Venezuela: Wie Maduros Sturz die Hizbullah in Libanon schwächt

Die Hizbullah gibt sich alle Mühe, den Maduro-Schock herunterzuspielen. Die libanesische Schiitenorganisation hatte enge Verbindungen zum gestürzten venezolanischen Machthaber. Denn dieser war ein wichtiger Alliierter ihres Hauptsponsors: des Regimes in Teheran.

Hizbullah-Anführer Naim Qassem ignorierte die Gefangennahme Nicolás Maduros in seiner Rede, die kurz nachdem die amerikanische Militäraktion bekannt geworden war, von einem unbekannten Ort übertragen wurde. Ein Parlamentsabgeordneter der Hizbullah behauptete am Wochenende, die Berichte über die Präsenz der Hizbullah in Venezuela seien bloß Erfindungen, um die öffentliche Meinung zu täuschen und den Eindruck zu erwecken, die Entwicklungen in Caracas seien ein Rückschlag für die Organisation.

Netzwerk unter Clans von libanesischen Einwanderern

Genau das dürfte aber der Fall sein. Lateinamerika ist schon lange ein wichtiges Betätigungsfeld für die Schiitenorganisation, die dort laut Angaben westlicher Sicherheitsbehörden und Experten in illegale Geschäfte wie Drogenhandel, Waffenschmuggel und Geldwäsche verwickelt ist. Die dortige Präsenz diene „in erster Linie der Finanzierung ihrer Aktivitäten im Nahen Osten und auf der ganzen Welt“, heißt es in einem Bericht der Denkfabrik Rand aus dem März vergangenen Jahres.

Die Einkünfte aus dem Drogenhandel und der Zusammenarbeit mit lateinamerikanischen Kartellen belaufen sich laut Schätzungen auf 200 Millionen Dollar im Jahr. Nach übereinstimmenden Berichten arbeitet die Hizbullah in Lateinamerika auch am Aufbau von Netzwerken und Infrastruktur für Angriffe auf Ziele in den USA sowie jüdische und israelische Ziele.

Kolumbien und das Länderdreieck von Brasilien, Paraguay und Argentinien sind neben Venezuela wichtige Standorte. Maduro, der 2013 das Amt des Präsidenten übernahm, wird als wichtiger Faktor dafür beschrieben, dass Venezuela eine immer größere Bedeutung für die Hizbullah bekommen hat. Wie es in mehreren Studien heißt, haben sich der Staatschef und führende Funktionäre seines Regimes mit Vertretern der Organisation zusammengetan. Das Unterstützungsnetzwerk funktionierte demnach über abgeschottete Clan-Strukturen libanesischer Einwanderer, die in die vom Maduro-Regime kontrollierte, illegale Wirtschaft, den politischen Apparat und die Bürokratie eingebettet waren.

Marshall Billingslea, ein früherer Mitarbeiter des US-Finanzministeriums, der für den Kampf gegen Terrorfinanzierung zuständig war, sagte im vergangenen Oktober vor einer Parlamentariergruppe im amerikanischen Senat, die mit internationalem Rauschgifthandel befasst ist, die Kooperation habe sich unter Maduro „dramatisch ausgeweitet“. Zu dem Netzwerk gehörte nach seinen Worten auch der Chef der venezolanischen Passbehörde, der die Schiitenorganisation mit Dokumenten versorgte. Weiter erklärte Billingslea, die Schmuggelrouten für Kokain hätten sich zuletzt zum Teil nach Venezuela verlagert.

Hizbullah soll Trainingscamps in Venezuela unterhalten

Aus einer Quelle, die gut über die Aktivitäten der Hizbullah informiert ist, heißt es, die Organisation habe Berater nach Venezuela entsandt, als das Maduro-Regime 2019 mit Massenprotesten konfrontiert war. Es gibt außerdem Berichte, nach denen die Hizbullah Trainingscamps in Venezuela unterhält.

„Die Aktivitäten der Hizbullah in Venezuela haben in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich zugenommen“, sagt auch Nicholas Blanford von der Denkfabrik Atlantic Council. Blanford lebt seit Jahrzehnten in Libanon und beschäftigt sich intensiv mit der Hizbullah. „Der Sturz Maduros ist sicher ein Schlag für Iran und damit auch für die Hizbullah.“ Wie heftig dieser ausfällt, sei allerdings schwer einzuschätzen.

Der venezolanische Rückschlag fällt jedenfalls in eine Zeit, in der die Hizbullah in ihrer Heimatregion unter immer größeren Druck gerät. Sie ist massiv geschwächt durch den jüngsten Waffengang mit Israel, außerdem mit Bestrebungen der libanesischen Regierung konfrontiert, ihr die Waffen abzunehmen. Washington hat den Druck erhöht.Ferner ist durch den Sturz des Assad-Regimes Syrien als Einkommensquelle, Rückzugsraum und Drehscheibe ausgefallen.

Sicherheitsfachleute vermuten daher, dass die Bedeutung der Aktivitäten in Lateinamerika und die Bedeutung der Verbindungen nach Venezuela vor dem Maduro-Schock größer geworden waren.