Vater von Brokstedt-Opfer über Migrationspoltik

Als Michael Kyrath seine Tochter zum letzten Mal ­berührte, war ihre Hand ­eiskalt. Ann-Marie lag in einem Sarg. Im Alter von 17  Jahren war sie am 25. Januar 2023 im Regionalzug von Kiel nach Hamburg kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Brokstedt von einem staatenlosen Palästinenser ­getötet worden, mit 26 Stichen. Ann-Marie war gerade frisch verliebt gewesen. Ihr 19 Jahre alter Freund Danny wollte sie noch beschützen, auch er wurde von Ibrahim A. getötet.

Michael Kyrath sagt, dass Ann-Marie damals die glücklichste Zeit ihres Lebens erlebte, jeden Tag sei sie mit Danny von Elmshorn nach Neumünster gefahren; ihr Freund absolvierte dort seine Ausbildung, sie ging zur Schule. Am 25. Januar kam sie von der Schule nicht nach Hause, ihr Vater hörte von einem Amoklauf und fuhr nach Brokstedt. Dort sagte ihm ein Polizist, dass seine Tochter getötet wurde.

Ann-Marie sei „lebens­lustig, offen, neugierig und zielstrebig“ gewesen, sagt Kyrath, „wenn sie morgens die Augen aufgemacht hat, ging die gute Laune los“. Das Schlimmste für ihn sei heute, die Stille morgens zu ertragen. Ann-Marie war das einzige Kind der Familie.

Herr Kyrath, Sie haben einmal gesagt, dass die Freunde Ihrer Tochter seit ihrem Tod jeden Mittwoch zu Ihnen kommen. Wir sprechen an einem Mittwoch. Bekommen Sie heute Besuch?

Ja, gerade sitzen einige unserer Bonus­kinder bei uns zu Hause, so nennen wir die Freunde meiner Tochter. Die Zusammensetzung verschiebt sich, denn auch deren Leben verändert sich ständig. Sie sind teilweise noch in der Schule, teilweise in der Berufsausbildung. Meistens sind sie so spätestens um 14 Uhr da. Dann essen sie miteinander, und danach schauen wir, wie wir die Zeit verbringen: Wir spielen etwas, schauen Filme, gehen Minigolf spielen oder zu Ann-Maries Grab. Das ist sehr schön für uns, vor allem, weil es nicht von uns ausgeht. Julian, das war Ann-Maries bester Freund, hat mal gesagt: „Es gibt ­viele Dinge, die werdet ihr bei Ann-Marie leider nicht mehr miterleben, aber wir sorgen dafür, dass ihr sie bei uns miterleben dürft.“ Das fand ich ganz toll, das ist so richtig warm im Herzen geblieben. Und daran halten sich auch alle.

Ann-Marie
Ann-Marieprivat

Sie setzen sich seit dem Tod Ihrer Tochter sehr kritisch mit der Migrationspolitik in Deutschland auseinander. Wird auch über politische Themen diskutiert, wenn die Freunde Ihrer Tochter kommen?

Da wird über alles geredet. Eines unserer Bonuskinder hat mir mal genau erklärt, warum er die Linkspartei gewählt hat. Er studiert in Hamburg und muss jeden Tag etliche Stunden mit der Bahn zur Uni und zurück fahren – weil er keine bezahlbare Wohnung oder Wohngemeinschaft in Hamburg findet. Die Linkspartei hat vor der Wahl versprochen, das Thema anzugehen. Ich finde das sehr gut, wenn sich junge Menschen solche Gedanken machen. Ich bin nicht derjenige, der ihnen erzählen muss, was sie zu wählen haben. Eher sehe ich es in meiner Verantwortung, sie dazu zu bringen, eigenständig zu denken. Selbst wenn sie dann Parteien wählen, die ich nicht wählen würde. Das haben wir auch Ann-Marie immer mitgegeben: eigenständig denken. Nicht nur ein Medium lesen, sondern sich aus fünf, sechs, sieben Quellen informieren und sich dann eine eigene Meinung aus der Schnittmenge bilden.

Sie sind etwa sechs Wochen nach dem Mord an Ihrer Tochter in dem Format „Achtung, Reichelt!“ an die Öffentlichkeit gegangen. Später haben Sie gesagt, dass Kritiker der Migrationspolitik schnell in „Nazi-Schubladen“ gesteckt würden. Ist Ihnen das auch passiert?

Nein, eigentlich gar nicht. Es gab mal zwei oder drei, die das versucht haben. Aber ich nehme das gar nicht für voll. Zum einen ist ja die Frage, aus welcher Position wird jetzt geurteilt, wer rechts und wer links ist. Und zweitens sollte jeder, der den Begriff „Nazi“ gebraucht, mal überlegen, was diese Ungeheuer in den Dreißiger- und Vierzigerjahren Menschen angetan haben. Heute wird man für einen falschen Satz als Nazi beschimpft. Ich finde das eine Verunglimpfung der Menschen, die im Zweiten Weltkrieg und davor durch solche Schergen ums Leben gekommen sind. Wenn es wirklich noch irgendwo Verrückte gibt, die Nazis sind – und die gibt es sicherlich in diesem Land –, werden auch sie damit verharmlost. Ich lasse mich keinem Lager zuordnen. Ich gehe zu allen Parteien, ohne Ausnahme. Ich möchte keine Parteibücher schreiben, sondern ich habe immer versucht, mit allen Menschen ins Gespräch zu kommen und finde es eine Bereicherung, auch aus anderen Kulturen zu lernen und sich das anzuhören. Ob ich es gut finde oder nicht, kann ich nachher für mich ausmachen. Aber sich das erst einmal anzuhören, das halte ich für ganz wichtig.

Der Täter: Ibrahim A. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Der Täter: Ibrahim A. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.Picture Alliance
Der Täter von Brokstedt, Ibrahim A., wurde 1989 im Gazastreifen geboren, 2014 kam er über die Türkei nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er bekam aber subsidiären Schutz. Er konsumierte Drogen, wurde kriminell. 2016 verletzte er in Bad Münstereifel einen Mann mit einem spitzen Gegenstand. Die Staatsanwaltschaft Bonn versäumte es danach, die Tat an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu melden. 2022 stach Ibrahim A. in Hamburg auf einen Mann ein, zwei Tage später schlug er einem anderen Opfer mit dem Griff eines Messers auf den Hinterkopf. Er kam in ­U-Haft, verglich sich dort mit dem Attentäter vom Breitscheidplatz, wieder erfuhr das BAMF nichts. Am 19. Januar 2023 wurde er aus der Haft entlassen, obwohl er psychisch extrem auffällig war. Wenige Tage später stach er in dem Zug bei Brokstedt wahllos auf Menschen ein. 2024 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt.

Herr Kyrath, der Moderator Markus Lanz hat mal zu Ihnen gesagt: „Wenn man sich mit den Einzelheiten Ihres Falls beschäftigt, dann wird einem schlecht. Dann fragt man sich, wo man eigentlich lebt.“ Hat das Ihre Gefühlslage getroffen?

Ja, es ist absolut erschreckend. Es wird ja immer von bedauerlichen Einzelfällen gesprochen. Aber wir sind mit mehr als 1000 Familien in Kontakt, die in den letzten Jahren Angehörige durch Gewalttaten verloren haben. Es ist immer dasselbe Täter­profil. Es ist fast immer dasselbe Tatwerkzeug. Es ist nahezu immer derselbe Tathergang. Es sind immer dieselben Tatmotive. Und es sind immer dieselben Floskeln derselben Politiker, die nach einer solchen Tat mit Betroffenheit in die Kameras geweint werden. Dann passiert gar nichts. Zwei, drei, vier Wochen später, beim nächsten Fall, stehen die Politiker wieder da, und es wird dasselbe heruntergebetet. Jeder, der da draußen berufstätig ist, weiß, was uns an Nachweispflichten auferlegt wird, dass wir zehn Jahre lang sämtliche Dokumente nachweisen können müssen und so weiter. Ich bin Zahntechniker, 40 Prozent meiner Arbeitszeit muss ich heute für die Dokumentationspflicht aufwenden. Und unsere Politiker erlassen Gesetze, die sie anschließend selbst einfach nicht anwenden. Und das hat dann keinerlei Konsequenzen.

Was läuft sonst politisch schief?

Es rennen Menschen in diesem Land herum, von denen wir gar nicht wissen, woher sie kommen. Wir wissen nicht, ob sie bereit sind, unsere Art zu leben zu akzeptieren. Und dann stopfen wir sie in irgendwelche Containerdörfer, drücken ihnen ­jeden Monat das Bürgergeld in die Hand und meinen, das wäre Integration. Das hat weder mit Christlichkeit noch mit Integration zu tun, sondern befriedigt einzig und allein das moralische Selbstwertgefühl einer wohlstandsverwahrlosten, ideologisch geprägten und weltfremden Kaste. Wir müssen uns um die Menschen kümmern, die wir einladen. Aber wenn ich meine Haustür für jemanden öffne, erwarte ich auch, dass er sich meinen Haus­regeln anpasst. Macht er das, bin ich gerne bereit, ihm zu helfen – solange ich dazu in der Lage bin. Einen oder zwei kann ich vielleicht bei mir im Haus unterbringen. Wenn plötzlich 30 bei mir im Wohnzimmer stehen, habe ich ein ernstes Problem.

Im vergangenen Bundestagswahlkampf war Migration nach dem Mord an einem Kleinkind und einem Passanten durch einen Afghanen in Aschaffenburg das alles bestimmende Thema. Hatten Sie auch da nicht das Gefühl, dass man Ihre ­Sorgen ernst nimmt?

Ich glaube, da geht es mir wie den meisten Menschen in diesem Land: Was man uns vor der Wahl versprochen hat, war nach der Wahl sehr schnell vergessen.

Bei Ihnen klingt es, als wäre immer noch 2015. Beim Thema Migration sagen aber heute doch selbst die meisten konservativen Kommentatoren, dass eine deutliche Kehrtwende zu erkennen sei.

Ich mache diese Einordnung in „konservativ“ oder Ähnliches nicht mit. Es geht um das Basisdemokratische. Ich sehe das bei unseren Bonuskindern. Die stecken jetzt zum Teil im Abitur – und haben manchmal nur zwei Tage die Woche Schule, weil nicht genügend Lehrkräfte da sind. Wie sollen die ihr Abitur schreiben? Wenn ich es noch nicht mal schaffe, meine eigenen Schüler zu unterrichten, kann ich doch nicht Menschen in dieses Land einladen und sie sich selbst überlassen. Ich muss doch dafür sorgen, dass ich dann Lehrer habe, die sie unterrichten, in Sprache, in Recht, in unseren Grundsätzen, damit sie überhaupt wissen, was auf sie zukommt.

Stadtbild: Poller sichern im Dezember einen Eingang zum Nürnberger Christkindlesmarkt.
Stadtbild: Poller sichern im Dezember einen Eingang zum Nürnberger Christkindlesmarkt.dpa

Sie haben also nicht das Gefühl, dass sich unter der neuen Regierung irgendetwas ­geändert hat?

Ich glaube, es wird viel Kosmetik betrieben, aber viele Probleme werden nicht richtig angegangen. Bei der Migration ­wäre mal ein harter Schnitt vonnöten. Aber es nimmt keiner in die Hand. Ich bin Demokrat durch und durch. Ich spreche mit allen Parteien, ohne Ausnahme. Deswegen bin ich der Meinung, eine Brandmauer ist etwas für dumme Menschen, die sich mit Argumenten nicht wehren können. Wir sind doch eine Demokratie, und hier zählen die Argumente. Aber wir haben es in den letzten Jahren verlernt, uns herzhaft zu streiten. Es wird nur noch stigmatisiert, polemisiert und alles persönlich genommen. Wir müssen uns wieder herzhaft über Themen streiten können, ohne dass das gleich persönlich genommen und geschrien wird: „Oh, der blöde Nazi“ oder „der doofe Corona-Leugner“. Diese Entwicklung macht mir viel mehr Angst, als dass irgendwelche Parteien links oder rechts der Mitte stehen. Die Ausgrenzung stärkt diese Ränder.

Was stärkt radikale Parteien noch?

Das ist ein abendfüllendes Thema. Grundlegend haben wir in den letzten Jahren gemerkt, dass es für uns Bürger nicht besser wurde, egal wer regiert. Alles wird teurer, die ehemals pazifistischen Parteien treiben uns in den Krieg. Und jeder, der mal wagt, etwas zu sagen, wird sofort stigmatisiert und niedergebrüllt, sodass jeglicher demokratischer Diskurs ausgeschlossen wird, der vielleicht dringend nötig wäre.

Wie haben Sie die „Stadtbild“-Debatte erlebt?

Vielleicht hat Herr Merz seine Worte da etwas unglücklich gewählt. Aber ich bin ein Kind der Achtzigerjahre, und ich bin glücklich, dass ich in einem der freiesten Jahrzehnte aufgewachsen bin, die es jemals in diesem Land gab. Wir sind nach der Schule mit Klaus, Günther und Ahmed ins Schwimmbad gegangen. Wir brauchten kein Sicherheitspersonal. Wir mussten nicht durch Schleusen. Wir sind mit Klaus, Günther und Ahmed auch zum Weihnachtsmarkt gegangen, haben da Glühwein getrunken und unseren Spaß gehabt. Wir mussten nicht über Betonpoller klettern. Da hat sich das Stadtbild doch eindeutig verändert. Warum brauchen wir das heute alles? Warum müssen wir unsere Weihnachtsmärkte einmauern? Das hat ja seine Gründe. Insofern ist die Aussage von Merz nicht falsch. Es ist wichtig, dass wir solche Diskussionen führen – vor allem für die Sicherheit unserer Kinder.

DSGVO Platzhalter

Die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) war am Tag nach der Tat in Brokstedt auf dem Bahnsteig. Sie haben einmal gesagt, dass Sie auch deswegen an die Öffentlichkeit gegangen seien, weil Sie dieser Auftritt so verletzt habe: Faeser ­habe dabei gesagt, das Wichtigste sei jetzt, dass die Tat nicht von Rechtsradikalen instrumentalisiert werde. Es habe kein Wort an die Opfer und an die Hinterbliebenen gegeben. Aber wenn man sich ein Video von Faesers Auftritt anschaut, sagt sie nicht ein Wort über Rechtsradikale, sondern spricht vor allem den Opfern und deren Familien ihr Beileid aus.

Wir haben die Szene, von der ich geredet habe, irgendwo in den Nachrichten ge­sehen. Ich weiß nicht mehr, auf welchem Sender das war. Aber das hat auch Dannys Eltern und viele andere berührt und getroffen. Ich habe das erst Wochen später wahrgenommen und bin aus allen Wolken gefallen. Frau Faeser war ja lange nicht bereit, sich mit mir an einen Tisch zu setzen, erst nach Jahren kam es zu einem Treffen.

Es gibt tatsächlich bei einigen Gruppen den Reflex, nach solchen Taten gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren, zum Beispiel nach der Tat von Aschaffenburg. Wie fühlt sich so etwas für Sie an?

Wenn ich mich recht erinnere, gab es nach Aschaffenburg so eine Demonstration am 27. Januar. Das war zwei Tage, nachdem sich der Mord an Ann-Marie und Danny zum zweiten Mal gejährt hatte. Und dann stehen da gut gelaunte „Omas gegen Rechts“ und halten feixend Plakate hoch. Das fand ich reichlich unpassend. Prominente geben ja auch gern Konzerte gegen rechts oder sprechen sich mit großer Geste für die Aufnahme von Flüchtlingen aus. Bei uns oder anderen Mordopfern hat sich noch nie ein Prominenter für ein Konzert gemeldet. Ebenso wenig ist mir bekannt, dass irgendein Prominenter jemals seinen medienwirksamen Auftritten hat Taten folgen lassen und bei sich zu Hause zwei oder drei Menschen aufgenommen hätte.

Antifa-Demonstration vor einem Jahr in Aschaffenburg: Wenige Tage vorher waren ein Kind und ein Mann getötet worden.
Antifa-Demonstration vor einem Jahr in Aschaffenburg: Wenige Tage vorher waren ein Kind und ein Mann getötet worden.dpa

Sie sagen, dass Sie Kontakt zu mehr als 1000 Familien hätten, die Angehörige durch vergleichbare Gewalttaten verloren haben. Wie sieht dieser Kontakt aus?

Viele Menschen haben sich an mich gewandt, weil sie mich in den Medien ge­sehen haben. Theoretisch und manchmal auch praktisch funktionieren die Hilfsorganisationen gut, die sich nach solchen Taten kümmern sollen, aber oft sieht es leider auch anders aus. Ich weiß von Familien, die ihr Kind verloren haben, da hat nicht mal der Ministerpräsident „Hallo“ gesagt, der Weiße Ring hat nur eine Visitenkarte in den Briefkasten geschmissen, und das war’s. Es hat ihnen niemand geholfen, auch finanziell nicht. Deswegen versuchen wir zu helfen. Wir haben ein tolles Freundesnetzwerk, auch aus Menschen, die gerade ihre Kinder verloren ­haben. Was uns fehlt, ist politische und finan­zielle Unterstützung, wir finanzieren das alles aus eigener Tasche. Wir haben das in der Politik breit kundgetan, haben Lösungsvorschläge angeboten, die aber nicht gehört werden wollen. Es kommen fadenscheinige Argumente, uns würden irgendwelche Lehrgänge fehlen, oder es wäre kein Geld da. Es gibt aber keinen Lehrgang, der dir vermitteln kann, wie es sich anfühlt, dein einziges Kind zu verlieren. Und Deutschland wirft jedes Jahr so viel Geld sinnlos aus dem Fenster, wir brauchten nur einen winzigen Bruchteil davon.

Was sind denn Ihre Lösungsvorschläge?

Es geht vor allem um die Zeit nach so einer Tat: Wie können Rettungsorganisationen geschult werden, wer ist der Ansprechpartner? Wenn Ihr Kind ermordet wird, sitzen Sie die ersten vier Wochen wie in einer Blase. Sie wissen überhaupt nicht, was passiert. Aber es kommen die Staatsanwaltschaft, die Kripo, Tausende von Ämtern, von denen Sie noch nie gehört haben. Alle wollen etwas unterschrieben haben. Und wenn Sie das erste Mal nach vier oder sechs Wochen wieder halbwegs klar denken können, haben Sie Rechnungen von 25.000 Euro auf dem Tisch liegen, wovon Sie gar nicht wissen, wofür das ist. Das beginnt mit der Beerdigung des Kindes, Sie mieten Kirchen, kaufen den Sarg und müssen Obduktionen bezahlen. Wir wollen ein Netzwerk aufbauen, bei dem wir sofort mit eingebunden werden, wenn so etwas passiert ist. Wir hätten sofort jemanden, der vor Ort ist, der die Presse abschirmt, der sich um die nötigen Schritte kümmert. Wir wollen Menschen, die das Schlimmste im Leben getroffen hat, auffangen und aufbauen, damit sie das erste Jahr überstehen und nicht in den finanziellen oder seelischen Ruin rennen.

Sie haben mal gesagt, dass das bei Ihnen sehr gut gelaufen sei. Bis heute betreue Sie eine Polizistin. Wie sieht das aus?

Diese Beamtin ist uns von Anfang an zur Seite gestellt worden als Schnittstelle zu den Behörden. Das ist eine ganz tolle, intelligente Frau, im Nachgang hat sich daraus ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Sie war auch noch nie so nah an so einem Fall dran. Das nimmt auch Beamte mit, das ist nicht wie Knöllchen schreiben. Die Polizisten kommen in die Familien, sie sehen, welches Leid dahintersteckt. So eine Tat erschüttert auch Freunde, Mitschüler, Lehrer, Sportvereine, Kirchen. Nicht nur für Familien ist es eine riesige Herausforderung, daran nicht kaputtzu­gehen. Für uns war es ein schönes Gefühl, dass man für den Beamten nicht Fall Nummer 26 ist und er jetzt zu 27 übergeht.

Bahnhof in Brokstedt: Ein Kreuz erinnert an die Opfer der Messerattacke.
Bahnhof in Brokstedt: Ein Kreuz erinnert an die Opfer der Messerattacke.dpa

Ihrer Einschätzung zufolge war das aber eher Glück, und es müsste Strukturen geben, die sicherstellen, dass jeder in so einem Fall so aufgefangen wird, richtig?

Das sind unsere Bestrebungen. Aber wir werden da nicht nur ausgebremst, wir werden regelrecht boykottiert, so etwas in Deutschland aufzubauen. Es wäre für die Bundesregierung eine Kleinigkeit, uns zu unterstützen. Aber da passiert gar nichts, im Gegenteil, es wird nach Ausreden gesucht. Bis jetzt bezahlen wir das alles aus eigener Tasche. Irgendwann werden die finanziellen Mittel dahingehend aufgebraucht sein.

Mit welcher Stelle hatten Sie zu tun?

Bis ganz nach oben, bis ins Innenministerium nach Berlin.

Wenn wir als Journalisten über Taten wie die in Brokstedt berichten, fokussieren wir uns auf die Täter, weil wir die Angehörigen der Opfer möglichst in Ruhe lassen wollen. Dadurch geht es medial fast nur um die Täter. Wie könnte man das besser machen?

Das ist eine wirklich spannende und sehr gute Frage. Für die Medien zählen am Ende Klickzahlen, Einschaltquoten und der Verkauf von Werbeanzeigen. Und natürlich verkauft sich die dramatische Story eines bösartigen Täters besser als die Trauergeschichte irgendwelcher Familien und Angehörigen. Auf der anderen Seite ist es ehrenwert, dass man sagt, man lässt die Opfer in Ruhe. Aber man müsste einen Mittelweg finden. Ich weiß aus Erfahrung, dass viele Opfer gerne etwas gesagt hätten, aber nie gefragt wurden. Vielen rate ich auch von Presseterminen ab. Was sie in so einer Ausnahmesituation sagen, kann ja schnell gegen sie verwendet werden. Sie müssten in ihrem Frust, in ihrem Leid, in ihrem Schmerz das Recht haben, alles zu sagen. Aber es wird heute eben jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und nach Möglichkeit negativ ausgelegt. Manchmal muss man Menschen deswegen vor sich selbst schützen. Es gibt aber ja Betroffene, die sich äußern. Insofern wäre es vielleicht besser, wenn man denen mal zuhört. Stattdessen wird oft diese Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Aber auch dafür stehen wir mit unserem Netzwerk bereit, um den Opferfamilien medial zur Seite zu stehen.

Was meinen Sie genau mit Täter-Opfer-Umkehr?

Es wird fast hysterisch nach Ausreden gesucht, warum ein Mörder einen anderen Menschen umgebracht hat – insbesondere wenn ein Migrationshintergrund vorhanden ist. Für mich persönlich spielt es aber doch keine Rolle, woher der Mörder kam, was der Täter hatte oder warum er mein Kind ermordet hat. Ann-Marie kommt nie wieder. Ich werde mein Kind nie wieder in den Arm nehmen können, um ihm zu ­sagen, dass ich es liebe. Da ist es mir egal, ob der Täter psychisch krank war, ob er traumatisiert wurde, ob er das aus Jux und Tollerei getan hat oder aus Lust am Morden. Das bringt mein Kind nicht wieder oder macht es lebendig. Mein Kind ist tot, ich sehe es nie wieder in meinem ganzen Leben. Und ich muss die nächsten 30, 40, 50 Jahre damit leben. Für einen solchen Menschen darf da nicht immer noch nach Ausreden gesucht werden. Der soll nie wieder das Licht der Welt sehen. Das sieht meine Tochter auch nicht mehr.

War für Sie der Gang in die Öffentlichkeit das Richtige?

Ich habe in meinem Leben leider schon oft meinen Kopf für meine Überzeugungen hingehalten, ohne viel darüber nachzudenken, und dafür immer Konsequenzen tragen müssen. Das war in diesem Fall auch so, aber inzwischen kann ich mit den Konsequenzen ganz gut leben. Wir schaffen es, viele Menschen zu bewegen und eine Botschaft zu vermitteln. Es geht hier nicht darum, Migration oder Ausländer an den Pranger zu stellen. Es geht darum, dass wir ein ernsthaftes Problem haben. 2024 gab es durchschnittlich jeden Tag 80 Messerangriffe in Deutschland. Die polizeilichen Statistiken zeigen in aller Deutlichkeit, wie die Täterprofile verteilt sind. Und es nutzt ja nichts, das totzuschweigen, weil es rechts oder links ist, sondern wir müssen das Ganze vernünftig ansprechen, ohne zu stigmatisieren, ohne zu beleidigen. Das sind wir unseren Kindern schuldig. Für die spielt Herkunft keine Rolle: Als Ann-Marie drei oder vier Jahre alt war, waren wir in Wien. Sie wollte auf den Spielplatz, und da saß ein asiatisch aussehendes Mädchen. Die beiden haben sich überhaupt nicht verständigen können. Ann-Marie plapperte in ihrem Deutsch vor sich hin und das andere Mädchen in irgendeiner asiatischen Sprache. Nach fünf Minuten haben sie über Stunden zusammen gespielt. Kinder kennen keine Hautfarbe, Kinder kennen auch keine Sprache, Religion oder politische Richtung. Die beste Freundin meiner Tochter war vor ihrem Tod eine Syrerin, die vor dem Krieg geflohen war.

Gibt es heute Momente, in denen Sie dankbar an die schönen Zeiten mit Ann-Marie zurückdenken können?

Es ist immer wellenförmig. Natürlich erinnere ich mich an die schönen und an die tollen Zeiten. Wir sind auch dankbar, dass wir 17 Jahre lang ein tolles Mädchen hatten. Aber gerade in den Weihnachtstagen, an ihrem Geburts- und Todestag kommt die Trauer wieder hoch. Das ist sehr schwer zu verarbeiten alles. Die ersten neun Monate ist man wie im freien Fall, dann kommt der Aufschlag. Viele Angehörige haben nur noch den Wunsch, zu ihren Kindern zu gehen. Denen möchte ich gerne helfen. Es ist wahnsinnig schwer, weiterzuleben. Allein schafft man das nicht. Daher geben wir immer wieder Ann-Maries Lebensmotto weiter: „Auf­geben ist keine Option!“ Das hat schon vielen Menschen geholfen. Und wir wissen auch von einigen, die es sich auf den Unterarm haben tätowieren lassen.