Stand: 03.11.2025 11:49 Uhr
Nach der Pleite in Köln, der dritten in der Fußball-Bundesliga in Folge, ärgerten sich beim HSV viele über knappe Schiedsrichter- und VAR-Entscheidungen. So emotional nachvollziehbar das ist, so sehr standen sich die Hamburger aber auch erneut selbst im Weg. Sportvorstand Stefan Kuntz mahnt, Fehler „allmählich abzustellen“.
Der Frust beim HSV war gewaltig. Auch wegen „externer Faktoren“ sei das Aufsteigerduell beim 1. FC Köln verloren gegangen, beklagte Trainer Merlin Polzin nach dem bitteren 1:4 (0:1). Der 34-Jährige hatte dabei Schiedsrichter Daniel Schlager im Sinn: „Wen sonst?“ Der Unparteiische hatte zwei Hamburger Treffer aberkannt und zudem Fabio Viera und Immanuel Pherai Gelb-Rot gezeigt.
„Wir haben noch mal einen offenen Austausch mit dem Kollegen Schlager gehabt“, sagte Polzin: „Aber ich bin mit den getroffenen Entscheidungen nicht einverstanden.“ Drei Dinge störten Polzin: Zum einen bemängelte er den langen Einsatz des Videobeweises beim aberkannten Treffer von Viera, erst nach mehr als sechs Minuten hatte Schlager auf ein Foulspiel im Vorfeld des Treffers entschieden. Zudem vermisste der HSV-Coach „Verhältnismäßigkeit“ und „Fingerspitzengefühl“ bei den Platzverweisen. „Ich muss aufpassen, was ich sage“, polterte auch Kapitän Yussuf Poulsen.
Verständnis und Zustimmung bekamen Polzin und Poulsen von FC-Coach Lukas Kwasniok, der ebenfalls sagte, dass „die externen Faktoren heute auf unserer Seite waren. Zwei aberkannte Tore, zwei Platzverweise – was der HSV danach mit zwei Mann weniger hier trotzdem noch gezeigt und gespielt hat, das war schon beachtlich.“
„Wir waren in der ersten Halbzeit nicht wach und auch nicht gut genug, das müssen wir festhalten, zumal wir uns das 0:1 selbst eingeschenkt haben.“
HSV-Verteidiger Miro Muheim
So nachvollziehbar der Frust nach einer zumindest in der zweiten Hälfte erneut sehr ordentlichen Leistung bei den Hamburgern war, gehört zur Wahrheit auch: Die Niederlage war verdient – und in weiten Teilen selbstverschuldet. Denn die Schiedsrichter-Entscheidungen mögen für die aufopferungsvoll kämpfenden „Rothosen“ hart gewesen sein, aber alle waren nachvollziehbar.
Remberg: „Verdient verloren“
Linksverteidiger Miro Muheim machte denn auch vor allem die schwächere erste Hälfte als einen der Faktoren für die dritte Liga-Niederlage in Folge aus: Da sei die Mannschaft „nicht wach und auch nicht gut genug“ gewesen, „das müssen wir festhalten“. Und Mittelfeldspieler Nicolai Remberg befand, „dass wir dieses Spiel am Ende aufgrund der ersten Hälfte, so ehrlich müssen wir zu uns selbst sein, verdient verloren haben“.
Köln ruhiger und reifer als der HSV
In den ersten 45 Minuten hatte der HSV gegen das gute Positionsspiel der Kölner kaum Zugriff und kam zu selten in die Zweikämpfe und zu Ballgewinnen. Zudem gelang der Übergang ins eigene Offensivspiel kaum, wenn die Hamburger doch den Ball hatten. Dennoch war der Rückstand aus Hamburger Sicht ärgerlich, weil „wir uns das 0:1 selbst eingeschenkt haben“ (Muheim). Albert Sambi Lokonga verlor 30 Meter vor dem eigenen Tor den Ball, wenige Sekunden später traf Ragnar Ache zum 1:0 für die Gastgeber (25.).
Das Kwasniok-Team agierte nicht nur in dieser Szene ruhiger und reifer als die Hamburger, die auch im zweiten Durchgang den ersten Fehler begangen. Anstatt selber einen Angriff zu starten, verloren sie auf der linken Seite den Ball und wurden ausgekontert. Lokonga zog in höchster Not einen Freistoß, den Florian Kainz herrlich zum 2:0 verwandelte.
Fehler schlagen starke Moral
Dass der HSV trotz aller Nackenschläge immer weitermachte und sich nach Jean-Luc Dompés Anschlusstreffer durchaus auf dem Weg befand auszugleichen, spricht für die intakte Moral der Mannschaft und eine ordentliche Portion Resilienz.
Dennoch stand auch in Köln die Erkenntnis, dass sich das Team aktuell zu oft selbst im Weg steht. War es beim unglücklichen 0:1 gegen den VfL Wolfsburg in der Vorwoche der eklatante Mangel an Effizienz, führte im Rheinland die zu hohe Anzahl an Fehlern zur Pleite. Denn auch wenn Pherais Platzverweis durch sein Wegrutschen vielleicht unglücklich gewesen sein mag: Der HSV ist mit mittlerweile vier Hinausstellungen in neun Partien in der Fairplay-Wertung auf dem vorletzten Platz der Bundesliga. Nur der Tabellen-17. Mainz ist in dieser Hinsicht schlechter, weil der FSV mehr Gelbe Karten und glatt Rote Karten hat.
„Rekordmänner“ Vieira und Pherai als Sinnbild für zu viele Platzverweise
Vieira, als Spielgestalter gedacht, ist dabei ein Stück weit zum Sinnbild dieses Problems geworden. Der Portugiese musste in Köln bereits zum zweiten Mal in dieser Spielzeit vom Platz. Nachdem er am fünften Spieltag bei Union Berlin mit Rot vom Platz geflogen war, sah er gegen den FC wegen des Reklamierens von Zeitspiel Gelb-Rot. Damit ist er in der Bundesliga-Historie seit Sonntag der Spiele mit den wenigsten Einsätzen (fünf) bis zum zweiten Platzverweis. Der vorherige Rekord hatte bei sieben gelegen – datierend aus dem Jahr 2013 und gehalten vom Mainzer Shawn Parker (sieben Einsätze).
Doppel-Rekordhalter der unschönen Art wurde Pherai – für das schnellste Gelb-Rot (nur 42 Sekunden lagen zwischen beiden Gelben Karten) sowie dafür, dass zwischen Einwechslung und Platzverweis nur zwei Minuten verstrichen.
„Wir verlieren nicht den Fokus, müssen aber schauen, dass wir die Kleinigkeiten, die wir noch nicht gut machen, allmählich abstellen.“
HSV-Sportvorstand Stefan Kuntz
Auch deshalb äußerte sich Sportvorstand Stefan Kuntz nach der Partie und mahnte an, dass „wir schauen müssen, dass wir die Kleinigkeiten, die wir noch nicht gut machen, allmählich abstellen. Denn, so der 63-Jährige, „am Ende helfen uns die grundsätzlich schönen Spiele nur bedingt weiter, denn wir benötigen Punkte. Und davon hatten wir zuletzt dreimal in Folge keine.“
Am Sonnabend kommt Dortmund in den Volkspark
Es ist ein zarter Weckruf, dass der HSV immer dann im bisherigen Saisonverlauf punktete, wenn er in der Basis-Arbeit – Lauf- und Zweikampfstärke, Umschaltspiel, Effizienz – überzeugte. Alarm schlagen will der Vorstandsboss aktuell noch nicht, wohl aber die Sinne schärfen. Denn gegen den nächsten Gegner Borussia Dortmund am Sonnabend (15.30 Uhr, im NDR Livecenter) wird es die umso mehr brauchen.
„Gefährlich wird die Situation nur dann, wenn man nicht der Realität von null Punkten aus drei Spielen entgegenblickt“, sagte Kuntz. Der Auftritt gegen den BVB wird zeigen, ob neben den Verantwortlichen auch die Spieler die Situation richtig einschätzen.
BVB zuletzt ultra-effizient
Denn die Westfalen sind vor allem eines: effizient. Anschauungsunterricht dafür gab es beim knappen 1:0 des BVB in Augsburg. Das Tor durch Serhou Guirassy resultierte aus einem eklatanten Missverständnis zweier FCA-Verteidiger. Der Stürmer schnappte sich den Ball und erzielte den Siegtreffer.
Zwar spielen die Augsburger bislang eine weitaus schlechtere Saison als der Aufsteiger aus der Hansestadt, der Fehler aber ist ein ganz ähnlicher wie die, die dem HSV in Köln oder zuvor gegen Wolfsburg und in Leipzig wehgetan haben. Und die, werden sie nicht abgestellt, gegen den BVB umso mehr wehtun dürften. Für Kuntz ist klar: „Die Spiele werden nicht einfacher.“




