Valentino: Sieben Aspekte zur Schönheit – Stil

Julia Roberts nahm bei der Verleihung 2001 einen Oscar entgegen - in einem Kleid von Valentino, das über Nacht selbst zum Star wurde.
Julia Roberts nahm bei der Verleihung 2001 einen Oscar entgegen – in einem Kleid von Valentino, das über Nacht selbst zum Star wurde. (Foto: IMAGO/AGENCE / BESTIMAGE/IMAGO/Bestimage)

Das Kleid

Rot hin oder her, eines der Valentino-Kleider, das am meisten in Erinnerung bleiben wird, ist die schwarz-weiße Robe, die Julia Roberts 2001 bei den Oscars trug. Und zwar nicht nur, weil sie darin den Preis für die beste Hauptdarstellerin in Erin Brockovich gewann. Das Kleid sah zum Niederknien aus, so richtig „Venedig-sehen-und-sterben”-mäßig, weil danach wirklich nicht mehr viel kommen kann; zumindest wenn es um die für Valentino typischen Messlatten Schönheit und Eleganz geht. Von vorne ist der Entwurf relativ schlicht gehalten. Schwarzer Velours besetzt mit einem Band aus weißem Satin, das sich am Dekolleté zu einem großen „V“ aufspreizt, dazwischen ein diskreter transparenter Einsatz. Aber die Rückseite! Da sind es plötzlich sieben weiße Satinbänder, die in der Mitte zusammenlaufen und dann in Kaskaden mit dazwischen gesetztem Tüll sanft nach außen aufspringen. Zusätzlich für Aufsehen sorgte, dass es sich um ein altes Design aus der Herbst-Winter-Kollektion 1992/1993 handelte. Heute tragen alle andauernd Vintage, damals grenzte das noch an eine Sensation. Roberts konnte sich übrigens bis heute nicht davon trennen. Es lagert in einer Schachtel. Unter ihrem Bett.

Ein Vermächtnis des Meisters - Schleife bei einem Valentino-Dress auf der Paris Haute Couture Fashion Week 2019
Ein Vermächtnis des Meisters – Schleife bei einem Valentino-Dress auf der Paris Haute Couture Fashion Week 2019 (Foto: picture alliance / Photoshot/picture alliance / Photoshot)

Die Schleife

Es ist leicht, die Schleife als harmloses Attribut zu unterschätzen, das nur für ein bisschen Hello-Kitty-Niedlichkeit sorgt. Wer je einem Kind das Binden von Schnürsenkeln beigebracht hat, weiß aber, wie kompliziert es ist, die losen Enden einigermaßen kunstvoll zusammenzufügen. Die Doppeldeutigkeit der Schleife, scheinbar stabil, aber trotzdem mühelos zu öffnen, hat schon viele Epochen fasziniert, vor allem Barock- und Rokoko-Gewänder spielten mit der versteckten Anzüglichkeit. Für Valentino wurde die Schleife schon früh zu einer Art Markenzeichen, ein dekoratives Grundelement, das er auf viele seiner meist schlicht geschnittenen Entwürfe hintupfte, ohne sie zu überladen. Es kommt eben auf die Dosis an. In seinem Fall mit dem bekannten Ergebnis: Sehr viel Eleganz, eine Spur Verspieltheit und als Ergebnis dieser Mixtur die federleichte Valentino-leggerezza.

Valentino während eines Fototermins zur Präsentation des Dokumentarfilms 'Valentino: The Last Emperor' in Rom.
Valentino während eines Fototermins zur Präsentation des Dokumentarfilms ‚Valentino: The Last Emperor‘ in Rom. (Foto: Alessandra Tarantino/Alessandra Tarantino/AP/dpa)

Die Stadt

Im italienischen Modehimmel muss man sich das ungefähr so vorstellen: Alles in hübscher Ordnung, bei den Big Three passen Herkunft und Stil genau zusammen. Der kühle Herr Armani kommt aus dem fleißigen Mailand, Gianni Versaces Opulenz hat mit dem Hang des Südens zum Melodrama zu tun. Und der kultivierte Valentino Garavani kann von keinem anderen Ort der Welt abstammen als Rom, quasi das Synonym für verfeinerte Ästhetik. Die Ironie ist, dass ausgerechnet Valentino, mit seinem klassischen Profil selbst ja Inbegriff des Römers, gar kein Römer war. Trotzdem hat den gebürtigen Lombarden (aus Voghera, knapp 40 000 Einwohner, wenig Grandezza) nichts so geprägt wie Italiens Hauptstadt, wo er seine berufliche Laufbahn mit einem schon in sehr jungen Jahren aristokratischen Selbstbewusstsein und einem Atelier mitten im historischen Zentrum begann. Die schöne Form, das harmonische Äußere sind dort allgegenwärtig, in Arenen, Kirchen, Palästen – und dem Alltag der Menschen. Nur Ignoranten können das als Oberflächlichkeit geißeln. Bitte möglichst nie schlampig aus dem Haus gehen, und nach der Sommerpause kommt es unbedingt auf möglichst ebenmäßige Bräune an! Der stets makellos gekleidete Valentino perfektionierte die abbronzatura zu einem 365-Tage-Capri-Teint. Und die imposanten Bauten vom Trevi-Brunnen bis zum Colosseum, sozusagen um die Ecke seines Studios, nutzte er als Hintergrund für Shootings und Alta-Moda-Schauen. Dadurch umwehte seine Marke von Anfang an fast automatisch eine Aura des Grandiosen, Bedeutsamen. Und Valentinos Kollektionen haben dieses große Schönheits-Versprechen so gut wie immer eingelöst, ein halbes Jahrhundert lang. Was in der Mode nichts anderes bedeutet als: eine Ewigkeit.

Szenenbild aus der „La Traviata“ Inszenierung von Sofia Coppola in Rom im Jahr 2016 - die Kostüme kamen von Valentino.
Szenenbild aus der „La Traviata“ Inszenierung von Sofia Coppola in Rom im Jahr 2016 – die Kostüme kamen von Valentino. (Foto: imago stock/IMAGO/Newscom World)

Die Oper

Einer seiner letzten großen Auftritte war so etwas wie sprichwörtliche Kreisschließung und Seligsprechung in einem. 2016 entwarf der nie ganz pensionierte Couturier die Kostüme für La Traviata am Teatro dell’Opera di Roma. Selbstredend nicht für irgendeine Inszenierung. Valentino und sein Partner Giancarlo Giammetti hatten die Produktion mit ihrer Stiftung mitfinanziert, als Regisseurin wurde Sofia Coppola engagiert, Kosten: 1,8 Millionen Euro. Die Oper war eben schon immer eine große Leidenschaft des Italieners, schließlich geht das berühmte Rot auch auf den Besuch einer Carmen-Aufführung in Barcelona zurück. Für die Hauptdarstellerin entwarf Valentino vier Kostüme, unter anderem ein schwarzes Spitzenkleid mit drei Meter langer türkisfarbener Tüllschleppe, das 800 Stunden Handarbeit verschlang. Die restlichen Kostüme jedoch übernahmen die damaligen Valentino-Designer Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli. Freundschaftliches Teamwork zwischen Firmengründer und Nachfolgern? Nie dagewesen in der Mode. Valentino sagte zwar stets „Nach mir die Sintflut”, konnte Schönheit aber würdigen, wenn er sie sah, und erklärte damals mit Tränen in den Augen, Chiuri und Piccioli seien die „Schutzengel” seines Erbes. Grande Emozione, was sonst.

Meryl Streep und Valentino Garavani  in einer Filmszene aus „Der Teufel trägt Prada“.
Meryl Streep und Valentino Garavani  in einer Filmszene aus „Der Teufel trägt Prada“. (Foto: All mauritius images Travel/mauritius images / Landmark Medi)

Der Teufel

Als „Der Teufel trägt Prada“ 2005 in New York gedreht wurde, zeigte Valentino dort zufällig eine Fashion Show. Eher aus Spaß meinte der Regisseur David Frankel deshalb zu seiner Produzentin Wendy Finerman: „Ruf den doch mal an.“ Einige Designer hatten offensichtlich Gastauftritte im Film bereits abgelehnt. Aber Finerman war gut mit Lauren Bacall befreundet, die wiederum, so ein Zufall, gerade auf einer Yacht mit Valentino schipperte und zum allgemeinen Erstaunen hatte der tatsächlich Lust. Die Backstage-Szenen und das Cameo einer „echten“ Figur halfen dem Film damals, auch von der Modebranche ernst genommen zu werden.

Abschied in Rot: Die letzte Haute-Couture-Kollektion aus seiner Feder zeigte Valentino 2008 in Paris.
Abschied in Rot: Die letzte Haute-Couture-Kollektion aus seiner Feder zeigte Valentino 2008 in Paris. (Foto: JACQUES BRINON/ASSOCIATED PRESS)

Die Farbe

Nur ganz wenigen großen Designern ist es gelungen, den eigenen Namen mit einer Farbe zu verknüpfen. Was ja kein Wunder ist, man wechselt die Palette gewöhnlich von Saison zu Saison. Dennoch gibt es natürlich das Grau von Christian Dior – nicht zu hell, nicht zu dunkel, in allen Lebensumständen elegant. Es gibt das Blau von Yves Saint Laurent – satt, leuchtend, mediterran, am schönsten zu besichtigen an den Wänden seiner alten Villa in Marrakesch. Es gibt das Schwarz von Yohji Yamamoto, wobei das bereits nicht ganz korrekt ist, denn der Meister unterscheidet zwischen mehreren Dutzend shades of black. Außerdem gibt es noch die berühmteste Modeschöpferfarbe von allen. „Valentino Red“. Ein satter, aber niemals greller und angenehm wärmender Rot-Ton, der praktisch jedem Teint schmeichelt und immer glamourös aussieht. „Eine Frau in Rot“, hat er selbst dazu gesagt, „ist niemals nur eine von vielen.“

Eine konkrete Geburtsstunde von Valentino Red gibt es nicht, Valentino hat aber einmal von einer Reise nach Barcelona berichtet, die ihn 1959 auch in das dortige Opernhaus geführt habe. Er sei von den roten Kleidern der Damen „überwältigt“ gewesen. Von 1959 an begann die Farbe in seine Kollektionen hinein zu sickern, spätestens Ende der Sechziger war sie sein Markenzeichen, erkannt und kopiert in aller Welt. Wenige Monate vor seinem Rückzug trieb er es noch einmal auf die Spitze: In der Couture-Kollektion für Herbst/Winter 2008 waren ausnahmslos alle Kleider in seinem ikonischen Rot gehalten, die Show gilt als eine der wichtigsten im 21. Jahrhundert. 14 Jahre später hat sein Nachfolger Pierpaolo Picciolo diesen genialen Wurf zitiert und eine Kollektion fast ausnahmslos in der Farbe „Pink PP“ gezeigt, auch das war ein Riesenhype. Aber er hielt nur eine Saison.

Eindrucksvoll dinnieren, auch dafür war Valentino bekannt. Hier ein ganz normaler Abendbrottisch bei ihm, entnommen dem Buch „At the Emperors Table“.
Eindrucksvoll dinnieren, auch dafür war Valentino bekannt. Hier ein ganz normaler Abendbrottisch bei ihm, entnommen dem Buch „At the Emperors Table“. (Foto: Assouline)

Die Abendessen

Valentino Garavani war weit mehr als ein Couturier – er war unter anderem auch ein außergewöhnlicher Gastgeber, dessen legendäre Dinnerpartys und Esskultur in der Branche genauso berühmt waren wie seine Abendroben. In mehreren Interviews und Publikationen ließ sich Valentino darüber aus, wie gern er Schönes und Essen verknüpfte. Für ihn war dabei die Tischdekoration nicht nur funktionaler Rahmen, sondern ein künstlerisches Ereignis, bei dem immer das Beste gut genug war – vom Porzellan über Silberbesteck bis zum Blumenschmuck. „Ich beginne immer mit derselben Grundlage“, erklärt er in einem Interview. „Eine schöne Tischdecke und Leinenservietten. Ich lasse niemanden an meinem Tisch sitzen, ohne dass ein Teller vor ihm steht. Wenn ein Teller abgeräumt wird, sollte sofort ein anderer sauberer Teller vor einem stehen.“ Das Credo aus seiner gestalterischen Arbeit – „Schönheit ist alles“ – bezog sich jedenfalls immer auch auf die Kunst des Bewirtens. In seinen privaten Räumen, etwa dem berühmten roten Speisesaal seiner Residenz, drapierte er stets antike Meissen-Tafelaufsätze und edle Kristallgläser und baute für seine Gäste kunstvolle Tischarrangements.  In dem Buch „Valentino: At the Emperor’s Table“ (Assouline, 2014) dokumentierte Valentino selbst seine Passion für die große Tafel – mit Fotos opulenter Dinnerdekorationen, persönlichen Rezepten und sachdienlichen Hinweisen wie: „Für ein Abendessen mit acht oder zehn Personen brauche ich vier Kerzenständer.“  Diese Dinner, die auch in seinen Häusern in London, New York, Gstaad und Paris stattfanden, waren kunstvoll kuratierte Ereignisse, bei denen die Themen Mode, Raumgestaltung und Essen miteinander verschmolzen. Valentino organisierte neben solchen privaten Abenden aber auch große gesellschaftliche Feste. Besonders bekannt wurde etwa die Feier zum 45-jährigen Bestehen seines Modehauses 2007 in Rom. Es war ein dreitägiges Event mit Dinner, Partys und Ausstellungen, bei dem 500 Gäste aus aller Welt an seinen Tischen zusammen kamen.