Herr Gundall, ich streame und surfe wie viele meiner Freunde in Frankfurt mit Kabel-Internet und bin vollkommen zufrieden mit der Geschwindigkeit. Jetzt will mir die Telekom Glasfaser verkaufen. Nennen Sie mir einen Grund, weshalb ich wechseln sollte.
Sie müssen die technischen Verbesserungen sehen. Glasfaser funktioniert mit Lichtwellen. Die Technik ermöglicht ultraschnelle Download- und Uploadgeschwindigkeiten. Der größte Pluspunkt im Vergleich zu DSL und Kabel sind aber die wesentlich besseren Reaktionszeiten, der sogenannte Ping. Davon profitieren Jugendliche, die gerne gamen. Abgesehen davon sind die Glasfaserverträge der Telekom im Moment sogar ein bisschen günstiger als die VDSL-Tarife.
Aber auch solche Familien zögern nach meiner Erfahrung.
Man muss hier differenzieren zwischen Mieter und Eigentümer. Ein Mieter sieht die Notwendigkeit weniger als ein Wohnungs- oder Hauseigentümer, der vom Glasfaseranbieter eine neue Infrastruktur ins Haus gelegt bekommt. Das macht die Immobilie attraktiver.
Sehen Sie bei der Akzeptanz von Glasfaser ein Gefälle zwischen Stadt und Land?
Das kann man so nicht sagen. Es gibt auch in der Stadt Ortsteile, die schlecht angebunden sind. Da sind die Anwohner sofort dabei, und die Unternehmen müssen gar nicht groß Werbung machen. In anderen Stadtteilen, in denen es schnelles Internet über DSL und Kabel gibt, ist es schwieriger, den Anwohnern klarzumachen, dass die Kupferleitungen, über die diese Technik läuft, endlich sind.
Müsste man das nicht deutlicher sagen?

Als Verbraucherschützer halten wir uns in dem Punkt aktuell eher zurück, weil Vertreter an der Haustür das Thema oft als Druckmittel benutzen. Aber ja, Glasfaser ist die Zukunft, von Kupferleitungen wird man sich eines Tages verabschieden.
Können sich Mieter in einem Mehrfamilienhaus denn individuell für Glasfaser entscheiden?
Es gibt durchaus Konstellationen, in denen in einem Haus die einen Mieter Glasfaser nutzen und die anderen Mietparteien Kabel und DSL. Die Anschlüsse sind ja da. Es ist nicht so, dass, wenn Glasfaser ins Haus kommt, die Telefonkabel oder die Fernsehkabel herausgerissen werden.
Bekomme ich Glasfaser nur von dem Unternehmen, das die Leitung auch gelegt hat?
Das hängt davon ab, ob ein Unternehmen auch andere Anbieter auf sein Netz drauflässt. Von Open Access spricht man in diesem Fall. Unternehmen wie Vodafone zum Beispiel setzen nicht nur auf den Ausbau eines eigenen Netzes, sondern vermarkten Glasfaseranschlüsse auch über die Netze von Wettbewerbern. 1&1 hat gar kein eigenes Glasfasernetz, sondern vermarktet seine Produkte ausschließlich in Kooperationen mit anderen Netzbetreibern, etwa der Deutschen Glasfaser, Eon oder der Deutschen Telekom.
Muss der Vermieter zustimmen, wenn ich mich für Glasfaser entscheide?
Wenn ein Mieter partout nicht will, wird es vermutlich schwierig. Wir empfehlen, das Gespräch mit dem Vermieter oder Eigentümer zu suchen. Er profitiert, weil er die Infrastruktur in der Regel kostenlos ins Haus gelegt bekommt. Allenfalls wird er noch zur Kasse gebeten, wenn die Leitung vom Keller bis zur Wohnung gelegt werden muss. Aber letztlich sind Anbieter darum bemüht, dem Vermieter den Anschluss möglichst schmackhaft zu machen, zum Beispiel, indem sie die Kosten komplett übernehmen.
Wie ist die Rechtslage in Wohneigentümergemeinschaften?
In Eigentümergemeinschaften sind die Regeln mit der WEG-Reform deutlich vereinfacht worden. Zwar erfordert ein Glasfaser-Hausanschluss grundsätzlich einen mehrheitlichen Beschluss der Eigentümerversammlung, aber es gilt die Zustimmungspflicht. Das heißt: Wünscht sich ein Eigentümer Glasfaser im Haus, können die anderen ihm diesen Wunsch nicht grundsätzlich verwehren, es sei denn, bauliche Gründe oder der Denkmalschutz würden beispielsweise dagegen sprechen.
Mit dem Glasfaserausbau geht es voran. Die Deutsche Telekom als Marktführer stellt inzwischen 12,5 Millionen Haushalten Glasfaser zur Verfügung, aber nur gut zwei Millionen haben sich bisher tatsächlich für einen Anschluss entschieden. Wie passt das zusammen?
Das genau ist der kritische Punkt: Wie kriegt man als Anbieter die Leute dazu, vom klassischen DSL-Anschluss auf einen Glasfaseranschluss zu wechseln?
Vielleicht liegt es daran, dass es inzwischen so viele Horrorgeschichten von Glasfaserkunden gibt, die zwei Jahre und länger auf ihren Anschluss warten und frustriert sind.
Leider ist es so, dass oft sehr viel versprochen wird, und dann passiert nichts. In dem Moment, wo ein Vertrag unterschrieben ist, wird oft die Kommunikation eingestellt, und die Kunden werden alleingelassen. Das hören wir sehr oft in der Beratung. Und hier setzt auch unsere zentrale Kritik an. Keine Frage, so ein Ausbau dauert zunächst, weil man vielleicht noch nicht ausreichend Kunden zusammenhat, dann braucht man noch Zeit für die Detailplanung, die Tiefbauarbeiten müssen koordiniert werden. Doch über diese Schritte muss man Kunden informieren. Auch wenn es noch kein konkretes Anschlussdatum gibt.
Definitiv. Wir hören immer wieder, dass gerade an der Haustür sehr viel erzählt, teilweise auch mit Druck gearbeitet wird. Nach dem Motto: „Wenn Sie jetzt nicht unterschreiben, dann stehen Sie in zwei Monaten ohne Internet da.“
Oder der potentielle Kunde hat schon zweimal Nein gesagt, und trotzdem steht jede Woche jemand vor der Tür und will Glasfaser verkaufen.
So etwas kommt sogar vor, wenn schon Glasfaser in der Wohnung ist. Dann versucht der Vertriebler später noch einen Stromvertrag dazu zu verkaufen.
Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hat die Eon-Tochtergesellschaft Westconnect wegen irreführender Antworten auf Kündigungen abgemahnt. Worum geht es konkret?
Wir kennen mehrere Fälle, in denen das Unternehmen das Kündigen am Ende der zweijährigen Vertragslaufzeit schwer gemacht hat, etwa mit Argumenten wie: Die Widerrufsfrist ist abgelaufen. Die hat mit dem Thema Kündigung aber gar nichts zu tun. Zudem wurden ordentliche Kündigungen nicht akzeptiert. Inzwischen hat der Bundesgerichtshof bestätigt, dass Glasfaserverträge mit Abschluss des Vertrags beginnen, und nicht erst, wenn der Anschluss im Haus freigeschaltet ist.
Für den Ausbau müssen Unternehmen, die das teilweise komplett in Eigenregie machen, erst einmal viel Geld in die Hand nehmen. Blöd, wenn die Kunden, die mit ihren Anschlussgebühren die Kosten refinanzieren sollen, abspringen, bevor der Vertrag überhaupt läuft.
Wir kennen die Argumentation der Wirtschaft, dass mit dem BGH-Urteil der Glasfaserausbau um Jahre zurückgeworfen werde. Wir sehen das aber nicht so. Die Anbieter sagen, sie bauen das Netz für die nächsten 100 Jahre. Das heißt, sie haben auch so lange Zeit, um ihre Investitionen wieder hereinzuholen. Es kann natürlich sein, dass der Anschluss im Keller zunächst liegen gelassen und erst fünf Jahre später aktiviert wird, dann bleiben aber immer noch 95 Jahre. Glasfaser ist auch für die Anbieter ein Spiel auf Zeit, weil irgendwann der Anschluss im Keller genutzt werden wird. Und wer erst einmal auf Glasfaser surft, wird in der Regel auch nicht mehr zu VDSL oder Kabel zurückwechseln. Es sei denn, der Kundenservice des Anbieters ist schlecht.
Womit wir wieder bei Ihrer Kritik sind.
Glasfaser ist sehr erklärungsbedürftig. Unternehmen müssen ihre künftigen Kunden mitnehmen. Die Infoveranstaltungen dazu sind aber oft reine Verkaufsveranstaltungen. Und ich wage zu bezweifeln, dass am Ende alle Fragen beantwortet sind. Die Drohkulisse, die viele Anbieter dabei aufbauen, nach dem Motto: „Wenn du jetzt nicht mitmachst, dann kostet dich das später 5000 Euro“, die zieht auch nicht mehr. Die Anbieter müssen mehr in ehrliche Aufklärung investieren.
Zur Person
Michael Gundall arbeitet seit 2005 als Technikreferent im Fachbereich Digitales und Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz und betreut als Schwerpunkt das Thema Glasfaserausbau. Der Diplom-Ingenieur für Fernsehtechnik und elektronische Medien ist zudem auf Bundesebene aktiv, unter anderem in Arbeitsgruppen des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen und in Fachbeiräten der Stiftung Warentest.
