angestoßen hat und mit laut Kritikern „Bulldozer-Mentalität“ vorantreibt. „Lange Zeit wurde Thyssenkrupp als integrierter Industriekonzern geführt mit operativen Geschäften in den Segmenten“, beschreibt López in seiner Rede vor den Aktionären, von denen es bei Thyssenkrupp rund 200.000 gibt.
In Zukunft aber werde Thyssenkrupp eine schlanke Finanzholding sein. „Eine Beteiligungsgesellschaft, die grundsätzlich Mehrheitsbeteiligungen an starken, eigenverantwortlichen Unternehmen unter einem Dach vereint.“ Die Zentrale sei dann nur noch eine Finanzholding, die das Gesamtportfolio steuert. „Die strategische Ausrichtung der Beteiligungen begleiten wir künftig primär über die Aufsichtsräte.“
Dafür werden aktuell sämtliche Geschäftsbereiche auf Effizienz und Performance getrimmt – „um aus eigener Kraft überlebens- und wettbewerbsfähig und nicht auf eine dauerhafte Quersubventionierung innerhalb des Konzerns angewiesen zu sein“, wie es Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm ausdrückt, der als großer Unterstützer von López gilt. „Aces 2030“ heißt das entsprechende Programm, an dessen Ende die Eigenständigkeit aller Segmente stehen soll, wahlweise über Börsengänge oder Verkäufe.
Vollzogen wurde das schon bei der Marine-Sparte TKMS, die seit vergangenem Oktober an der Börse notiert ist – und es binnen kurzer Zeit in den Mittelwerte-Index M-Dax geschafft hat, in dem auch die Muttergesellschaft selbst gelistet ist. Folgen sollen noch die Stahlsparte TKSE, das Werkstoffgeschäft Material Services, die Autozuliefersparte Automotive Technology und Decarbon Technologies, wo das Geschäft mit grünen Technologien gebündelt ist, darunter die Mehrheitsbeteiligung an der börsennotierten Wasserstofftochter Nucera. „Damit heben wir Werte, die bislang im Unternehmen verborgen waren“, so López.
Die Stahlsparte ist dabei das große Sorgenkind. Seit Jahren schon wird für das volatile und zuletzt hochdefizitäre Geschäft nach einer Lösung gesucht. Die aktuell favorisierte Lösung ist ein Verkauf an Jindal Steel. Der Konkurrent aus Indien hatte im September ein unverbindliches Übernahmeangebot vorgelegt, inklusive einer Zusage für Investitionen wie auch für die Fortsetzung der Transformation in Richtung grüner Stahl.
Thyssenkrupp zeigt sich offen und hat bereits die vorherigen Pläne für ein 50/50-Joint-Venture mit dem Energiekonzern EP Group des tschechischen Milliardärs Daniel Křetínský samt einem bereits erfolgten Verkauf von 20 Prozent der Anteile rückabgewickelt. Zum aktuellen Stand der Gespräche schweigt das Thyssenkrupp-Management. „Mit Jindal Steel sind wir in konstruktivem Austausch“, sagt López lapidar und wirbt mit Verweis auf „vertrauliche Verhandlungen“ um Verständnis für seine Zurückhaltung.
Lob von den Aktionären – anders als in den Vorjahren
Kürzungen gibt es aber auch in den anderen Geschäftsbereichen. Ob und wann die verbliebenen Sparten eigenständig sein können, lässt der Vorstandschef gleichwohl offen. „Die Programme, um die Segmente kapitalmarktfähig zu machen, haben einen unterschiedlichen Reifegrad“, heißt es nur. Wo die Voraussetzungen noch nicht erfüllt sind, werde nun gezielt in die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit investiert. Der grundsätzliche Weg sei aber vorgezeichnet und werde konsequent weiterverfolgt.
Von den Aktionären gab es auf der Hauptversammlung trotzdem viel Lob für den eingeschlagenen Weg – nachdem es in den Vorjahren oftmals turbulent und kontrovers zuging. „Vertrauen ist wieder da, Zuversicht ist zurückgekehrt“, sagt zum Beispiel Oliver Vollbrecht von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).
Ingo Speich, der Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Fondsgesellschaft Deka Investment, sieht Thyssenkrupp sogar wie „Phönix aus der Asche auferstanden“ – jedenfalls an der Börse, angesichts einer deutlichen Steigerung des Aktienwertes. Gleichwohl hält der Investor den Höhenflug für fragil. Denn operativ liege noch immer zu viel im Argen. „Das vergangene Geschäftsjahr lässt sich mit vier Worten charakterisieren: strategisch top, operativ flop. Die Erfolge in der Strategie kaschieren die weiterhin sehr schwachen operativen Zahlen.“
Tatsächlich kämpft Thyssenkrupp mit schwacher Nachfrage bei wichtigen Abnehmern wie der Autoindustrie und dem Maschinenbau, mit hohen Energiepreisen und mit einer anhaltenden Konjunkturschwäche. Der Ausblick auf das seit Oktober laufende Geschäftsjahr 2025/2026 ist entsprechend schlecht mit erwartet roten Zahlen in der Größenordnung von 400 bis 800 Millionen und einem negativen Free Cashflow unter anderem wegen hoher Restrukturierungsaufwendungen in der Stahl- und Automobilsparte.
Streitpunkt auf der Hauptversammlung war daher der Vorschlag zur Auszahlung einer Dividende in Höhe von 15 Cent pro Aktie. Das entspricht einer Ausschüttung in Höhe von 93 Millionen Euro. Kritik kam von der IG Metall. „Nach dem jüngsten Börsengang der Marine haben Aktionäre bereits überdurchschnittlich profitiert. Jetzt eine Dividende aus der Substanz auszuschütten, wäre wirtschaftlich falsch und ein fatales Signal“, steht auf einem Flugblatt der Gewerkschaft anlässlich der Protestkundgebung zu Beginn der Hauptversammlung.
Aber auch einige Aktionäre haben die Zustimmung verweigert, darunter Deka Investment. „Die Zahlung einer Dividende erfolgt zu Lasten der Substanz“, warnt Fondsgesellschaft-Vertreter Speich. Thyssenkrupp lebe aber seit Jahren von seiner Substanz. „Damit muss endlich Schluss sein. Solange der freie Cashflow so schwach ist, darf keine Dividende ausgeschüttet werden.“
Vorstand und Aufsichtsrat indes verteidigen ihren Vorschlag mit Verweis auf „Dividendenkontinuität“ und die „positive Entwicklung im Geschäftsjahr 2024/2025“. Ohnehin gehe es nur um sechs Prozent der für das laufende Geschäftsjahr geplanten Investitionen ins Unternehmen. Durchgesetzt haben sich am Ende die Befürworter, sogar deutlich. Zumal nur knapp 57 Prozent des vertretenen Grundkapitals anwesend waren und der größte Teil auf die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung entfällt. Und die finanziert sich und ihre gemeinnützige Arbeit für Wissenschaft, Bildung, Kunst und Sport über die Dividenden ihrer Thyssenkrupp-Beteiligung.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.
