Verdacht von Unterschlagung und Betrug: Ermittlungen bei Heraeus – Wirtschaft

Mit mehr als 17 000 Beschäftigten und rund 30 Milliarden Euro Umsatz zählt der Technologiekonzern Heraeus aus Hanau zu den größten Familienunternehmen Deutschlands. Gegründet 1851 beliefert das Unternehmen unter anderem die Autoindustrie, die Pharma- und die Halbleiterbranche mit Edelmetallen. Bekannt ist Heraeus aber auch jenseits der Fachkreise, nicht zuletzt, weil sich der frühere Aufsichtsratschef und Firmenpatriarch Jürgen Heraeus regelmäßig öffentlich zu Wort meldet, etwa mit scharfer Kritik an der früheren und amtierenden Bundesregierung („kriegt nichts auf die Reihe“).

Nun steht der Konzern selbst im Fokus: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigte einen Bericht der Financial Times (FT), wonach sie seit Juni 2025 wegen möglicher rechtswidriger Praktiken bei der Heraeus Precious Metals (HPM) ermittelt, einer operativen Einheit der Gruppe. Für rechtliche Risiken daraus hat das Unternehmen bereits eine Rückstellung von 457 Millionen Euro gebildet – es geht also nicht um „Peanuts“.

Im Zentrum der Ermittlungen steht der Vorwurf, Mitarbeiter hätten im Recyclinggeschäft der Einheit HPM Metall (Platin, Palladium, Rhodium) einbehalten, das während der Verarbeitung in Mahlanlagen zurückgeblieben war – obwohl es rechtlich Kunden zugestanden habe. Die Behörde ermittelt gegen sechzehn aktuelle und ehemalige Beschäftigte, darunter auch Führungskräfte, wegen des Verdachts der veruntreuenden Unterschlagung und des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs. Bislang gibt es offenbar keine Hinweise, dass sich die mutmaßlichen Täter selbst bereichert haben. Der mutmaßliche Tatzeitraum erstrecke sich von 2015 bis 2025.

„Es bestehen Verdachtsmomente dafür, dass es zu unrechtmäßigen Entnahmen aus angeliefertem Kundenmaterial gekommen sein könnte“, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mit. Zu den Vorwürfen sowie der Schadenshöhe könnten derzeit aufgrund der Ermittlungen keine weiteren Angaben gemacht werden. Auslöser sei eine Selbstanzeige des Unternehmens gewesen, das vollumfassend mit den Strafverfolgungsbehörden kooperiere. Laut Staatsanwaltschaft sind mindestens zwei Kunden betroffen.

Plötzlicher Chef-Wechsel im Sommer

Eine Sprecherin von Heraeus bestätigte, man habe nach internen Hinweisen auf „mögliche Prozessabweichungen im Recycling-Prozess eine umfassende und objektive Untersuchung durch eine externe Rechtsanwaltskanzlei veranlasst“. Dabei seien Unregelmäßigkeiten im Recycling-Prozess zum Nachteil von Kunden festgestellt worden. Auf Initiative des Unternehmens sei die Prüfung auf angrenzende Bereiche ausgeweitet worden. Diese weiterführende Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen. Eine vorläufige Bewertung sei jedoch im Finanzbericht 2024 berücksichtigt.

Laut FT hatte ein Whistleblower auf Probleme in der Edelmetallsparte in Hanau hingewiesen und eine interne Untersuchung ausgelöst. Der hauseigene Wirtschaftsprüfer KPMG sei mit dieser Untersuchung aber nicht zufrieden gewesen, so die Zeitung. Daraufhin habe Heraeus im Dezember 2024 die Kanzlei CMS mit einer zweistufigen Untersuchung unter Aufsicht des Aufsichtsrats beauftragt. Ein Abschlussbericht werde noch in diesem Quartal erwartet. Eine Sprecherin des Konzerns wollte sich nicht zu diesen Aspekten äußern. Im Mai hatte es zudem einen überraschenden Wechsel gegeben: Der bisherige Konzernchef, ein Schwiegersohn von Jürgen Heraeus, hatte sich nach zwölf Jahren an der Spitze des Unternehmens „aus persönlichen Gründen“ zurückgezogen. Er halte es für den richtigen Zeitpunkt für einen Wechsel, hieß es. Gab es einen Zusammenhang mit den Ermittlungen? Das wollte die Sprecherin nicht kommentieren, sie sagte lediglich, dass der Nachfolger Frank Stietz nicht Gegenstand der Ermittlungen sei. Der frühere Vorstandschef reagierte laut FT nicht auf Anfragen zur Stellungnahme. Der Konzern gehört der erweiterten Familie Heraeus, mit rund 200 Familienaktionären. Das Manager Magazin schätzt das Vermögen der Familie auf 7,1 Milliarden Euro.